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Der Tag der Christa Wolf!

Von Alois Weimer27. September 2004
Schrift:
Achtung! Heute ist der 27. September. Für die meisten von uns ein ganz normaler Tag. Nicht so für Christa Wolf. Für sie ist er ein Schlüsseltag. Und damit für die deutsche Literatur. Lesen Sie warum ...
Es war im Jahre 1935, als der russische Schriftsteller Maxim Gorki (1868 – 1936) die Schriftsteller in aller Welt auffordert, einen Tag im Jahr so genau wie möglich zu beschreiben. Obwohl viele Künstler dem Aufruf folgen, wird das Unternehmen „Ein Tag der Welt“ in den folgenden Jahren nicht weitergeführt. Erst 25 Jahre später wiederholt die Moskauer Zeitung „Iswestija“ den Aufruf und bittet die Schriftsteller der Welt, den 27. September 1960 zu protokollieren. Christa Wolf folgt der Anregung und beschreibt den angegebenen Tag. Und dann auch den 27. September 1961. Und schließlich alle. Alle darauf folgenden 27. September bis heute. Nun hat sie in „Ein Tag im Jahr“ auf über 600 Seiten veröffentlicht, was sie an jedem 27. September von 1960 bis 2000, also vierzig Jahre lang, je an diesem Tag erlebt, gedacht und gefühlt hat. Sie will damit in ihrem privaten Leben „Erinnerungspunkte in das Meer des Vergessens“ setzen und gleichzeitig verhindern, dass die Geschichte der DDR „auf leicht handhabbare Formeln reduziert“ wird, Vorurteile ohne Überprüfung übernommen und Verhärtungen nicht aufgelöst werden. Durch diese Verquickung des Privaten mit dem Politischen werden die alljährlichen Aufzeichnungen nicht nur zu einem Beleg für die Entwicklung der Dichterin, sondern auch zu einem Zeitzeugnis über die DDR und das vereinigte Deutschland. Es hinterlässt – wie kann es bei Christa Wolf anders sein – ambivalente Erkenntnisse. „Ein Tag im Jahr“ zeigt vor allem, wie viel Allgemeines selbst im Persönlichsten steckt. So muss man in der modernen Literatur lange suchen, will man ein so glückliches Ehepaar finden, wie Christa und Gerd Wolf es zu sein scheinen. Der Leser ist beglückt, und doch misstrauisch. Denn selbst das Intimste bleibt nicht im Privaten stecken. Christa Wolf beschreibt die Lebensgemeinschaft gleichzeitig, ob bewusst oder unbewusst, als Vorbild der „sozialistischen Ehe“: Die Partner sind beide parteipolitisch gebunden, berufstätig, sie helfen einander bei gesellschaftlichen, beruflichen und politischen Aufgaben und teilen sich die Aufgaben in der Kindererziehung und im Haushalt. Und wenn einmal das Politische und Private in Widerspruch geraten, wie beispielsweise, als Gerd Wolf aus der Partei ausgeschlossen wird, dann ist seine Frau „nicht geistesgegenwärtig genug, um das zu tun, was ich da hätte tun müssen: Mein Parteidokument auf den Tisch legen.“ Statt dessen hört sie auf Walter Janka, der feststellt: „Man tritt nicht aus der Partei aus.“ Ähnlich verhält es sich, wenn Christa Wolf die Beziehung zu ihren beiden Töchtern schildert. Da Tinka, die jüngere, am 28. September Geburtstag hat, erleben wir nicht nur, wie lieb die Mutter Geburtstagsfeiern vorbereitet, sondern wir werden gleichzeitig aufgeklärt, nach welchen Erziehungsgrundsätzen sie die Kinder erzieht. Ganz im Sinne der sozialistischen Pädagogik charakterisiert Christa Wolf die dem vierjährigen Mädchen vermittelte Lebensanschauung: „Ihr neuer, unerschütterlicher Glaube, dass alles, was existiert, ‚zu etwas gut ist’, ihr zu etwas gut ist.“ Es sind politische Ereignisse und Eingriffe in das familiäre und berufliche Leben, entwürdigende Erfahrungen, die diesen Glauben bei Mutter und Tochter verletzen. Doch ganz zerstören können sie ihn nicht. Was den Freundes- und Bekanntenkreis betrifft, so werden auch diese Beziehungen der herrschenden Politik zugeordnet. Alles, was Rang und Namen in der kulturellen Szene der DDR hat, versucht Beziehungen zu den Wolfs herzustellen, und Christa Wolf selbst ist an der Begegnung mit Künstlern und kommunistischen Intellektuellen in aller Welt interessiert. Natürlich herrscht da das Politische vor, so sehr, dass sie, wie es sich nach der Wiedervereinigung herausstellt, Ende der 50er Jahre Kontakte zur Stasi aufnimmt und Freundschaften aufs Spiel setzt. Es ist die Ironie des Schicksals, dass sie später selbst von der Stasi Tag und Nacht überwacht und von Freunden verraten wird. Trotz ihrer verzweifelten Lage in den letzten Jahren der DDR versucht Christa Wolf noch 1989 zusammen mit Freunden aus Westdeutschland die Wiedervereinigung zu verhindern. Da wird gefaselt von verschiedenen Kulturen in Deutschland, deren Einflussgrenze „ungefähr entlang der jetzigen Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik“ verlaufe. Und es gelte, der Versuchung zu widerstehen, die Gesellschafts- und Wirtschaftsform Westdeutschlands zu übernehmen, die ja nur auf „Profit und Effizienz als einzige Kriterien der Wirtschaft“ aufgerichtet sei.. Man wage nicht, sich auszumalen, was geschehe, wenn „zwei große, in ihren Bedürfnissen unreife Bevölkerungsgruppen in Ost und West aufeinandertreffen und sich womöglich vereinigen wollen oder sollen.“ Die Freunde sind sich einig: eine Wiedervereinigung darf es nicht geben. Wie sehr das Private ins Politische hineinragt, wird besonders deutlich, wenn Christa Wolf über ihre Aufgabe als Schriftstellerin spricht. Auch wenn sie immer wieder am eigenen Leib erfahren muss, dass es „deckungsgleiche Gedankengebäude bei – selbst marxistischen – Politikern und Künstlern“ nicht gibt, bleibt ihr künstlerisches Credo mit, ohne oder gegen die Partei: „Das Leben von Menschen groß machen, die zu kleinen Schritten verurteilt scheinen.“ Das Ziel glaubt Christa Wolf erreichen zu können, indem sie in Wort und Schrift versucht, in Brigaden, Gewerkschaften und Partei die Interessen der Arbeiter mit denen der sozialistischen Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. Solche Humanisierungsbemühungen scheitern sowohl in der betrieblichen Praxis als auch an der parteiinternen Theorie. Die Schuld sucht Christa Wolf dann bei egoistischen Brigadeführern, starrsinnigen Funktionären, bornierten Parteisoldaten oder im Ausland, nicht aber im System selbst. Sie beschreibt zwar die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit und wird dafür von der Partei der antisozialistischen Ideologie geziehen. Die Idee vom demokratischen Sozialismus, der die gerechte Gesellschaft schafft, gibt sie aber nicht auf. Selbst nach dem Fall der Mauer glaubt sie noch, „es werde dieses ‚Dritte’ geben, einen sozialistischen Staat mit menschlichem Antlitz. Es kommt anders, und die Schriftstellerin muss den „Wahlschock“ und die Wiedervereinigung verkraften. Ihr Herz schlägt weiter links, sie freut sich, dass die Ära Kohl endlich vorbei ist, und hofft, „Lafontaine behält Einfluss auf Schröder.“ „Ein Tag im Jahr“ sollte man trotzdem lesen, nicht weil Christa Wolf an einem politischen System festhält, das den Menschen den Himmel auf Erden verspricht, sie aber letztendlich in eine Hölle führt. Es wird empfohlen, weil die Schriftstellerin eine gute Beobachterin ist. Sie beschreibt ihren eigenen Weg als Bürgerin der ehemaligen DDR und der heutigen Bundesrepublik Deutschland, charakterisiert aber gleichzeitig die Einstellungen, Gedanken und Gefühle vieler ehemaliger DDR-Bewohner. Neue Perspektiven eröffnen sich vor allem dem westdeutschen Leser, und er versteht plötzlich, warum es in Ostdeutschland „Montagsdemos“ gibt, warum die PDS solche Zustimmung erhält und warum Oskar Lafontaine als Redner nach Ostdeutschland eingeladen wird. Vielleicht führen diese Einsichten und Erkenntnisse und die darauf folgenden Begegnungen und Gespräche dazu, dass doch noch zusammenwächst, was zusammen gehört. Das Buch: Christa Wolf, Ein Tag im Jahr, Luchterhand Literaturverlag, München, 655 Seiten, 25 Euro, ISBN 3 – 630 – 87149 - 6
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