Krimis fürs Frühjahr - Mord ist die Fortsetzung der Politik ...

... mit anderen Mitteln! Die besten Krimis des Frühjahrs loten die Grauzone zwischen Politik und Verbrechen aus.

Nächtens tummeln sich Mörder und Politiker an zwielichtigen Orten.
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Frauke Meyer-Gosau ist Redakteurin des Magazins Literaturen.

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Wer regiert die Welt? Die Amerikaner? Die Chinesen? Die Russen vielleicht? Oder doch eher die Mafia? Und was ist mit den Geheimdiensten? Diese Fragen bilden den Stoff gut recherchierter Sachbücher; sie ergeben aber auch den roten Faden, an dem entlang seit Jahrzehnten die besten Krimis geschrieben werden – spannend wird es immer dann, wenn Politik und Verbrechen sich verbinden und dieselben Zwecke mit ihren unterschiedlichen Mitteln verfolgen: Macht und Bereicherung. Dabei tauchen die Romane oft in vergangene Jahrzehnte zurück – nur wer die Geschichte verstanden hat, versteht die Gegenwart, in der sich die Folgen früherer Untaten zeigen.

Max Bronski: Der Tod bin ich (Kunstmann)Ohne den Blick in die Vergangenheit bliebe zum Beispiel unverständlich, weshalb eines heißen Sommertags im Jahr 2006 der frühere Gutsverwalter Richard Eulmann vor seinem Häuschen im Bayrischen erschossen wird. In seinem Roman „Der Tod bin ich“ blendet Max Bronski danach zuerst ins Jahr 1957, dann ins Jahr 1965. Und erst wenn er zum Eingangsjahr zurückkehrt, ist der Fall Eulmann (und mit ihm noch ein weiterer Mord) aufgeklärt. Nun weiß man, dass dieser Mann einmal ein ganz anderes Leben geführt hat, das ihn mit gefährlichen Geheimnissen in Berührung brachte: als Physiker zunächst in der DDR, dann in der Schweiz und in der Bundesrepublik. Der Wissenschaftler war der „Weltformel“ auf der Spur, und wer über die Weltformel verfügt, kann nicht nur den Urknall erklären, er kann auch Vorhersagen über die Entwicklung natürlicher Phänomene treffen. Da ist es nur eine Frage der Zeit, wann und von wem der junge Forscher und DDR-Flüchtling als Spion angeheuert wird; keine Frage dagegen ist, dass er zwischen die Fronten gerät. Als Eulmann schließlich der Tod ereilt, hat schon längst keiner mehr an den verschwundenen Physiker gedacht; außer einem: seinem Mörder.

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Das ist ein spannender Stoff, und Bronski tut sein Bestes, Fachfremde in die Geheimnisse der Weltformel-Suche einzuweihen. Doch leidet sein Roman an einer erzählerischen Grundbehäbigkeit, die sich mit den brisanten Geheimdienstbeziehungen, mit Mord und Totschlag nur schwer verbindet. Ein bisschen Rasanz hätte diesem Buch gut getan. Die freilich passte wiederum nur schwer zu seinem lavierenden Helden, den man sich am besten in einer Strickjacke beim Käsebrot vorstellen kann.

An Rasanz fehlt es Liaty Pisanis Krimi „Die rote Agenda“ dagegen gerade nicht. Hier muss der Leser höchste Wachheit mobilisieren, um der Handlung mit ihren zahlreichen Akteuren aus Wissenschaft, Sport, Politik, Mafia, staatlichen und privaten Geheimdienstlern einigermaßen auf der Spur zu bleiben. Von London nach Italien führt der Weg, und erzählt wird nicht weniger als die Nachkriegsgeschichte Italiens als Mafia-Geschichte. Unvermutet nämlich ist jenes Notizbuch wieder aufgetaucht, das der Richter Paolo Borsellino im Juli 1992 bei sich trug, als er von der Mafia ermordet wurde. Darin verzeichnet sind Verbindungen zwischen Politikern und Berufsverbrechern, die die italienische Politik bis in unsere Tage prägen, und natürlich dürfen sie auf keinen Fall ans Licht kommen – sonst fällt nicht nur die herrschende politische Kaste, es würde auch jener Zweig der Mafia von den Fleischtöpfen des Staates gerissen, der einst einen anderen Clan gewaltsam von der Macht verdrängte. Genau daran aber haben andere Parteiungen ein vitales Interesse.

Pisani ist eine versierte Spionageroman-Autorin, und fast immer ist an ihren Geschichten ein privater Dienst mit Sitz in Berlin beteiligt, den zumeist Regierungen mieten, um besonders heikle Fälle am Rande der Legalität zu knacken. Nun aber wird „der Dienst“ zum ersten Mal seinem eigentlichen Auftraggeber konfrontiert: der „europäischen Elite“, der die wahren europäischen Machthaber angehören; verglichen mit deren Verfügungsgewalt war die italienische P 2 ein Karnevalsverein. Vertreten durch einen italienischen Granden aus alter Familie will „die Elite“ die Machtverhältnisse in Italien nun möglichst mit einem Schlag verändern und bei der Gelegenheit auch die übermächtig gewordene Mafia wieder auf ihren dienenden Rang zurückstutzen. So kommt der Agent Ogden mit seiner Mannschaft ins Spiel, und wenn das Buch aus ist, sind etliche Menschen gestorben, ist ein gigantomanischer Brückenbau im sizilianischen Erdbebengebiet bei seiner Einweihung samt Honoratioren in die Luft geflogen – und hat „der Dienst“ seine Sache wieder einmal gefährlich gut gemacht. Wer sich vor dem italienischen Staat vor wie nach Berlusconi mit guten Gründen gruseln will, wird hier bestens versorgt; auch über die real Mächtigen in Europa und deren Helfershelfer kommt der Leser ins Grübeln. Einen besseren Effekt kann ein heutiger Krimi kaum haben.

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