CDU-Parteivorsitz - Der klare Favorit heißt Armin Laschet

Entschieden ist das Rennen um den CDU-Parteivorsitz noch längst nicht. Armin Laschet ist zwar seinen Gegnern in vielen Punkten voraus, doch Friedrich Merz kann die Delegierten des Parteitags Ende April noch überzeugen. Nur Norbert Röttgen hat nicht einmal Außenseiterchancen.

Armin Laschet ist auch der Liebling der Medien / dpa
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Dr. Hugo Müller-Vogg arbeitet als Publizist in Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu politischen und wirtschaftlichen Fragen, darunter einen Interviewband mit Angela Merkel. Der gebürtige Mannheimer war von 1988 bis 2001 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Eines hat die CDU der SPD voraus: Sie stellte mit Angela Merkel die erste Fraktionsvorsitzende im Bundestag und die erste Kanzlerin, mit Annegret Kramp-Karrenbauer schon die zweite Verteidigungsministerin. Und mit Ursula von der Leyen steht eine Unions-Frau sogar an der Spitze der Europäischen Kommission. Vielleicht hat das die Partei dagegen immunisiert, jetzt unbedingt eine männlich-weibliche Doppelspitze installieren zu wollen.

Aber ganz ohne Frauen geht’s wohl doch nicht. Obwohl am 25. April nur ein neuer Parteivorsitzender zu wählen ist, versuchen die Bewerber Friedrich Merz und Norbert Röttgen, sich auch als Frauenförderer zu profilieren. Er werde die Position des Generalsekretärs mit einer Frau besetzen, versprach Merz. Und Röttgen verkündete, „die zweite Person in meinem Team wird eine Frau sein“.  Was nicht ganz logisch ist, denn auf dem Stimmzettel wird der Name der Auserwählten sicher nicht stehen. Auch das Team Armin Laschet/Jens Spahn wird sicher noch eine Frau als dritte im Bund benennen – sozusagen als zeitgeistige Dekoration.

Laschets Favoritenrolle

Aber welche Superfrauen Merz und Röttgen auch immer aufbieten mögen: An der Favoritenrolle von Laschet wird das nichts ändern. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident ist seinen beiden Mitbewerbern in vielen Punkten voraus:

-    Laschet hat 2017 unter schwierigen Bedingungen NRW für die CDU zurückerobert. Mit Röttgen dagegen hatte die CDU dort fünf Jahre zuvor nur magere 26 Prozent erreicht. Merz wiederum hat außerhalb seines für einen CDU-Politiker sicheren Wahlkreises noch nie zur Wahl gestanden.

-    Laschet zeigt als Ministerpräsident, dass er regieren kann – und das zusammen mit der FDP. Röttgen war nur kurz Bundesumweltminister. Merz war vor 20 Jahren Fraktionsvorsitzender im Bundestag – für nicht einmal zwei Jahre. 

-    Laschet hat die stärkeren Bataillone hinter sich. Die nordrhein-westfälische CDU stellt 30 Prozent der Delegierten. Nicht wenige werden bei ihrer Stimmabgabe berücksichtigen, dass eine Niederlage ihres Ministerpräsidenten diesen schwer beschädigen würde. Da bekommt der Slogan „Erst das Land (=NRW), dann die Partei“ eine neue Bedeutung.

-    Laschet kann darauf zählen, dass sein Team-Kamerad Spahn Stimmen aus verschiedenen Lagern mitbringt: aus den Reihen der Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik; von den mit der „Sozialdemokratisierung“ der Partei Unzufriedenen – und nicht zuletzt von der Jungen Union.

-    Laschet darf mit der Unterstützung durch große Teile der Frauen-Union rechnen, obwohl die Frauenquote in seinem Zwei-Mann-Team bei null liegt. Schließlich war er in NRW einst Frauen- und Integrations-Minister, was die „Modernisierer*innen“ in der CDU nicht vergessen haben.

-    Laschet kommt zugute, dass die meisten Medien – allen voran die öffentlich-rechtlichen Anstalten – alle Register ziehen, um ihn als den besten der drei Kandidaten darzustellen. Schließlich ist Laschet der grünste unter den drei Bewerbern – und der einzige Merkelianer.

Sympathien an der Basis

Laschets Coup mit Spahn hat Merz in Bedrängnis gebracht. Der verfügt unverändert über große Sympathien an der Parteibasis, weiß auch den Wirtschaftsflügel hinter sich und die konservativen Merkel-Kritiker sowieso. Zudem dürfte er von den baden-württembergischen Delegierten, dem zweitgrößten Block nach NRW, die allermeisten Stimmen bekommen. Merz ist auch der bessere Redner als Laschet, wenn er nicht gerade einen so schlechten Tag erwischt wie auf dem Parteitag 2018.

Aber Merz kann dennoch nicht einfach auf den 48 Prozent von damals in Hamburg aufbauen. Denn es gibt dieses Mal keine Regionalkonferenzen, auf denen er sich besser als AKK und Spahn präsentierte, was wiederum viele Delegierten beeindruckt hat. Weil Merz in den Umfragen am besten abschneidet, haben sich die Medien bereits auf ihn eingeschossen. Er wird als Mann von Vorgestern portraitiert, als Reaktionär, als halber Nazi. Seine bisherige Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender bei der deutschen Tochter der Fondsgesellschaft Blackrock wird unterschwellig so dargestellt, als handele es sich dabei um eine mafiöse Finanzgesellschaft.

Nicht mal Außenseiterchancen

Norbert Röttgen hingegen hat nicht einmal Außenseiterchancen. Zwar konnte er nach seinem politischen Absturz vor acht Jahren als Außenpolitiker an Statur und Gewicht gewinnen. Er verkörpert den modernen Konservativen, ist weniger zeitgeistig orientiert als Laschet und liberaler als Merz. Auch ist er ist ein weitaus besserer Redner als Laschet. Aber Röttgen hat keine Gruppierung in der Partei hinter sich, keine einflussreichen Unterstützer. Seine Kandidatur erinnert an die Spahns vor eineinhalb Jahren: Da will einer die Gelegenheit nutzen, um zu zeigen, was er kann. Sozusagen eine Bewerbung auf Vorrat – für was auch immer.

Für Laschet wie für Merz ist der Parteivorsitz ist nicht das Ziel, sondern das Sprungbrett zur Kanzlerkandidatur. Die CSU verweist aus nachvollziehbaren Gründen darauf, dass es einen gemeinsamen Kandidaten von CDU und CSU nicht ohne Zustimmung aus Bayern geben kann. Gleichwohl wird die Vorsitzendenwahl faktisch die K-Frage beantworten. Deshalb muss die CDU sich fragen, wie sie sich strategisch aufstellen will. Das in den Umfragen ständig abschmelzende Wählerpotential der Union in Richtung „25 Prozent minus X“ lässt bisher Undenkbares möglich erscheinen: Dass die Grünen stärkste Partei werden und dass es für eine Regierung von Grünen, SPD und Linken reichen könnte.

Fast immer pragmatisch

Mit den Kandidaten Laschet und Merz verbinden sich höchst unterschiedliche Erwartungen. Laschet, so hoffen die Merkelianer, werde zu den Grünen abgewanderte Wähler zurückholen. Die Merz-Anhänger dagegen gehen davon aus, eine CDU mit klarem konservativem Profil und wirtschaftspolitischer Kompetenz könne AfD-Wähler und Nichtwähler zurückgewinnen und zudem bei SPD- und FDP-Wählern punkten. Beide Strategien sind nicht ohne Risiko. Eine CDU in Gestalt von „Grün light“ könnte viele Wähler dazu verleiten, dann doch lieber das Original zu wählen. Dasselbe gilt in Bezug auf eine konservativere Ausrichtung. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass gerade nach Halle und Hanau mancher AfD-Wähler erkennt, dass er nicht bei einer konservativen Partei gelandet ist, sondern bei einer neuen NPD.

Bei all dem darf man nicht übersehen, dass die 1001 Delegierten nicht repräsentativ für die Mitglieder oder gar die Wähler der Partei sind. Bei ihnen handelt es sich überwiegend um Berufspolitiker – von Bundesministern über Abgeordnete bis zu Bürgermeistern und Landräten. Die haben in der Vergangenheit fast immer pragmatisch gehandelt. Sie sind denen gefolgt, die ihrer Partei laut Meinungsforschern die besten Ergebnisse versprachen. Auch wenn Laschet derzeit vorn liegt: Falls Merz seinen Vorsprung bei potentiellen CDU-Wählern noch ausbauen kann, könnte das Delegierte, die in Laschet in erster Linie einen Konsens-Kandidaten sehen, zugunsten von Merz beeinflussen. 

Geschichte wiederholt sich nicht. Doch eine Erinnerung drängt sich auf: 2018 ging Merz als Favorit ins Rennen. Das Ergebnis ist bekannt. 
 

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