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 > Mythos und Wahrheit um das Kiewer Todesspiel

Salon

Fußball im KriegMythos und Wahrheit um das Kiewer Todesspiel

Von Jan Tilman Schwab7. Juni 2012
picture alliance
Kiewer Todesspiel, Fußball, Wehrmacht
„Some things are worth dying for.“
Schrift:

Kiew im Sommer 1942. Unter deutscher Besatzung tritt eine Flakelf der Wehrmacht gegen ein ukrainisches Betriebsteam einer Brotfabrik an. Die Ukrainer siegen. Die Begegnung geht als „Todesspiel“ in die Geschichte ein

Seite 1 von 2

In der Halbzeitpause fällt in der Umkleidekabine die Entscheidung, das Spiel gewinnen zu wollen: „Some things are worth dying for.“ Dass Fußball noch wichtiger ist als die bloße Frage um Leben und Tod, ist zum Allgemeinplatz geworden. Für das sogenannte Kiewer Todesspiel soll es buchstäblich gegolten haben. Mit dem nicht unwichtigen Unterschied allerdings, dass ein Sieg hier den Tod bringen würde – nicht die Niederlage.

Am 1. Mai 2012 feierte in Moskau ein Film seine Uraufführung, der von den Produzenten explizit als „patriotischer Action-Film“ konzipiert worden war und ein Fußballspiel verfilmte, dessen Bedeutung für die Ukrainer verglichen wird mit dem Wunder von Bern und seiner Bedeutung für die Deutschen. Die russisch-ukrainische Großproduktion, großzügig gefördert vom russischen Staat, trägt den schlichten Titel Mатч (Das Spiel), wodurch die herausragende Bedeutung jener fußballerischen Begegnung erneut unterstrichen wird. Denn wie für jeden Deutschen klar ist, von welchem Fußballspiel die Rede ist, wenn man von dem Wunder spricht, so bedarf es keines weiteren Zusatzes in der Ukraine, wenn es sich um das Spiel, das Kiewer Todesspiel, dreht.

Bildergalerie: Fußball trifft Politik

Das Spiel hatte am 9. August 1942 im Zenitstadion von Kiew stattgefunden: Der FC Start, die Betriebsfußballmannschaft einer Kiewer Großbäckerei, war gegen eine deutsche Militärauswahl namens Flakelf angetreten und hatte das Spiel mit 5:3 gewonnen. So weit die Fakten, die bis heute unwiderlegt sind. Zu den gesicherten Tatsachen zählt weiter, dass einige der Spieler des FC Start in der darauffolgenden Woche an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und eingesperrt wurden. Ein Spieler starb im Gestapoverhör an einem Herzinfarkt, wobei man von der Anwendung von Folter nicht nur ausgehen kann, sondern muss. Drei weitere Spieler wurden im Februar des darauffolgenden Jahres im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme exekutiert.

Sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann dann die Legendenbildung. Vor dem Spiel (je nach Kolportage: in der Halbzeitpause) sei an die ukrainischen Fußballer eine Todesdrohung ergangen: Sie würden sterben, sollten sie es wagen, dieses Spiel gegen Vertreter der Herrenrasse zu gewinnen. Dergestalt war in der dramatischen Ausgestaltung eines bis heute nicht beweisbaren Kausalzusammenhangs zwischen dem Ausgang des Spiels und der Verhaftung und Exekution der Spieler ein mythologischer Kern geschaffen. Für einen Mythos ist es unerheblich, ob der auf Tatsachen beruht oder gänzlich frei erfunden ist. Ein Mythos spricht für sich. Er deutet die Welt oder einen Ausschnitt aus ihr in sich selbst erklärender Weise, die auf eine höhere Wahrheit abzielt, als es die irdischen Tatsachen jemals vermochten. Für die Sowjetunion diente der propagandistisch äußert nützlich Mythos für zweierlei: Er verdeutlichte die Bösartigkeit der Wehrmacht, der Nazis, der Deutschen schlechthin und er zeichnete ein Heldenbild von Ukrainern, die lieber aufrecht in den Tod gehen, als ein Fußballspiel gegen die Besatzer verloren zu geben.

Die Legende fand zunächst in Zeitungsartikeln ihre Verbreitung, dann in Romanen – schließlich in Filmen. Inspiriert von Alexander Borstschagowskis Roman Ihr größtes Spiel entstand Zoltán Fábris Két Félidö a Pokolban (Zwei Halbzeiten in der Hölle, Ungarn 1961), der die Handlung von Kiew in ein ukrainisches Straflager für ungarische Gefangene verlegte und später John Huston so sehr beeindruckte, dass der mit Escape to Victory (Flucht oder Sieg, USA 1981) ein Remake schuf, das die Handlung wiederum in ein Kriegsgefangenenlager im besetzen Frankreich verschob. Kurz nach Zoltán Fábris Fassung folgte mit dem russischen Film Tretij Tajm (Die dritte Halbzeit, UdSSR 1963) von Yevgeni Karelov eine erste dezidierte Verfilmung des Todesspiels. Geschichtsschreibung als Fortschreibung von Geschichten funktioniert mitunter wie das Kinderspiel der Stillen Post: Mit jeder weiteren Ausgestaltung wird es etwas dramatischer. Je nach Fassung etwa werden die Spieler vom Fußballfeld direkt zur Exekution geführt oder gar noch auf dem Platz von Maschinengewehrsalven gefällt.

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