Migrationsströme - Die Folgen der globalen Völkerwanderung

Das Wohlstandsgefälle zwischen den verschiedenen Teilen der Welt wird immer größer. Die abgehängten Menschen drängen in die Alte Welt, doch nur in wenigen Ländern sind die meisten von ihnen willkommen

Flüchtlinge im Mittelmeer: Wer weiß, dass er nicht durchgelassen wird, steigt nicht mehr in die Boote / picture alliance

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Gunnar Heinsohn lehrt Militärdemografie am NATO Defense College in Rom und Eigentumsökonomie am Management-Zentrum St. Gallen. 

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Wenn man die globale Wirtschaft in Bevölkerungsgruppen einteilt, kommt man zu dem Schluss, dass letztlich zwei von ihnen um die Vorherrschaft ringen. Die Ostasiaten (also hauptsächlich China, Japan, Korea und Vietnam) und die sogenannten Europäiden (Europa, USA aber auch Israel). Also stehen sich 1,7 Milliarden Ostasiaten und 1,1 Milliarden Europäiden gegenüber. Alle am Rennen beteiligten Staaten durchlaufen Finanzkrisen mit den entsprechenden Rückschlägen, aber sie betreiben die ständige Modernisierung ihrer Industrien und damit die Verteidigung ihrer Vorherrschaft.

Die Ostasiaten sind erst vergleichsweise spät, nämlich im vergangenen Jahrhundert, in das System der Eigentumsstruktur eingetreten. Aber sie holen vor allem dank ihrer akademischen Kompetenz stetig auf. Beim internationalen Schülerwettbewerb Pisa etwa erklomm ihr Top-Quintett in Mathematik einen Durchschnitt von rund 560 Punkten, während Europas Fünferspitze bei 520 Punkten landete.

4,5 Milliarden Menschen fallen weiter zurück

Diese 2,8 Milliarden Menschen erwirtschaften also 75 Prozent des Weltprodukts (55 von 73 Billionen US-Dollar). Die übrigen 4,5 Milliarden Menschen bleiben dagegen nicht nur zurück, sondern rutschen weiter ab. Übertrafen noch 1980 etwa Indien, Pakistan und Bangladesch das Prokopfeinkommen Chinas, stehen sie heute bei einem Fünftel davon. Zu den knapp 170.000 Erfindungen aus aller Welt, die das US-Patentamt 2015 akzeptiert hat, trugen diese 4,5 Milliarden nur 3,2 Prozent bei – zwei Drittel davon durch Inder.

Die Mitglieder der ersten Gruppe, vor allem die Europäer, sind im Durchschnitt zwar gebildet, aber alt. Bei den 4,5 Milliarden Menschen ist es genau umgekehrt. Bei Pisa 2012 erreichten die drei besten arabischen Teilnehmer jeweils bis zu 380 Punkte in Mathematik. Die Leistungen des gewaltigen Blocks aus Afrika, Nahost, Zentral- und Südasien sowie Südamerika verschlechterN sich stetig weiter. Das liegt daran, dass die Besten unter ihnen von Talent-Scouts der Europäiden umgehend identifiziert und abgeworben werden, um das Vergreisen der Spitzengruppen zu verlangsamen.

Noch finden wenige aus dieser überall einsetzbaren Elite nach Ostasien. Sie sind abgeschreckt von schwer zu erlernenden Sprachen oder beschränkter Freiheit wie etwa in China. Gleichwohl hat dieser Raum, der Leistungsniveau-Senker und Sozialkassen-Belaster am Eintritt hindert, mit Hongkong (39 Prozent), Singapur (43) und Macao (59) die weltweit höchsten Migrantenanteile. Das beeinträchtigt die für sozialen Zusammenhalt so wichtige Homogenität kaum, weil aufgrund der hohen Anforderungen zumeist nur andere Ostasiaten einwandern können.

Sozialgelder als Anreiz

Allerdings drängen immer mehr der 4,5 Milliarden Zurückfallenden in die Länder der Europäiden. Und zwar häufig aufgrund der Sozialgelder, die eben nicht in Ostasien, sondern vorrangig in Europa und – in geringerem Ausmaß – in den USA angeboten werden. Dagegen folgt der übrige Anglo-Block (Australien, Großbritannien und Neuseeland) beim Fernhalten Unqualifizierter dem Vorbild Ostasiens. Überraschend ist, dass auch die traditionell besonders aufnahmebereiten skandinavischen Länder die Zuwanderung stärker begrenzen.

Auch das von der Bevölkerungsstruktur her weitgehend homogene Osteuropa von Estland bis Ungarn verfolgt eine ähnliche Politik: Also bleibt als Aufnahmegebiet für die entschlossensten jungen Männer aus dem Block der 4,5 Milliarden Menschen vorrangig der Raum zwischen der Oder und Portugal. Deutschland – mit 60 Millionen Altbürgern neben 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – bleibt dabei ganz ungebrochen der verlockendste Standort.

Der mächtigste Drang ins kontinentale Westeuropa geht aktuell von den 52 Nationen mit zusammen 1,4 Milliarden Einwohnern aus, die einen Kriegsindex von 3 bis 7 aufweisen. Der Kriegsindex misst die Relation von 55- bis 59-jährigen Männern, die sich auf die Rente vorbereiten, und 15- bis 19-jährigen Jünglingen, die in den Arbeitsmarkt kommen. Deutschland hat einen Kriegsindex von 0,66. Auf 1000 alte folgen 666 junge Männer. In den meisten der 52 Länder werden militärische Gewaltsituationen zum Dauerzustand, so dass junge Menschen, die an sich gerne Wirtschaftsflüchtling würden und dabei scheitern, plötzlich in Kriegsgebieten leben, was ihnen Schutz- oder Asylrechte einträgt.

Bis 2050 wird dieser besonders gefährdete Block – soweit absehbar – auf 42 Staaten abschmelzen. Das erlaubt Optimismus, der allerdings dadurch getrübt wird, dass dann in weniger Ländern volle 2 und nicht mehr nur 1,4 Milliarden Menschen betroffen sind. Das liegt an der Bevölkerungsentwicklung Schwarzafrikas, wo 1950 noch 180 Millionen Menschen lebten. Heute sind es 1 Milliarde und 2050 werden es 2,2 Milliarden Bürger sein.

Hunderte Millionen Afrikaner und Araber auf dem Sprung

Schon 2009 wollten 38 Prozent der Einwohner von dort weg. Mittlerweile wird man mit mindestens 40 Prozent rechnen dürfen. Es wären heute also 400 Millionen und im Jahr 2050 rund 850 Millionen für die Übersiedlung nach Europa bereit. Selbst wenn das allen gelänge, läge Afrikas eigene Bevölkerung immer noch 350 Millionen über der heutigen. Rückführungen würde dort niemand wollen oder gar erlauben.

Zu dem 52er Block gehören auch etliche arabische Staaten, deren Gesamtgebiet von 70 Millionen (1950) über 380 Millionen heute bis auf 620 Millionen Menschen 2050 anwächst. 2009 – vor Ölpreisverfall und arabischen Kriegen – wollten 23 Prozent dieser Menschen abwandern. Legt man heute 30 Prozent zugrunde und erwartet – durchaus konservativ – diesen Wert auch für 2050, dann sind aktuell 120 und 2050 rund 200 Millionen Araber auf dem Sprung nach Europa.

Es sind aber nicht nur diese Menschen, die hierher streben. Ländern wie Brasilien und Indonesien geht es zwar vergleichsweise gut, ihnen fehlen aber die Fachleute für den Aufbau von Hightech-Branchen, ohne die es – jenseits von Rohstoffen – in Zukunft keinen Zugang zu den Weltmärkten gibt. Aus diesen und vergleichbaren Ländern könnten – mit steigender Tendenz – 100 oder mehr Millionen Menschen in Europa ihr Glück suchen. Vor allem die Lateinamerikaner werden probieren, nach Nordamerika zu gelangen, wo die Grenzen allerdings auch schwerer überwindbar werden.

Aus dieser Ländergruppe kämen zwar überwiegend Geringqualifizierte, aber schneller noch die technischen Eliten, weil jeder Könner vor dem Totalabsturz seines Landes weg will und in der geburtenarmen Ersten Welt mit Handkuss genommen würde. Politisch interessant wird diese zusätzliche Wanderbewegung, wenn die Asse in die Anglowelt und nach Ostasien ziehen, die Hilfsbedürftigen aber zwischen Duisburg und Dresden unterkommen, weil es dort auch ohne eine Arbeitsstelle dank der sozialen Netze eine menschenwürdige Existenz gibt. In der globalen Konkurrenz gewännen dann die schon jetzt Stärkeren frischen Steuerzahler, wohingegen Europa die nicht einmal für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ausreichenden Beträge verstärkt in die Sozialkassen umleiten würde.

Kreative Klasse trägt den Großteil der Last

Die dafür aufzubringenden Milliarden erarbeitet vor allem die „kreative Klasse“ (Richard Florida), aus der Wissenschaftler, Ingenieure, IT-Spezialisten und Freiberufler die Innovationen zum Verbleib in der Weltspitze erbringen. Familienväter- und Mütter sind darunter seltener als Singles, die in Deutschland und Österreich – nach Belgien – schon heute weltweit am höchsten besteuert werden. Wenn die hören, dass jede Flüchtlingsmillion alle fünf Jahre mindestens 100 Milliarden Euro kostet, werden sie sich über ihr Hierbleiben Gedanken machen.

Zumal ihnen die stetigen Locksignale der Kompetenzfestungen zwischen Neuseeland und Kanada in den Ohren klingen: „Wir zahlen mehr, wir verhindern Terror, wir geben Zukunft.“ In Deutschland hören sie hingegen immerzu: „Opfert euch für Rentner, Ausländer und die Eigentümer der Eurobanken, aber endet selber arm im Alter.“ 140.000 Deutsche gerade aus der Könner-Gruppe gehen jährlich weg. Dabei sind sie überlebenswichtig für die Zukunft der Alten Welt. Allein sie sind es jedoch, die jederzeit davon können, weil sie überall begehrt sind. Die von ihnen zu Versorgenden dagegen sind die Loyalsten. Je zahlreicher sie werden, desto höher treiben von ihnen wahlabhängige Regierungen die Steuern, was die Flucht der Zahler weiter beschleunigt.

Wie geht es weiter am Mittelmeer?

Doch wie geht es weiter in den Territorien, deren Kriegsindex noch Jahrzehnte lang über 3 liegen wird, deren Ökonomie aber am Boden bleibt? Schnell zu beenden wäre das Sterben auf dem Mittelmeer. Die 3.000 Kilometer lange Wassergrenze zwischen Afrika und Europa wäre leichter zu schließen als die 25.000 Kilometer lange um Australien. Die überwacht die Operation Sovereign Border und seit 2013 ist dort niemand ertrunken. Wer weiß, dass er nicht durchgelassen wird, steigt nicht mehr in die Boote, weil er die 5.000 Euro für die Schleuser als letztes Investment lieber selbst in der Tasche behält. Hier könnte Europa mit einem einzigen Befehl das Sterben beenden.

In Afrika selbst wird das schwieriger. Bis in die 1960er Jahre wurden dort in Kriegen und Völkermorden rund 18 Millionen Menschen zu Tode geschunden. Das führte hier nicht einmal dann zu einer Aufnahmebereitschaft, als Europa bis in die 1990er Jahre einen langanhaltenden Aufschwung erlebte. Werden höhere Opferzahlen mehr humanitäre Einsätze mit sich bringen? Wahrscheinlich ist das nicht, weil Europas Soldaten meist einzige Söhne oder gar einzige Kinder ihrer Familien sind, die erlöschen würden, wenn sie fallen. Wie oft kann man diese letzten Beschützer der Heimat in Todesgefahr schicken, um in der Ferne dritte oder vierte Brüder von gegenseitigen Massakern abzuhalten? Selbst die Weltmacht USA wird dazu immer seltener bereit sein, ob nun ein Demokrat oder ein Republikaner im Weißen Haus sitzt.