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 > „Kein Sex in Entenhausen!“

Salon

Literaturkritiker Denis Scheck„Kein Sex in Entenhausen!“

Interview mit Denis Scheck11. Oktober 2012
druckfrisch / ARD
Scheck,Kritiker,Literatur,Buchmesse
Herr über das Gute, Schöne, Wahre: Denis Scheck
Schrift:

Er steht am Gipfelpunkt der menschlichen Evolution: Der Literaturkritiker. Zumindest behauptet das Kritiker-Koryphäe Denis Scheck. Im Interview spricht er über literarische Windbeutel, Todesangst beim Lesen und die Gefahren der Ironie

Seite 1 von 4

Wenn der Regenwald wieder um ein paar Hektar ärmer ist und die Nation den Duft druckfrischer Bücher verströmt, scharrt das lesehungrige Volk bereits nervös mit den Hufen, denn: die Buchmesse hat begonnen. Grund genug, den publizistischen Wahnsinn einmal aus sicherer Entfernung kritisch zu beäugen, mit einem waschechten Literaturpionier an der Seite, der an so manchem sparen mag, nur nicht an der Kritik. Schnell ist eine 069-Nummer gewählt, es tutet und sogleich raunt am anderen Ende der Leitung eine sonore Stimme in die Sprechmuschel: Scheck?

Denis Scheck, Kritiker aus Leidenschaft, kennt den Literaturbetrieb wie seine Westentasche. Mit 13 Jahren gründete er seine erste Literaturzeitschrift und arbeitet seither als Literaturagent, Übersetzer, Herausgeber und Literaturredakteur. Szenisch schildert er noch, wie er sich in Laokoon’scher Anmut von der kunstvoll verzwirbelten Schnur seines Hoteltelefons löst, um dieses in die Nähe einer Tasse Kaffee zu bugsieren. Und dann ist er ganz Ohr:

Lieber Herr Scheck, was hat es mit Ihrer Zuneigung für Sledge Hammer auf sich? Mit dieser immer wiederkehrenden Hommage an einen selbstverliebten, chauvinistischen, „Pizzagesicht“-schimpfenden, waffenvernarrten Polizeidetektiv?
Das ist große Fernsehhistorie. Sledge Hammer war für mich ein ironischer Durchbruch im Format der Fernsehserie, so wie früher Monty Python in der Comedy. Was für ein Antiheld! Als ich die Chance erhielt, eine Fernsehsendung zu machen – Elke Heidenreich war noch nicht auf Sendung und das Quartett hatte gerade aufgehört –, dachte ich mir, ich muss mit den Mitteln der Ironie arbeiten. Ich fragte mich also, wie ich aus dieser Ex-Cathedra-Position des Papstes heraus komme, der sagt: „Sie lesen jetzt dieses Buch, sonst erschieße ich diesen Hund!“ Da ist Sledge Hammers Formel „Vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue!“ perfekt, weil jeder weiß, so spricht nur jemand, der nicht weiß, was er tut. Was ich allerdings unterschätzt habe: Ich dachte, diese Fernsehserie kennt jedes Kind, stattdessen kennt sie keine Sau! Das ist die Gefahr von Ironie im Fernsehen: Dass sie nicht verstanden wird.

Sie wissen also gar nicht, was Sie tun und sind eigentlich unverstanden?
Sledge Hammer arbeitet mit der Limitierung seiner Persönlichkeit – genau wie ich auch. Aber beide geben wir uns schrecklich Mühe. Unterm Strich möchte ich das aber nicht als Dauerwerbesendung für Medien oder bestimmte Autoren verstanden wissen. Das ist ein Appell, um Gottes Willen das eigene Hirn einzuschalten.

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Wozu brauchen wir dann überhaupt Literaturkritiker wie Sie? Finden Sie es nicht etwas vermessen, Bücher nach Ihrem Gutdünken in gute und schlechte zu unterteilen?
(lacht) Selbstverständlich ist Literaturkritik die höchste Form menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Der Ziel- und Gipfelpunkt menschlicher Evolution. Dafür sind wir angetreten, dafür haben sich die ersten Amöben zusammengeschlossen und Staaten gebildet: Damit am Ende als Krone der Schöpfung der Literaturkritiker steht.

Literaturkritiker sind also von Natur aus größenwahnsinnig? Eine angeborene Megalomanie vielleicht?
(lacht noch mehr) Nein, ernsthaft: Die Literaturkritik ist die schönste Tätigkeit der Welt! Mein Leben wäre ohne sie verfehlt. Sie wollen doch nicht, dass ich mein Leben verfehle?

Das möchte ich sicher nicht. Aber wozu brauchen wir eine ganze Industrie an Kritikern?
Weil jedes Jahr 90.000 Neuerscheinungen auf den Markt kommen. Wir brauchen also furchtlose Pioniere, die sich in die Brandung dieses tobenden Irrsinns stellen und mutig – to boldly go, where no man has gone before – diese Bücher aufschlagen, lesen und hinterher Bericht darüber erstatten. Mich wundert umgekehrt, warum es in anderen Feldern nicht mehr Kritik gibt. Ich fordere Brötchenkritik, Hosenkritik, Sockenkritik, Lampenkritik! Es gibt die Kritik im kulinarischen Bereich, merkwürdigerweise in der Automobilindustrie, im Kunst- und Musikbereich, aber in vielen Feldern unseres Alltagsleben fehlt sie. So steckt auch die Kindergartenkritik noch in den Kinderschuhen. Deshalb gibt es auch ganz wenig gesellschaftliches Fortkommen.

Aber warum brauchen wir für alles einen TÜV, eine Stiftung Warentest, die uns das eigenverantwortliche Denken und Handeln abnimmt? Muss man sich durch manche Phänomene – von den Brötchen bis zur Literatur – nicht selbst durchwursteln?
Bei 90.000 Neuerscheinungen können Sie nicht mehr viel wursteln. Die vornehmste Aufgabe der Kritik ist nämlich auch die Reduktion von Komplexität. Ich lese zwischen 150 und 180 Büchern im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Vladimir Nabokov entdecken, ohne Kritiker, ohne die Literaturwissenschaft, ohne Gespräche über Bücher und das Argumentieren darüber, ist gering.

Die Hybris des Kritikers ist dabei umso größer?
In der Tat. Ich nenne das den Entjungferungswahn der Literaturkritik: Der Wahn, der Erste zu sein, der irgendwas entdeckt.

Seite 2: Publizistischer Mist und hässliche Kinder

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Wenn kein Sex in Entenhausen,

dann, bitte, wo gibt es Sex? Muss ich warten, bis ich als Shahid im Paradies bin? Dann doch lieber jetzt, und später im Paradies, nur 71 anstatt 72 Jungfrauen.

  • Antworten
Ahmet Gündogan12.10.2012 | 11:30 Uhr

B.W. in der Kiste

"..und im zweiten Kapitel erst einmal aufzählt, mit wem sie alles in die Kiste ging,.."
Das hätte er nicht sagen sollen, jetzt muss ich mir das Buch von B.W. ja doch kaufen - und auch noch lesen. Oder gibts das 2. Kapitel schon irgendwo online, am Besten als Comic?

  • Antworten
A. Müller13.10.2012 | 12:44 Uhr

diverse Kritiken, die Meister Sch. fordert:

"Ich fordere Brötchenkritik, Hosenkritik, Sockenkritik, Lampenkritik!"
.
All sowas und viel mehr gibt's doch in zig Blogs im weltweiten Netz! Kennt Herr Scheck nicht? Nunja, man sollte es ihm mal sagen.
.
Das mit dem Sex in Entenhausen ist doch alter Quark, den die Donaldisten schon anno dunnemals (vulgo: vor 30 Jahren) geklärt haben.

  • Antworten
Jeeves15.10.2012 | 09:37 Uhr

Nochwas:

Nochwas:
Schönen Dank für das wunderbare Interview.

  • Antworten
Jeeves15.10.2012 | 09:51 Uhr

Lampenkritik gibt es schon ;-)

Offenbar hat Kollege Scheck noch nicht entdeckt, dass ich seit fast drei Jahren so nebenher ein Blog mit dem wesentlichen Bestandteil "LED-Lampen-Kritik" betreibe - zugegeben, nur ein Teilbereich, aber immerhin besser als nix, oder? ;-)

Beispiel gefällig?
http://fastvoice.net/2012/10/13/bauhaus-holt-die-lumen-raus-endlich/

  • Antworten
Wolfgang Messer15.10.2012 | 10:00 Uhr

Krecheleien

"Einer der aufregendsten Romane der Gegenwart ist deshalb tatsächlich Ursula Krechels 1948 angesiedelter Roman „Landgericht“, der sich mit der Nachkriegszeit, der Restitution und dem Wiederaufbau der Bundesrepublik befasst."

Nun ja, wer etwas für krachende Katachresen, syntaktische und semantische Fehlgriffe en masse, grammatikalische Schnitzer sondergleichen, schreiende Stilblüten, endlose Redundanzen und relativ sinnfreie Sinnhuberei übrig hat, ist mit Krechels gänzlich ungenießbarem "Landgericht" gewiss bestens bedient. Wer derlei sprachliche Unbeholfenheit schon überhaupt nicht mehr wahrnimmt, weil er geflissentlich darüber hinwegliest, oder so etwas gar für literarische, wo nicht poetische Kreativität hält, muss sprachlich entweder völlig verroht oder eben ein Kritiker, ach was sag ich: eine "Kritiker-Koryphäe" sein. Wobei mir, ehrlich gesagt, nicht ganz klar ist, was jemanden, der eine Rundfunk-Büchersendung und ein Literatur-Informercial moderiert, in dem er belletristische Schwergewichte wie Eckart von Hirschhausen und Ildikó von Kürthy in die Tonne tritt (was in etwa einem Musikkritiker entspricht, der sich an Dieter Bohlen und Helene Fischer abarbeitet), wenn er nicht gerade mit mehr oder minder berühmten AutorInnnen über deren Katzen oder Plattensammlung plaudert, recht eigentlich zum "Kritiker" - von einer "Koryphäe" nicht zu reden - qualifiziert. Ich jedenfalls habe von Herrn Scheck mein Lebtag noch nichts Fundiertes, geschweige denn analytisch Wasserdichtes über Literatur gelesen oder gehört.

  • Antworten
Unbekannt verzogen16.10.2012 | 10:33 Uhr

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