Thilo Sarrazin - Rassismus im Gewand der Religionskritik

In seinem neuen Buch warnt Thilo Sarrazin vor einer vermeintlichen Islamisierung Europas. Das Werk offenbart nicht nur eine erschreckende Unkenntnis der Quellen. Es scheitert auch an einem wesentlichen Widerspruch

Dieser Weg wird kein leiser sein: Thilo Sarrazin holt in Berlin zum Rundumschlag gegen den Islam aus / picture alliance

Autoreninfo

Der Autor leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Breisgau. Anfang September 2018 erscheint im Claudius-Verlag sein Buch «Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt Verschleiern».

 

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Wer hätte geahnt, dass die seit Jahrhunderten andauernde Sinnkrise des Islam zusehends zu einer Krise des Westens wird? Dass sich zahlreiche gesellschaftliche Probleme des Westens in der Debatte um den Islam bündeln und hitzige Diskussionen entfachen? Trotz aller Forschungen zum Islamismus, trotz aller Kriege in der islamischen Welt und trotz aller Anstrengungen um einen islamischen Religionsunterricht muss man konstatieren: Die Islamwissenschaftler haben viele aktuelle Entwicklungen verschlafen und ihre Deutungshoheit im Diskurs über den Islam verloren. Dominiert wird die Debatte von Stimmen, die laut und undifferenziert, aber erfolgreich Alarm schlagen. Dazu braucht man anscheinend weder Kenntnisse des Arabischen noch aktive Erfahrung mit den Muslimen und der islamischen Welt, weder Vertrautheit mit den Originalquellen noch eigene Recherchen.

Eine dieser lauten Stimmen ist der Volkswirt und Publizist Thilo Sarrazin. Fünf Kernüberzeugungen lassen sich aus seinem neuen Werk „„Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ gewinnen. Erstens: Die Rückständigkeit des Islam sei auf die wortwörtliche Interpretation des Korans zurückzuführen. Dieser Islam sei „beim besten Willen keine Religion des Friedens und der Toleranz, sondern eher eine Gewaltideologie“, in der Liebe und Barmherzigkeit nur den gläubigen Muslimen gälten. Ferner begünstige die Religion des Islam „Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft“ und befördere Stagnation, Intoleranz und Unbildung, indem sie „Wissbegier und Veränderungsbereitschaft“ behindere.

Sarrazin kopiert Methoden der Salafisten

Insgesamt zeichnet Sarrazin ein düsteres Bild vom Islam, wobei er sich ausschließlich auf Koranverse aus der medinensischen Epoche (622-632) beruft, in der Muhammad als Staatsmann einer irdischen Gemeinde agierte. Sich allein auf diesen politisch-juristischen Koran beziehend, kommt Sarrazin zu der Ansicht, der Koran sei in weiten Teilen ein aggressiver Text. Er ignoriert den ethischen Koran der mekkanischen Epoche (610-622) und die historischen Entstehungszusammenhänge der Koranverse, die für jede Form der Exegese eine zentrale Rolle spielen. Pikanterweise kopiert Sarrazin mit diesem Verfahren die Methoden der Salafisten, vor denen er warnt.

Zweitens: Die Verbreitung des Islam ab dem Jahr 634 vollzog sich laut Sarrazin unter Gewaltanwendung und Zerstörung der Kulturgüter anderer Völker. Diese Diagnose dient dem Verfasser dazu, auf „die Gefahren des Islam“ hinzuweisen. Er schreibt sie fort in die Gegenwart, indem er in Kapitel 2 der heutigen islamischen Welt anhand von Statistiken diagnostiziert, unter Bevölkerungsexplosion, wirtschaftlicher Unterentwicklung, niedriger Bildung und diktatorischen Herrschaftssystemen zu leiden. Man könnte hier vom Volkswirt Sarrazin originelle Erkenntnisse erwarten. Doch tatsächlich dient ihm ein Wust an selektiv ausgesuchten und einseitig interpretierten Daten nur dazu, ein eindimensionales Bild der Rückständigkeit der islamischen Welt zu zeichnen. Auch sein Abriss der islamischen Geschichte entspricht nicht dem Stand der Forschung.

 „Religionsbezogenes Intelligenzgefälle“

Drittens: Sarrazin unterstellt ein religionsbezogenes „Intelligenzgefälle“, wobei er den höchsten Bildungsgrad bei Juden, gefolgt von Christen, Religionslosen, Buddhisten und Hindus sieht, während Muslime die niedrigste formale Bildung hätten. Dieser Ansatz wird dem komplexen Phänomen der Intelligenz in keiner Weise gerecht. Freilich, der Verfasser spricht nicht von Rassen oder Ethnien. Doch vom Denkansatz her ist dies eine kulturell determinierte Spielart von Rassismus im Gewand einer angeblichen Religionskritik, durch die er den vermeintlich hochgebildeten jüdisch-christlichen Westen in Opposition bringt zu den vermeintlich ungebildeten Muslimen.

An den Haaren herbeigezogen sind die Begründungen: Die Muslime seien nie Urheber von Geistes- und Wissenschaftserkenntnissen gewesen. Vielmehr hätten sie die Kulturleistungen der von ihnen eroberten Länder zerstört. Es gibt zahlreiche historische Fakten, die dieses einseitige Geschichtsbild widerlegen, etwa der Jahrhunderte währende wissenschaftlich-technische Vorsprung der islamischen Welt gegenüber Europa.

Ein weiterer Teil von Sarrazins islamischer Universalkultur ist die männliche Dominanz. Für ihn werden alle Musliminnen unterdrückt. Die Verbreitung des Kopftuchs sieht er als Symbol für den „Vormarsch des Islams in Europa auf breiter Front“, der mit einer demographischen Expansion aufgrund zahlreichen Nachwuchses und geringer Bildung einhergehe. Sarrazin will vor einer „demografischen Überwältigung“ Europas warnen.

Ohne Islam gäbe es keinen Islamismus

Viertens: Der Islam sei eine reale Herrschaftsmacht in der Welt und für den Westen eine wachsende Gefahr. Seine eigene unscharfe und unsachliche Klassifizierung des Islam in vier Strömungen – konservativer Mainstream-Islam, politischer Islam, terroristischer Islam und aufgeklärter Euro-Islam – konterkariert Sarrazin, indem er den letzteren nahezu ignoriert und die übrigen über einen Kamm schert. Die Vielfalt islamischer Strömungen in der Welt wie auch in Europa ist dem Autor ebenso gleichgültig wie es die innerislamischen Differenzen in Theologie und Lebenspraxis sind.

Ihm zufolge existiert letztlich nur ein einziger Islam, der seit seiner Entstehung die Welt durch gewaltsame Eroberungen beherrsche und seinem göttlichen Gesetz unterjochen wolle. „Die Religion des Islam ist fraglos der Nährboden, auf dem auch der Islamismus gedeiht. Ohne Islam gäbe es keinen Islamismus.“ Dieser Satz ist korrekt, könnte aber genauso für alle religiösen Fundamentalisten der Welt wie jegliche ideologisch motivierte Gewalttäter gelten.

Gefahr einer schleichenden Islamisierung

Fünftens: Der Autor bescheinigt den Muslimen in Deutschland Verantwortung für Kriminalität, Gewalt und Terror. Für die von ihm konstatierte „rückständige und frauenfeindliche Sozialisation“ der in Deutschland lebenden Muslime und ihr schlechtes Abschneiden im Bildungswesen macht Sarrazin pauschal die islamische Glaubenspraxis verantwortlich. Als vermeintlichen Beleg führt er an, die Bildungsleistung muslimischer Kinder in Deutschland entspreche derjenigen, die im Allgemeinen in islamischen Ländern erbracht werde. Dass Bildungssystem, Bildungsstand der Lehrkräfte, soziale Zusammensetzung der Gesellschaften und viele andere Unterschiede einen solchen Vergleich sinnlos machen, unterschlägt Sarrazin.

Er erweckt zudem den Anschein, Muslime erwarteten, dass die anderen Menschen sich ihren Wünschen und Begehrlichkeiten anpassten. Die Verantwortung der solcherart gescheiterten Integration sei nicht auf Diskriminierung zurückzuführen, sondern liege im Mentalen, in der Kultur und in der Religion des Islam. Sodass die Muslime selbst die Verantwortung für ihren Rückstand bei kognitiver Kompetenz, Qualifikation und wirtschaftlichem Erfolg trügen. „Viele Muslime in Europa zeigen Mentalitäten und Verhaltensweisen, die im Islam selbst angelegt sind und die gesamte islamische Welt seit 1000 Jahren prägen.“ Der Autor sieht die Gefahren des Islams für Deutschland nicht nur in einer Radikalisierung der Muslime, sondern vor allem in einer schleichenden Islamisierung, die sich durch Einwanderung und höhere Geburtenzahl in den hier lebenden muslimischen Familien vollziehe.

Meinungsmache und Polemik

Selbst wenn man Sarrazins Rechnung Glauben schenken mag, ist dieses Szenario weit entfernt von der titelgebenden „feindlichen Übernahme“, die ein geplantes, gut koordiniertes Vorgehen voraussetzt. Angesichts des Bildes, das Sarrazin von den Muslimen zeichnet, mutet es umso lächerlicher an. Mit Dringlichkeit jedoch plädiert Sarrazin, die Europäer müssten in ihren Ländern „die kulturelle Führung übernehmen und alles unterbinden, was unserer Kultur feindlich gegenübersteht“.

Der Autor vermag kein fundiertes und differenziertes Bild des Islam zu zeichnen und beabsichtigt es wohl auch nicht. Sarrazin vereinfacht und verzerrt Fakten und Geschichte. Es handelt sich um Meinungsmache und Polemik. Welche Probleme er auch anspricht – Kriminalität, Bildungsferne, Diskriminierung von Frauen, Antisemitismus, Terrorismus – die Ursache ist immer: der Islam.

Sarrazin entwirft einen Islam, der in dieser Form und Homogenität nicht einmal am Anfang der islamischen Geschichte existiert hat. Unter Rückgriff auf ethnozentrische und sozialdarwinistische Ideen sowie Stereotype konstruiert er die Muslime als Feindbild und das Schreckensszenario einer Islamisierung Europas, das jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt. Dabei bedient er weit verbreitete Vorurteile und Ängste und gibt ihnen den Anschein der Berechtigung, egal wie abwegig sie sein mögen. Der vermeintliche Plan zur Islamisierung Europas entpuppt sich so als Popanz, ein monströs aufgeblasenes Schreckgespenst ohne Substanz.

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