Putins Russland - Der oberste Russenversteher

Russland und sein wiedergewählter Präsident Wladimir Putin weigern sich beharrlich, die Erwartungen des Westens zu erfüllen. Dabei hat Putin das Land zu sich selbst zurückgeführt. Er versteht, dass der Anschein von Schwäche gefährlicher ist als die Schwäche selbst. Eine Analyse von George Friedman

Er gibt den Russen die Richtung vor, und die lieben ihn dafür: Wladimir Putin / picture alliance

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George Friedman ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten in den Vereinigten Staaten. Der 67 Jahre alte Politologe leitet den von ihm gegründeten Publikation Geopolitical Futures und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Flashpoints – Pulverfass Europa“ im Plassen-Verlag.

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Wladimir Putin wurde als Präsident Russlands wiedergewählt. Das ist nicht die Art von Russland und die Art von Präsident, die liberale Demokraten im Westen erwartet haben, als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach. Sie wollten, dass die Werte und Institutionen der Europäischen Halbinsel auch zu russischen Werten und Institutionen würden und dass sich Russland dem Westen anschließen würde. 

Im Nachhinein ist nicht klar, warum dies erwartet wurde: Russland unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht grundlegend vom Westen, und das schon seit Jahrhunderten. Und es hat daraus nie einen Hehl gemacht. Abgesehen von einer kleinen Gruppe Westenisierer – Intellektuelle, die vom Westen begeistert sind – steht die russische Öffentlichkeit völlig hinter Russland oder akzeptiert das Land zumindest dafür, was es ist. Dies zeigt sich daran, dass Putin trotz Russlands wirtschaftlicher Schwierigkeiten enorm beliebt ist. Westliche liberale Erwartungen wurden von zaristischen Reformern, sowjetischen Machthabern und jetzt von Putin enttäuscht. Das Problem ist, dass liberale Reformer Russland und andere Länder als Nationen wahrnehmen, die danach streben, wie sie zu werden. Es ist eine Form des westlichen Narzissmus, die zu einem Missverständnis der Welt führt.

Große Macht, aber von der Geographie begrenzt

Russland unterscheidet sich geografisch grundlegend vom übrigen Europa. Das übrige Europa ist eine maritime Region mit ausgedehnten Flüssen, die zu Häfen führen und wo niemand mehr als 400 Meilen (650 Kilometer) vom Meer entfernt ist. Russland ist im Wesentlichen ein Binnenland. Die Häfen am Arktischen Ozean sind häufig gefroren, und den Zugang zu den Häfen am Schwarzen Meer und an der Ostsee könnten von Feinden gesperrt werden, indem diese die enge Meerengen kontrollieren. Alle diese Häfen sind weit entfernt von großen Teilen Russlands.

Der altgriechische Historiker Thukydides unterschied zwischen Athen, einer maritimen Macht, deren Einwohner in Reichtum lebten und Zeit für Kunst und Philosophie hatten, und Sparta, einem Binnenland, dessen Bevölkerung ein hartes Leben mit begrenzten Möglichkeiten zu Ausschweifungen führte, aber in der Lage war, in Verhältnissen zurecht zu kommen, an denen die Athener zerbrechen würden. Die Bewohner beider Regionen waren Griechen, aber sie waren anders.

Dasselbe gilt für Russland und Europa. Als Binnenmacht sind Russlands Möglichkeiten für internationalen Handel und sogar für effiziente interne Entwicklung begrenzt. Das Leben seiner Leute ist hart und sie können Entbehrungen erdulden, an denen die Bewohner anderer europäische Länder zerbrechen würden. Als riesiges Land mit einer verstreut lebenden Bevölkerung kann Russland nur von einer mächtigen Zentralregierung zusammengehalten werden, die einen internen politischen und sicherheitspolitischen Apparat kontrolliert, der die zentrifugalen Tendenzen, die jedes Landes hat, bewältigen kann. Das erfordert ein Regime, das nicht nur die oberste Autorität über das gesamte Land besitzt, sondern auch wie eine Autorität wirkt – eine unwiderstehliche Kraft, die nicht herausgefordert werden kann.

Liberalisierung wäre den Russen fremd

Es gab natürlich massive Zerrüttungen in Russland, einschließlich der Russischen Revolution und des Niedergangs der Sowjetunion. Aber der Westen verwechselte stets den Zusammenbruch der Institutionen mit einer Liberalisierung. Er erkannte nicht, dass dies sowohl für Russland verhängnisvoll als auch der russischen Kultur fremd wäre. Der Westen war immer überrascht, als Russland zu dem zurückkehrte, was es war, und verurteilte Stalin genauso wie Putin dafür, die Institutionen, die Russland stabilisierten, wieder aufzubauen. Man betrachtete dies als ein Unglück aufgrund der Bosheit einzelner Männer. Böse mögen sie sein, aber sie verstanden das russische Problem besser als jene, die Russland für Italien oder Frankreich hielten.

Russland hat auch schreckliche Kriege erlebt, die den Russen gelehrt haben, dass Krieg immer eine Möglichkeit ist und dass die beste Verteidigung strategische Tiefe ist. Die Schweden, die Franzosen und zweimal die Deutschen brachten ihnen diese Lektion bei. Westler finden, dass Russland sich über die alte Geschichte hinwegsetzen sollte. Aber ein großer Teil der Grundidee der Europäischen Union ist die Erinnerung an die beiden Weltkriege und der Wunsch, dass sie nie wiederholt werden. In den Vereinigten Staaten ist der Bürgerkrieg immer noch das Prisma, das den Rahmen bietet für einen Großteil ihrer Geschichte und viele aktuelle Debatten. Geführte Kriege suchen stets die Erinnerungen der Nationen heim, und die Kriege, die die Russen führten, prägten das Denken aller Russen. Sie suchen nach einem Staat und einem Führer, der stark genug wäre, um einen weiteren Krieg zu verhindern oder, wenn er nicht zu verhindern ist, stark genug wäre, um Russland zum Sieg zu führen. Wenn die Europäer die Rückkehr des Nationalismus fürchten und die Amerikaner Rassismus, so fürchten die Russen am ehesten Schwäche.

Putin versteht Russland so, wie es ist

Wäre Wladimir Putin im Jahr 2000 bei einem Autounfall verunglückt, wäre er durch einen anderen Putin mit einem anderen Namen ersetzt worden. Russland zusammen zu halten – Aufstände zu verhindern und das Heimatland zu schützen – ist die zentrale Herausforderung für einen erfolgreichen russischen Herrscher. Putin ist – durch seine Einschüchterung von ausländischen und einheimischen Feinden – das, was Gorbatschow und Jelzin nicht waren. Er regiert ein schwaches Land, das unter niedrigen Ölpreisen und steigenden Verteidigungskosten leidet, die gleiche Kombination, die den Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöst hat. Er ist sich der Schwächen bewusst und weiß, dass das Anerkennen und das Zeigen von Angst, wie Gorbatschow es tat, Chaos verursachen kann. Es ist wichtig, Russland als das zu sehen, was es ist: ein schwaches Land, das von einem Herrscher geführt wird, der versteht, dass der Eindruck von Schwäche gefährlicher ist als die Schwäche selbst.

Die russische Geschichte ist voller Bluffs. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichten der potemkinschen Dörfer, deren augenscheinlich eindrucksvoll rekonstruierten Bauwerke in Wirklichkeit nur die Fassaden von Gebäuden waren mit nichts dahinter, die Russland als besser entwickelt darstellen sollten als es eigentlich war. Jetzt steht doch auch einiges hinter der Fassade, aber nicht so viel wie Putin uns denken lassen möchte.

Russland muss so verstanden werden, wie Russland ist, und nicht so, wie es der Westen gern hätte. Es ist wichtig, dass wir uns nicht vortäuschen, dass eine Aussöhnung mit Russland möglich wäre oder dass die Interessen anderer Länder identisch sind mit denen Russlands. Das ist eine andere westliche Illusion: der Glaube, dass das Verständnis von Gegnern zu Frieden führt. Manchmal führt dies zu der Einsicht, dass ein Land tatsächlich und unwiderruflich ein Gegner ist. Aber im Augenblick ist es notwendig, zu verstehen, dass Putin Russland nicht in einen unglücklichen Zustand gebracht hat, sondern dass Russland zu seiner Norm zurückgekehrt ist und Putin diese Rückkehr geleitet hat. Er hat Russland nicht geschaffen; er sah sich nur mit der russischen Realität konfrontiert und zuckte nicht zusammen.

Aus dem Englischen übersetzt von Constantin Wißmann

Der Originaltext erschien auf der Internetseite des von George Friedman gegründeten Thinktank Geopolitical Futures