Programmreform bei WDR 5 - Axt an die Kultur

Die Medienkolumne: Der Westdeutsche Rundfunk verringert drastisch das journalistische Angebot seiner Kulturwelle: Bei der Programmreform des WDR 5 ziehen ein politisches Meinungsformat, eine Kultur- und eine Mediensendung den kürzeren

WDR-Intendant Tom Buhrow will sich bei dem Kölner Sender so manche Information sparen
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Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Dinge abzumoderieren, das hat Tom Buhrow in seiner Karriere gelernt, erst als Gesicht der Tagesthemen, dann als Intendant des WDR. Er bringe viel „Liebe“ mit, sagte er kurz nach seinem Amtsantritt 2013. Ein Jahr später sprach er nur noch von „Verantwortungsliebe“.

Buhrow trifft intern aber nur auf wenig Gegenliebe. Er hat dem Kölner Sender einen strikten Sparkurs verordnet – 100 Millionen Euro und 500 Stellen weniger bei einem Etat von über einer Milliarde Euro und 4300 Mitarbeitern. Am Anfang hieß es, vor allem in der Technik und der Verwaltung werde gespart.

Nun zeichnet sich ab: Der Sparkurs trifft wohl auch den journalistischen Kernbereich des Senders – und berührt damit den öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag. Das geht aus einem Entwurf für ein neues Programmschema bei Radio WDR 5 hervor, der Cicero vorliegt.

Die Informations- und Kulturwelle des zweitgrößten Senders in Europa nach der britischen BBC steht vor einem drastischen Umbau. Das Programm soll künftig mit weniger harter Politik, Kultur, regionaler Berichterstattung und Medienkritik auskommen. Stattdessen bekommen die Hörer offenbar seichteres Programm.

Die Details zur Programmreform stellte Hörfunkdirektorin Valerie Weber den Radioredakteuren vor wenigen Tagen vor. Tom Buhrow hatte die frühere Privatradiomanagerin kurz nach seinem Amtsantritt gegen starken internen Protest durchgedrückt und vom Rundfunkrat wählen lassen. Beim WDR-Hörfunk sollen insgesamt 80 Stellen eingespart werden.

Das neue Programmschema sieht vor, zwei markenbildende Sendungen deutlich zu verkürzen und weitere kritische Sendungen abzusetzen.

Betroffen ist das Meinungsmagazin „Politikum“, das sich durch meinungsstarke, intellektuelle und teils ironische Beiträge auszeichnet. Die Sendung läuft bislang viermal wöchentlich für 25 Minuten (montags bis donnerstags um 19:05). Künftig soll sie zwar fünfmal die Woche laufen, aber nur noch 15 Minuten dauern, und auf den Sendeplatz um 17:45 Uhr vorgezogen werden.

Laut dem Medienmagazin journalist ist „Politikum“ teuer. Andere öffentlich-rechtliche Sender würden nur selten Beiträge übernehmen, „weil es nicht ins Profil passt. Zu meinungsgetränkt. Und nicht nur das: Politikum gilt als unbequem.“ Viele Hörer hätten sich sogar bei Intendant Buhrow beschwert.

Der WDR dagegen verteidigt die Verlegung des Magazins in die „Nachmittags-Primetime“: „Durch die prominentere Sendezeit würde das Meinungsmagazin „Politikum“ künftig ein Drittel mehr Hörer als bisher erreichen.“

Vom Sparkurs beim Inforadio der größten ARD-Anstalt ist auch die Kultur betroffen. Künftig soll die zweistündige literarische Sendung „SpielArt“ (sonntags, 16.05 bis 17.55 Uhr) nur noch circa einmal im Monat „reduziert“ produziert werden, teilte der WDR mit. Der „Charme“ der Sendung solle erhalten bleiben, heißt es aber: „Das literarisch-musikalische Magazin soll dafür künftig an ausgewiesenen, besonders prominent beworbenen Sendetagen ausgestrahlt werden.

Konkret heißt das: Drei von vier „SpielArt“-Ausgaben entfallen. Damit tritt ein, wovor Kulturschaffende in Nordrhein-Westfalen seit langem gewarnt haben. In einem offenen Brief an Tom Buhrow hatten Ensemble-Mitglieder des Schauspiels Köln die Sendung als „eine Fundgrube, eine Schatzkammer“ bezeichnet. Die Texte in der „SpielArt“ seien „literarisch hochwertig, oft ungewöhnlich, manchmal schräg, unangepasst, aber immer besonders“.

Über solche Kritiker hatte sich Tom Buhrow noch im Dezember in der ZEIT mokiert: „Egal wo wir sparen, es hagelt Proteste. (…) Wenn jede Lobbygruppe ihr Spezialgebiet für unverzichtbar erklärt, so ist das nicht der volonté générale.“ Als Beispiel nannte er die Pläne von SWR-Intendant Peter Boudgoust, seine beiden Rundfunkorchester zu fusionieren.

Aber nicht nur WDR und SWR wollen an der Kultur sparen. Auch beim Bayerischen Fernsehen stehen die Literatursendungen „Lesezeichen“ und „Lido“ vor dem Aus. Literaturfreunde wehren sich mit einer Petition dagegen. Ein mit Gebührengeldern finanzierter Sender müsse seinem „Bildungs- und Kulturauftrag nachkommen“, fordern die Initiatoren.

Tom Buhrow ficht das nicht an: Er sieht seinen Programmauftrag nicht reduziert auf Information und Bildung. Auch die Unterhaltung gehört dazu, und so soll es meiner Meinung nach bleiben.“

Laut dem Papier zur Programmreform soll tatsächlich ab 2016 die Unterhaltung ausgebaut werden. Das „Morgenecho“, das um eine Dreiviertelstunde verlängert wird, soll im letzten Teil „bunter und leichter sein“ und den Hörer „auf den Tag einstimmen“, heißt es in einem redaktionsinternen Kommentar zur neuen Radiostruktur. Zudem sei ein neues Reisemagazin geplant, „mit sehr niedrigem Budget“. Die internen Kritiker sprechen vom „Durchhör-Radio“.

Der WDR präzisiert, es gebe „die Idee für ein anspruchsvolles, politisches und literarisches Reisemagazin“ am Wochenende. Dafür sollen die beiden Samstags-Mediensendungen „Funkhaus Wallrafplatz“ und „Töne, Texte, Bilder“ zusammengelegt werden.

Damit stirbt ein wichtiger Sendeplatz für Medienkritik. Das „Funkhaus Wallrafplatz“ thematisierte zuletzt die „Lügenpresse“-Debatte, den fatalen Begriff der „Dönermorde“ im Zusammenhang mit den NSU-Morden oder die Berichterstattung über die Anschläge von Paris.

Ausbauen möchte der Sender die Wissenschaftssendung. Dort sollen „neue Formen“ ausprobiert werden, auch mit Blick auf die crossmediale Strategie des WDR. Dass das neue Wissensprogramm „deutlich weniger hintergründige Berichte“ liefern soll als das bisherige Format „Leonardo“ (wochentäglich von 16.05 bis 17.00 Uhr und 22.05 bis 23.00 Uhr), wie der interne Kommentar suggeriert, wollte die Sprecherin indes nicht bestätigen.

Es gab auch Sorgen, dass der WDR die regionale Information kürzt. So soll laut Programmschema das Landesmagazin „Westblick“ – bekannt für seine Reportagen, Features und Kommentare aus den Regionalstudios Nordrhein-Westfalen – (täglich um 17 Uhr) von einer Stunde auf 40 Minuten reduziert werden und auch das „Thema NRW“ (freitags, 15 Uhr) ganz verschwinden.

Der Sender erklärte aber, dass das „Thema NRW“ bei WDR 5 sowie viele landespolitische Themen „künftig täglich und zur wichtigsten Hauptsendezeit am Morgen ausgebaut werden.“ Der „Westblick“ solle entgegen dem Papier nicht um 20 Minuten gekürzt werden. Strategisches Ziel sei es, trotz der Einsparungen „die regionale Berichterstattung auf allen Wellen des WDR auszubauen“, teilte eine Sprecherin mit. Wie das funktionieren soll, ließ sie offen. Die Programmänderungen seien erst „spruchreif“, wenn sich der Rundfunkrat damit befasst habe.

Wenn der WDR ausgerechnet bei politischer Meinungsbildung, der Literatur und der Medienkritik spart – wird er dann noch seinem gesetzlichen Auftrag nach Bildung und Information gerecht?

Diese Fragen dürften sich nicht nur Hörer und Mitarbeiter des Senders stellen.

Der WDR teilt mit, man wolle „trotz finanzieller Einschnitte und Personalabbau weiterhin ein ansprechendes und attraktives Programm“ gestalten. Steigende Ausgaben könnten durch den Rundfunkbeitrag nicht mehr aufgefangen werden, weil er seit 2009 nicht mehr gestiegen und im April 2015 sogar gesunken sei. „De facto steht weniger Geld zur Verfügung und Programm und Produktion müssen sich dem anpassen.“

Die Vorschläge zur Programmreform beim Inforadio liegen seit einer Woche den Gremien vor. Die werden darüber in den nächsten Monaten beraten.

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