Rechtsextremismus in den USA - Welcher Konflikt dahinter liegt

Donald Trumps Zickzackkurs in seinen Reaktionen auf die rechte Gewalt in Charlottesville lässt vergessen, dass dort ein Konflikt zutage getreten ist, der mehr als 150 Jahre zurückreicht. Der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten müsste endlich aufgearbeitet werden

Trump in der Zwickmühle / picture alliance

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Eva C. Schweitzer arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in New York und Berlin. Ihr neuestes Buch ist "Europa im Visier der USA"

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Charlottesville, Virginia: Am Wochenende protestierten dort weiße Nationalisten, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und militante Gruppen wie Vanguard mit Fackeln und Hakenkreuzfahnen dagegen, dass die Stadt das Denkmal von Robert E. Lee entfernt. Lee war oberster Befehlshaber der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg. Die Protestanten trugen Plakate, auf denen „Blut und Boden“ stand und „Jews will not replace us“ („Die Juden werden es nicht schaffen, uns zu ersetzen“). Dahinter steht die Theorie, dass eine jüdische Weltverschwörung die weiße Bevölkerung durch dunkelhäutige Immigranten ersetzen wolle.

Linke Gegendemonstranten kamen, darunter auch Mitglieder der bei weißen Nationalisten verhassten Gruppe „Black Lives Matter“, die Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner anprangert. Die Gruppen gerieten aneinander, ein weißer Nationalist fuhr in die Menge, tötete eine Frau und verletzte 19 weitere Menschen.

Danach meldete sich US-Präsident Donald Trump zu Wort, indem er die „Gewalt von allen Seiten“ verurteilte. Die Nationalisten feierten das als Erfolg. Die Neonazi-Website Daily Stormer sah Trumps Worte als Beweis, dass der Präsident auf ihrer Seite stehe. Aufgrund der Kritik, selbst aus seiner eigenen Partei, hat Trump seine Aussage mittlerweile verschärft. Die Gewalt sei rassistisch motiviert gewesen und von Neonazis, weißen Nationalisten und dem Ku-Klux-Klan verübt worden, sagte er nun.

Der geschichtliche Hintergrund

Der Streit um die Denkmäler der Bürgerkriegsgeneräle der Südstaaten, die überall entfernt werden, ist die neueste Wendung in einem langen Kulturkampf zwischen Rechten und Linken, Weißen und Schwarzen. Bei dem geht es letztlich darum, dass Afro-Amerikaner gleiche Lebenschancen erhalten. 

Das Kernproblem, das dahintersteht, ist das Unvermögen der USA, Afro-Amerikaner nach dem Ende der Sklaverei in die Gesellschaft zu integrieren. Und das auf eine Weise, die mit anderen Einwanderergruppen gelungen ist, die ursprünglich als „troublemakers“ (Unruhestifter) galten: Iren, Italiener oder osteuropäische Juden.

1865, am Ende des Sezessionskriegs, galten die ehemaligen Sklaven zwar offiziell als freie Menschen, aber verändert hatte sich kaum etwas. William Tecumseh Sherman, der Heerführer der Nordstaaten, hatte jedem von ihnen ein Maultier und ein Stück Land versprochen. Bekommen haben sie es nicht. Denn eigentlich war es dem Norden nur darum gegangen, die Abspaltung des Südens zu verhindern. Nordstaaten wie New York erlaubten sogar noch bis 1827 die Sklaverei.

Nach dem Krieg gelangten die Plantagenbesitzer bald wieder an die Macht. Schwarzen wurde es verwehrt, zu wählen. Die sogenannten „Jim Crow Laws“ ordneten Rassentrennung in Schulen, Restaurants und Krankenhäusern an. Viele Schwarze emigrierten in die Großstädte des Nordens wie Chicago, Detroit, New York, wo sie in Ghettos landeten, während die Weißen in die Vororte flüchteten. Woodrow Wilson, US-Präsident während des Ersten Weltkriegs, führte noch im zwanzigsten Jahrhundert bundesweit die Rassentrennung in Bus und Bahn ein. Und auch im Zweiten Weltkrieg kämpfte eine segregierte US-Armee.

Rassismus hält sich bis heute

Die Zustände änderten sich erst, als in den fünfziger Jahren Präsident Dwight D. Eisenhower tausend Soldaten nach Arkansas schickte, um schwarze Schüler in weiße Schulen zu eskortieren. Sein Nachfolger Lyndon Johnson verpflichtete die Bundesstaaten dann in den sechziger Jahren, allen Bürgern das Wählen zu gestatten.

Doch die Diskriminierung von Afro-Amerikanern hält bis heute an. Sie reicht vom „Redlining“, bei dem Banken in weißen Vororten keine Immobilienkredite an Dunkelhäutige vergeben. Bis zum Streichen von meist schwarzen Wählern aus den Verzeichnissen in Florida und Ohio unter Präsident George W. Bush. Anteilig sitzen mehr Afro-Amerikaner im Gefängnis, weil es ihnen schwerer fällt, die Kaution aufzubringen. 

Generell gilt in Amerika der Grundsatz: Verbesserung ja, aber es darf nichts kosten. Eines der größten Probleme ist dabei, dass die öffentlichen Schulen in ethnisch gemischten Großstädten verarmen. Und selbst die liberalsten Nordstaatler schicken ihre Kinder lieber auf private Schulen oder ziehen in weiße Vororte. Deshalb gibt es für Universitäten die „Affirmative Action“, den privilegierten Zugang für Minderheiten – anstatt die öffentlichen Schulen von vorneherein finanziell so auszustatten, dass alle Schüler gleiche Chancen auf einen Studienplatz haben.

Heuchlerische Debatte

In der angespannten Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen lebt die Vergangenheit weiter. Auch die Niederlage im Bürgerkrieg ist im Süden bis heute nicht vergessen. Südstaatler verbreiten einige Legenden über den Krieg, aber in einer Beziehung haben sie recht: Die Debatte ist im Norden von Heuchelei geprägt. Intellektuelle und Politiker erheben sich gerne moralisch über den Süden. Die Statuen von Lee und anderen Generälen werden abmontiert, weil es darum geht, den Kriegsgegner für den Aufstand gegen Washington zu bestrafen. Dabei wäre es besser, auch die eigenen Verwicklungen in der Sklaverei aufzuarbeiten.

Die Statue des Nordstaaten-Soldaten William T. Sherman bleibt unterdessen stehen. Obwohl er bei seinem Zug durch Georgia mehr Kriegsverbrechen begangen hat als jeder Südstaaten-General. Zudem war er die treibende Kraft hinter dem Vernichtungskrieg gegen die Sioux. Ein anderes Beispiel: Andrew Jackson, der siebte Präsident der Vereinigten Staaten, schickte Indianerstämme auf Todesmärsche. Er ist auf dem 20-Dollar-Schein zu sehen. Woodrow Wilson ziert noch heute die Universität Princeton, die Namen der Präsidenten George Washington und Andrew Jackson, beide waren Sklavenhalter, sind in Amerika allgegenwärtig.

Mehr Ehrlichkeit wäre ein erster Schritt

Das alles entschuldigt natürlich keine gewalttätigen Neonazi-Demos. Die Ereignisse von Virginia sind beunruhigend. Zumal sie in einer Intensität geschahen, die ohne ein verstohlenes Augenzwinkern aus dem Weißen Haus nicht denkbar gewesen wäre. Die Fackelträger dieser Nacht sind vermutlich für jeden Diskurs verloren. Nicht aber viele ihrer Sympathisanten, die übrigens nicht alle aus dem Süden stammen: Auch der Vater von Donald Trump stand dem Ku-Klux-Klan nahe. Um diese Sympathisanten zu erreichen, wäre mehr Ehrlichkeit ein guter erster Schritt.