Lektionen von Hannah Arendt zu Trump - „Die Massen flüchten in die Fiktion“

Hannah Arendt veröffentlichte 1951 ihr Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“. Heute liest es sich wie eine unheimliche Analyse des Aufstiegs von Donald Trump. Ein fiktives Gespräch über die Atomisierung der Gesellschaft, den Niedergang der Parteien und das Spiel mit der Wahrheit

Die Jüdin Hannah Arendt emigrierte 1933 aus Deutschland / picture alliance

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Constantin Wißmann leitet Cicero Online.

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Frau Arendt, wenn man Donald Trump agieren sieht, fragt man sich immer noch, wie er in einem aufgeklärten Land wie den USA Präsident werden konnte. Ohne die beiden gleichsetzen zu wollen, gibt es in Deutschland unzählige Bücher darüber, wie Hitler hier an die Macht gelangte. Sie haben einige davon geschrieben. Klären Sie uns auf!
Totalitäre Bewegungen sind überall da möglich, wo Massen existieren, die aus gleich welchen Gründen nach politischer Organisation verlangen. Massen werden nicht von gemeinsamen Interessen zusammengehalten, und ihnen fehlt jedes spezifische Klassenbewusstsein, das sich bestimmte, begrenzte und erreichbare Ziele setzt. Der Ausdruck „Masse“ ist überall da zutreffend, und nur da, wo wir es mit Gruppen zu tun haben, die sich, entweder weil sie zu zahlreich sind, oder weil sie zu gleichgültig für öffentliche Angelegenheiten sind, in keiner Organisation strukturieren lassen, die auf gemeinsamen Interessen an einer gemeinsam erfahrenen und verwalteten Welt beruht, also in keinen Parteien, keinen Interessenverbänden, keinen lokalen Selbstverwaltungen, keinen Gewerkschaften, keinen Berufsvereinen. Potenziell existieren sie in jedem Lande und zu jeder Zeit; sie bilden sogar meist die Mehrheit der Bevölkerung auch sehr zivilisierter Länder, nur dass sie eben in normalen Zeiten politisch neutral bleiben und sich damit begnügen, ihre Stimmen nicht abzugeben und den Parteien nicht beizutreten.

Tatsächlich hat Trump in den USA eine Bewegung in Gang gesetzt, die der weißen Mittelklasse. Weder die etablierten Kandidaten seiner Partei, den Republikanern, noch die gegnerischen Demokraten konnten diese aufhalten. Warum gelingt es den etablierten Parteien nicht, so eine Bewegung aufzunehmen oder zu absorbieren?
Wie immer der Prozess der Entfremdung von Volk und Regierung verlaufen mochte, das parlamentarische Parteiensystem ist seit Ende des 19. Jahrhunderts offenbar ständig im Niedergang begriffen und gilt in der Volksmeinung mehr und mehr als eine kostspielige und eigentlich unnötige Institution. Das Phänomen, dass jede Gruppe, die außerhalb des Parlaments mit einem Programm jenseits von Parteien- und Klasseninteressen auftritt, die Chance echter Popularität hat, ist mehr als hundert Jahre alt. Dass diese Gruppen dem Allgemeinwohl dienten und zur Führung der Staatsgeschäfte geeigneter sein würden als das parlamentarische Parteiensystem, war freilich nur ein Schein: sie alle verfolgten in Wahrheit nur das Ziel, ihr eigenes partikulares Interesse an die Stelle der vielen, widersprechenden Interessen der Klassengesellschaft zu setzen und in Form der Parteidiktatur die Macht, also den Staatsapparat, zu ergreifen.

Unterschätzen die Parteien also die Kraft der Masse?
Es war charakteristisch für den Aufstieg der totalitären Bewegungen in Europa, der faschistischen wie der kommunistischen, dass sie ihre Mitglieder aus der Masse jener scheinbar politisch ganz uninteressierten Gruppen rekrutierten, welche von allen anderen Parteien als zu dumm oder zu apathisch aufgegeben worden waren. Der Massenerfolg der totalitären Bewegungen bedeutete das Ende zweier Illusionen, die allen Demokraten teuer gewesen waren. Die erste Illusion war, dass alle Einwohner eines Landes auch Bürger sind, die ein aktives Interesse an öffentlichen Angelegenheiten nehmen, und dass jeder einzelne zwar nicht notwendigerweise in einer Partei organisiert zu sein brauchte, aber doch mit irgendeiner von ihnen sympathisierte und sich von ihr auch dann vertreten fühlte, wenn er selbst niemals wählte. Die Bewegungen bewiesen, dass politische neutrale und indifferente Massen die Mehrheit der Bevölkerung auch in einer Demokratie bilden können und dass es also demokratisch regierte Staaten gibt, die zwar im Sinne des Mehrheitsprinzips funktionieren, in denen aber dennoch nur eine Minderheit herrscht oder überhaupt politisch repräsentiert ist.

Und die zweite Illusion?
Die zweite Illusion war, dass diese politisch neutralen und indifferenten Massen auch ohne politisches Gewicht seien, dass sie wirklich, wenn es sie schon gab, neutral seien und nur den Hintergrund des politischen Lebens der Nation bildeten. Die tiefe Erschütterung des gesamten politischen Lebens, welche die totalitären Bewegungen auslösten, zeigt deutlich, dass eine demokratische Verfassung auf die schweigende Duldung aller politisch inaktiven Elemente in der Bevölkerung angewiesen ist und von dieser inartikulierten und unkontrollierbaren Massenstimmung ebenso abhängt wie von artikulierten und organisierten öffentlichen Institutionen.

Donald Trump im Wahlkampf: „Inartikulierte und unkontrollierbare Massenstimmung“ / picture alliance

Und warum bricht diese Duldung auf?
Mit dem Wegfall der Klassenstruktur verwandelten sich die potenziellen, apathischen Mehrheiten, die bisher hinter jeder Partei gestanden hatte, in eine unorganisierte, unstrukturierte Masse verzweifelter und hasserfüllter Individuen, die nichts verband außer der allgemeinen Einsicht, dass die Hoffnungen der Parteimitglieder auf die Wiederkehr der guten alten Zeit sich nicht erfüllen und dass sie jedenfalls diese Wiederkehr schwerlich erleben würden und dass daher diejenigen, welche bisher die Gemeinschaft vertreten und als ihre artikuliertesten und bestinformierten Glieder respektiert worden waren, in Wahrheit Narren waren, die sich mit den bestehenden Mächten verbündeten, um alle übrigen entweder aus schierer Dummheit oder aus schwindelhafter Gemeinheit in den Abgrund zu führen. Diese Masse verzweifelter und ressentimenterfüllter Individuen wuchs sehr rasch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Österreich, wo Inflation und Arbeitslosigkeit in kurzen Abständen der militärischen Niederlage und ihren Konsequenzen gefolgt waren.

Das bindende Element der Masse ist also der Hass auf die Eliten?
Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken.

Aber warum macht der „Mob“ dann bei den Bewegungen mit, die ihn doch auch mit oft unhaltbaren Versprechen ködern? Warum sind die Menschen da nicht genauso misstrauisch wie bei den etablierten Parteien?
Die Mitgliedschaft der Bewegungen bestand aus Leuten, die nie zuvor auf der politischen Bühne erschienen waren. Dies erleichterte natürlich die Einführung ganz neuer Methoden politischer Propaganda ungemein, es ermöglichte vor allem das Totschweigen der Argumente der politischen Gegner; die Bewegungen stellten sich nicht nur prinzipiell außerhalb des Parteiensystems, sie rekrutierten sich auch eine Mitgliedschaft, die niemals von diesem Parteiensystem erreicht und dadurch auch nie durch es „verdorben“ worden war. So brauchten sie sich um gegnerische Argumente nicht zu kümmern, sie brauchten überhaupt nicht eigentlich zu überzeugen, wenn Überzeugung voraussetzt, dass der Überzeugte vorher eine andere Meinung gehabt hat; sie konnten mitten im Frieden und ohne dass dies von revolutionären Umwälzungen begleitet worden wäre, die Methoden des Bürgerkriegs in die normale politische Propaganda tragen. Sie gingen immer von der Voraussetzung aus, dass ihre eigenen Anhänger mit allen anderen Bürgern nicht das mindeste gemein hätten, und deuteten alle Meinungsverschiedenheiten als unabänderliche Unterschiede sozialer oder völkischer oder psychologischer Natur, die weder von Vernunft erfasst noch von dem Individuum kontrolliert werden konnten.

Wie entsteht denn eigentlich der Eindruck, dass das Parteiensystem verdorben ist? Steckt da nicht auch Wahrheit drin?
Das Einzige, was sich dem Verständnis der Massen, die mit jedem neuen Unglücksschlag leichtgläubiger werden, von der wirklichen Welt noch darbieten will, sind gleichsam ihre Lücken, das heißt die Fragen, die die Welt nicht öffentlich diskutieren will, oder die Gerüchte, denen sie nicht öffentlich zu widersprechen wagt, weil sie, wenn auch in entstellter Weise, irgendeinen wunden Punkt berühren. An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als „nicht salonfähig“ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die „Heuchelei“ und die „Verlogenheit“ des Systems.

Verlogenheit ist ein gutes Stichwort. Die Propaganda-Lügen von Hitler sind bekannt, wegen Trumps, sagen wir, kreativem Umgang mit der Wahrheit, kam das Wort postfaktisch auf.
Dabei handelt es sich um die Einführung der Lüge als ein organisatorisches Mittel. Dass eine fiktive Welt nur durch Lügen zu etablieren ist, ist evident, aber ihre Sicherung bedarf eines in sich zusammenhängenden, dichteren Truggewebes, als es die bekannte Kurzbeinigkeit von Lügen gewähren zu können scheint. Den Lügen wird in totalitären Organisationen dadurch Konsistenz verliehen, dass sie strukturell in die Organisation selbst, und zwar graduiert, eingebaut werden, so dass man schließlich die gesamte Hierarchie der Bewegung, vom naiv Sympathisierenden über die Parteimitgliedschaft und die Eliteformation bis hin zu dem engsten Kreis um den Führer danach beurteilen kann, in welcher Mischung Leichtgläubigkeit und Zynismus sich miteinander vereinen.

Adolf Hitler in Berlin: „Revolte der Massen gegen den gesunden Menschenverstand“ / picture alliance

Welche Rolle spielen die Anführer der Bewegungen darin?
Die Kunst des totalitären Führers besteht darin, in der erfahrbaren Realität geeignete Elemente für seine Fiktion herauszufinden und sie so zu verwenden, dass sie fortan von aller überprüfbarer Erfahrung getrennt bleiben. Dies geschieht dadurch, dass man Erfahrungselemente isoliert und verallgemeinert, also sie dem Bereich der Urteilskraft, die ihnen ihren Platz in der Weltgeschichte angewiesen hatte, entzieht, um dann die so vom gesunden Menschenverstand unabhängig gewordene, aus ihrem allgemeinen Zusammenhang gerissene Erfahrung, in das ihr logisch inhärente Extrem zu treiben. Damit wird eine Konsequenz und Stimmigkeit erreicht, mit der die wirkliche Welt und die nicht verabsolutierte Erfahrung nie und nimmer in Konkurrenz treten können

Man fragt sich aber doch, warum die Menschen so anfällig sind für diese Lügen. Es ist doch gar nicht so schwer, herauszufinden, ob jemand die Wahrheit spricht. Oft genügt doch der gesunde Menschenverstand.
Bevor die totalitären Bewegungen die Macht haben, beschwören sie eine Lügenwelt der Konsequenz herauf, die den Bedürfnissen des menschlichen Gemüts besser entspricht als die Wirklichkeit selbst, eine Welt, in der die entwurzelten Massen mit Hilfe der menschlichen Einbildungskraft sich erst einmal einrichten können und in der ihnen jede ständige Erschütterungen erspart bleiben, welche wirkliches Leben den Menschen und ihren Erwartungen dauernd bereitet. Nicht, weil sie dumm oder schlecht sind, sondern weil im allgemeinen Zusammenbruch des Chaos diese Flucht in die Fiktion ihnen immerhin noch ein Minimum von Selbstachtung und Menschenwürde zu garantieren scheint. Die besessene Blindheit, die der Realitätsflucht der Massen in eine in sich stimmige Welt eigen ist, entspricht ihrer Heimatlosigkeit in einer Welt, in der sie nicht mehr existieren können, weil der anarchische Zufall in Form vernichtender Katastrophen ihrer Herr geworden ist. Die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstands und das, was ihm im Laufe der Zeit plausibel erscheint, ist das Resultat einer Atomisierung, durch die sie nicht nur ihren Stand in der Gesellschaft verloren, sondern mit ihm die ganze Sphäre gemeinschaftlicher Beziehungen, in deren Rahmen der gesunde Menschenverstand allein funktionieren kann. Nur wo der gesunde Menschenverstand seinen Sinn verloren hat, kann ihm die totalitäre Propaganda ungestraft ins Gesicht schlagen.

Die Menschen wollen also belogen werden? Oder warum wählen sie einen offensichtlichen Blender wie Donald Trump?
Das Beisammensein von Leichtgläubigkeit und Zynismus war charakteristisch für die Mobmentalität, bevor es eine alltägliche Erscheinung moderner Massen wurde. In beiden Fällen entstand diese Mischung dort, wo Menschen in einer ständig wechselnden und immer unverständlicheren Welt sich darauf eingerichtet hatten, jederzeit jegliches und gar nichts zu glauben, überzeugt, dass schlechterdings alles möglich sei und nichts wahr. Das Beisammensein von Leichtgläubigkeit und Zynismus war an sich merkwürdig genug, denn es bedeutete das Ende jener Illusion, derzufolge Leichtgläubigkeit das Zeichen primitiver „ungebildeter“ Menschen, während Zynismus das Laster souveräner und raffinierter Geister ist. Diesem Vorurteil macht die Massenpropaganda insofern ein Ende, als sie mit außerordentlichem Erfolg ein Publikum voraussetzt, dass jederzeit bereit ist, leichtgläubig alles hinzunehmen, und sei es noch so unwahrscheinlich, und es doch nicht im mindesten verübelt, wenn der Betrug sich herausstellt, weil es offenbar jede Aussage ohnehin für eine Lüge hält.

Es spielt also gar keine Rolle, ob die Wahrheit verkündet wird?
Totalitäre Führer haben ihre gesamte Propaganda auf die psychologisch richtige Annahme begründet, dass dieselben Menschen heute dazu gebracht werden können, die unglaublichsten Märchen zu akzeptieren, und morgen, wenn sie sich von der Unrichtigkeit der Märchen überzeugt haben sollten, dazu gebracht werden können, zynisch zu behaupten, sie hätten die Lügen von vornherein durchschaut und seien stolz darauf, Führer zu haben, die so souverän andere Leute an der Nase herumzuführen verstünden.

Dieses Interview ist, natürlich, selbst eine Fiktion. Die Philosophin und Schriftstellerin Hannah Arendt, geboren 1906 in Hannover, starb 1975 in New York. Alle Antworten sind unverändert dem Text des Buches „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ entnommen, bis auf wenige, geringfügige Ausnahmen, um den Lesefluss zu erhalten. Mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags.

 

Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. Piper Verlag 1991, 1024 Seiten, 26 Euro.