Verschwörungstheorie - Die wirre Gedankenwelt der Impfgegner

In Berlin grassieren die Masern – und die irrationale Angst vor dem Impfen. Jetzt ist sogar ein Kleinkind an den Folgen der Erkrankung gestorben. Höchste Zeit für Aufklärung 

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Impfen ist zweifellos eines der Lieblingsthemen von Verschwörungstheoretikern. Wer eine Reise in die wirre Gedankenwelt dieser Leute machen will, begibt sich am besten ins Internet, wo jede noch so krude These nicht nur ihre Heimat, sondern leider auch epidemische Verbreitung findet. So war zum Beispiel auf der Homepage von »secret.tv« im Blick auf die Schweinegrippe-Impfung von einem »gewaltigen Verbrechen gegen die Menschheit« die Rede, »das offenbar nur ein Ziel verfolgt: den Genozid breiter Teile der Bevölkerung«. Ein Zentralorgan hartnäckiger Impfgegner ist die Webpräsenz »impfkritik.de«, deren Betreiber – ein gelernter Molkereifachmann – jegliches Impfen als Teufelswerk verdammt und stets dunkle Pharmamächte am Werk sieht, wenn es darum geht, einer Krankheit durch Vakzine Herr zu werden. Nun darf natürlich jeder seine Sicht der Dinge äußern, und sei sie noch so abstrus.

Pseudowissenschaftliche Begründungen
 

Aber es besteht eben doch ein gravierender Unterschied zwischen der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, und der organisierten Angstmache vor Impfstoffen mit pseudowissenschaftlichen Begründungen. Denn während Ersteres als harmlose Spinnerei abgetan werden kann, besteht bei Letzterem die Gefahr einer weitverbreiteten Impfangst mit möglicherweise verheerenden Folgen für die Volksgesundheit. Welches Ausmaß die Panikmache annehmen kann, wurde im Schweinegrippejahr 2009 in Deutschland deutlich, wo allerlei von notorischen Impfgegnern in die Welt gesetzte Warnungen auch noch durch ein unkoordiniertes Verhalten der Gesundheitsbehörden Aufwind erhielten. Wer aber erst einmal verunsichert ist, der ist erwiesenermaßen weniger empfänglich für Gegenargumente, und seien sie wissenschaftlich noch so fundiert.

Während die Schweinegrippe grassierte (oder zumindest zu grassieren drohte), machte in Windeseile der von einer Ärztin in Umlauf gebrachte Hinweis die Runde, wonach der dem H1N1-Impfstoff beigesetzte Impfverstärker Squalen das sogenannte Golfkriegssyndrom (dazu gehören unter anderem chronische Erschöpfung, Muskelrheuma und Gedächtnisstörungen) verursachen könne. Aber erstens enthielt jener Anthrax-Impfstoff, der nach dem zweiten Golfkrieg als Auslöser des gleichnamigen Syndroms ins Gerede gekommen war, überhaupt kein Squalen. Und zweitens kann nach umfangreichen Untersuchungen mittlerweile ein Zusammenhang zwischen der Anthrax-Impfung und den beobachteten Symptomen ausgeschlossen werden.

Trotzdem kam das Gerücht in die Welt, das sich auf seinem Siegeszug nicht mehr aufhalten ließ. Eine ähnliche Persistenz dürfte der These des britischen Arztes Andrew Wakefield beschieden sein, der 1998 behauptet hatte, dass die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) unter anderem Autismus auslösen könne. 31 Studien später war klar, dass Wakefield, der übrigens Patente für eine alternative Impfvariante eingereicht hatte, völlig danebenlag: Geimpfte Kinder erkranken nicht häufiger an Autismus als ungeimpfte. Aber wie gesagt: Die Impfgegner im Internet werden schon dafür sorgen, dass trotzdem irgendwas hängen bleibt.

Die Vorbehalte gegen das Impfen sind beinahe so alt wie die Immunisierung selbst. So machte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Deutsche Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung mit mehreren Hunderttausend Mitgliedern gegen die Pflicht zur Impfung gegen Pocken mobil – eine Krankheit, die nicht lange zuvor in Europa noch gewütet hatte wie die Pest und die dank entsprechender Vakzine inzwischen ausgerottet ist. Natürlich war das Impfen anfangs noch mit weitaus höheren Risiken verbunden als heute, weil die Methoden damals noch längst nicht so ausgeklügelt waren wie heute: Immer wieder löste der Pockenimpfstoff die Krankheit selbst aus; Wirkstoffe gegen Kinderlähmung enthielten teilweise Tumorviren von Affen, und 1930 starben in Lübeck 77 von 251 Säuglingen, weil die zur Immunisierung verabreichten Tuberkulosebazillen nicht abgeschwächt waren.

Großer Erfolg in der Medizingeschichte
 

Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass gerade Kinderlähmung und Diphterie in Deutschland und anderswo durch konsequente Impfprogramme nahezu vollständig verdrängt werden konnten. Impfen ist nicht nur, wie das Paul-Ehrlich-Institut es lakonisch auf den Punkt bringt, »eine der wirksamsten prophylaktischen Maßnahmen zum Schutz vor Infektionskrankheiten«. Es ist auch einer der größten Erfolge in der Medizingeschichte schlechthin. Nur zur Erinnerung: Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert starben hierzulande rund 160 von 1000 Kindern bis zum Alter von fünf Jahren an Infektionen wie Diphtherie, Wundstarrkrampf, Polio, Keuchhusten oder Masern.

Natürlich existieren auch beim Impfen gewisse Restrisiken, so minimal sie inzwischen auch sein mögen. Professor Stefan H. E. Kaufmann, Impfexperte am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, spricht von Impfrisiken in der Größenordnung zwischen 1:500.000 bis zu 1:1 Million im Bereich der etablierten Impfstoffe. Denn Vakzine sind, wie alle anderen Arzneimittel auch, nicht frei von Nebenwirkungen. Gleichzeitig werden an die Sicherheit von Impfstoffen aber höhere Anforderungen gestellt als etwa an Medikamente zur Behandlung schwerer Erkrankungen, weil Schutzimpfungen ja grundsätzlich bei gesunden Personen eingesetzt werden und somit eine besonders vorsichtige Risiko-Nutzen-Abwägung zu gelten hat. Die Rede ist hier natürlich nicht von harmlosen Begleiterscheinungen wie Hautrötungen oder leichtem Fieber, die nach einer Impfung schon mal auftreten können. Sondern von ernsten Nebenwirkungen wie Gesichtslähmung (Guillain-Barré-Syndrom) oder chronische Erschöpfung bis hin zum Tod.

Das Paul-Ehrlich-Institut sammelt die Daten zu gemeldeten Verdachtsfällen einer »über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung« und meldet für die Jahre von 2001 bis 2009 insgesamt 65 Todesfälle bei Erwachsenen, wobei die Bandbreite von septischem Schock über Leberversagen bis zu plötzlichem Herztod reicht. Bei Kindern beläuft sich die Zahl möglicher Todesfälle im gleichen Zeitraum auf 107, viele davon starben an plötzlichem Kindstod. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Impfen sollte keinesfalls als ursächlich für den Tod dieser Menschen angesehen werden; die allermeisten Opfer litten gleichzeitig unter teilweise schweren Erkrankungen. Zudem existiert nach derzeitigem Kenntnisstand kein wissenschaftlicher Nachweis für einen Zusammenhang zwischen Impfung und plötzlichem Kindstod. Verschwörungstheoretiker werden sich natürlich dennoch ihren ganz eigenen Reim darauf machen.

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