Protest gegen Rechtspopulismus - Der Aufstand der Mägde

Eine Fernsehserie erobert die Straßen Amerikas. „The Handmaid’s Tale“ zeigt eine zukünftige Welt, in der eine Gruppe männlicher Tyrannen mit reaktionären und brutalen Mitteln regiert. Frauen verwenden die Kostüme nun als Ausdruck ihres Widerstands gegen Donald Trump

Als Charaktere der Serie „The Handmaid’s Tale“ verkleidete Frauen demonstrieren in Warschau gegen US-Präsident Donald Trump / picture alliance

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer - Britannien und der Brexit.". Foto: Alex Schlacher

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Blutrot sind die Kutten, schneeweiß die Nonnenhauben. Die Frauen in den seltsam züchtigen Kostümen tauchen seit Monaten bei Protestmärschen gegen Donald Trump auf. Mit gesenkten Köpfen standen die Mägde Ende Juni in Washington D.C. vor dem Capitol und demonstrierten schweigend gegen den Versuch, die Gesundheitsversicherung abzuschaffen, die unter Vorgänger Barack Obama eingeführt worden war. Sogar in Warschau, beim Besuch des US-Präsidenten Anfang Juli, wurden die seltsamen Nonnen in der Menge der Demonstrantinnen gesichtet. Die Frauen in den auffälligen Uniformen wirken, als wären sie einem Roman entsprungen.

Das sind sie auch. „The Handmaid’s Tale“ („Der Report der Magd“) heißt die literarische Vorlage der kanadischen Autorin Margaret Atwood aus dem Jahre 1985. Der amerikanische Streaming-Dienst „hulu“ zeigte in diesem Sommer die erste Staffel der Fernsehserie gleichen Namens. In Deutschland ist sie noch nicht angekommen. Elizabeth Moss („Mad men“) spielt die Titelrolle.

Kommentar zu Trumps Sexismus

Der Plot ist düster: Amerika ist in der nahen Zukunft von einer faschistischen, theokratischen Sekte übernommen worden. Eine Gruppe männlicher Tyrannen regiert den Staat Gilead mit reaktionären und brutalen Mitteln. Die meisten Frauen sind wegen Umweltverschmutzung unfruchtbar geworden. Jene, die es nicht sind, werden versklavt und gezwungen, mit den Spitzenfunktionären Kinder zu bekommen. Gilead soll vor dem Aussterben bewahrt werden. Dem zugrunde liegt eine perverse Interpretation des Alten Testaments. Stammvater Abraham, dessen Frau Sarah als unfruchtbar galt, hatte sich schließlich auch schon der Magd Hagar bedient, um Nachkommen zu zeugen – allerdings auf Bitten Sarahs.

In Amerika wird „The Handmaid’s Tale“ als Kommentar zu Donald Trumps Präsidentschaft gesehen. Die abwertenden Äußerungen des US-Präsidenten über Frauen sind eine Rückkehr zu einem Sexismus, der in den Vereinigten Staaten eigentlich nicht mehr salonfähig war. „Dass es möglich ist, den Fortschritt bei Frauenrechten zurückzunehmen, wirkt heute wahrscheinlicher als zu der Zeit, als Margaret Atwood ihren Roman schrieb“, schrieb die Schriftstellerin Francine Prose in der New York Review Of Books. Atwoods dunkler Roman zählt neben George Orwells „1984“ zu den Standardwerken der warnenden, anti-utopistischen Literatur.

Der Fortschritt ist nicht gesichert

Nicht nur Frauen geht „The Handmaid’s Tale“ unter die Haut. Amerikanische Frauen kämpfen zwar nicht mit Unfruchtbarkeit. Und die Chancen, dass Frauen zum Zwecke der Kinderproduktion versklavt werden, sind gleich Null. Doch die Serie hinterlässt das ungemütliche Gefühl, dass Fortschritt nicht gesichert ist. Dies entspricht dem Zeitgeist. Das zunehmende Gefühl der Verunsicherung über die Zukunftschancen der nächsten Generation fördert xenophobe Bewegungen, die in Polen, Ungarn, den USA und Großbritannien Regierungen an die Macht gebracht haben, die aus den Ängsten der Wähler Kapital schlagen.

Rechte für Schwule und Lesben etwa, die gerade erst durchgesetzt worden sind, sind unter reaktionären Regierungen durchaus wieder bedroht. In den USA, wo Frauen wie Hillary Clinton schon dabei waren, die gläserne Decke zu durchbrechen, droht unter den ultrakonservativen Trumpisten ein Backlash. Gemeinsam mit seinem extrem religiösen Vize Mike Pence verfolgt Trump eine Politik, die Errungenschaften der Frauenrechtsbewegung zurückrollen soll. Dies schlägt sich bereits in Gesetzesvorschlägen nieder. Im April unterschrieb Trump ein Gesetz, das die staatliche Unterstützung von „Planned Parenthood“ erschwert, einer Organisation, die Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbrüche anbietet.

Protestbewegung wird stärker

„Wir verkleiden uns als Mägde wie in der Serie, weil wir der Regierung eine Botschaft schicken wollen“, sagte Elaine Lipsiea, eine der Demonstrantinnen, die vor dem Capitol gegen die geplanten Maßnahmen gegen „Planned Parenthood“ demonstrierten. „Wir nehmen die Errungenschaften der Frauenbewegung sehr ernst. Wir werden sie uns nicht einfach wegnehmen lassen.“

Die Protestbewegung gegen Trumps Politik ist in den vergangenen Monaten erstarkt. Bisher konnte Präsident Trump nicht einmal in seiner eigenen Partei durchsetzen, dass die Gesundheitsreform seines Vorgängers wieder zurückgenommen wurde. Im Juli stimmten einige republikanische Senatoren gegen den von der Trump-Administration eingebrachten „Better Care Reconciliation Act“, der Obamacare ersetzen hätten sollen. Die Reform ist damit erst einmal klinisch tot.

Auch in Australien, Israel und Polen gesichtet

So leicht lassen sich Bürgerrechte nicht einschränken. Die protestierenden Mägde sind in dieser Welle des Widerstands nur eine Randerscheinung, doch ob ihrer auffälligen Kostüme ist ihr Wiedererkennungswert hoch – sie wurden schon in Texas, aber auch in Sydney und Tel Aviv gesichtet.

Auch nach Warschau kamen die Mägde Anfang Juli gerade zur rechten Zeit. Die rechte polnische Regierung wollte ihren Einfluss auf die Gerichte ausweiten. Zehntausende Demonstrantinnen gingen tagelang gegen die geplanten Reformen auf die Straße. Am Ende legte der polnische Präsident Andrzej Duda gegen die neuen Gesetze ein Veto ein. Für die Frauen in den roten Kutten, die sich unter die Demonstrantinnen gemischt hatten, ein Etappensieg.

Dystopische Fiktion erreicht die Modeindustrie

Zur Zeit herrscht Sommerpause in den Parlamenten und auf den Straßen. Unter den dicken Kutten wäre es derzeit auch etwas heiß. Doch im Herbst geht es dann weiter. In Amerika wird unter Hochdruck an der zweiten Staffel von „The Handmaid’s Tale“ gearbeitet. Im Weißen Haus basteln Donald Trump und Mike Pence an weiteren neokonservativen Gesetzesentwürfen zur Einschränkung von Abtreibungsgesetzen.

Den Laufsteg hat die dystopische Fiktion auch bereits erreicht. Das New Yorker Modehaus Vaquera hat eine eigene Handmaid-Kollektion herausgebracht. Sie spielt neckisch mit der Züchtigkeit der Uniformen. Bei den Demonstrationen gegen den ungeliebten Präsidenten im Herbst wird es aber auch ein selbstgemachter roter Überwurf und ein weißer Nonnenhut aus Pappkarton tun.