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Salon

Festspielort HeiligendammWenn die Sommerfrische lockt

Von Daniel Hope18. August 2012
picture alliance
Heiligendamm,Musik,Daniel Hope
Heiligendamm, der Kurort mit Tradition,
Schrift:

Im August ist es nirgends schöner als in Heiligendamm, meint Cicero-Kolumnist Daniel Hope. Das wusste schon der 15-jährige Felix Mendelssohn. In einer Reihe von Konzerten lässt man die Sommerfrische früherer Tage wieder aufleben

Vor zwei Jahren habe ich die künstlerische  Leitung der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern übernommmen, die jeden Sommer im Nordosten Deutschlands stattfinden: 127 Konzerte zwischen Mitte Juni und Mitte September. Diese Festspiele liebe ich besonders, weil sie eine Art musikalische Entdeckungsreise durch einen wunderschönen Landstrich bieten. Konzerte finden in idyllischen Gutshäusern, kleinen Dorfkirchen, Schlössern und Scheunen statt. Manche Spielorte wie das malerische Renaissanceschloss an einem kleinen See im Dorf Ulrichshusen haben – dank der Vision der Schlossherren Alla und Helmuth von Maltzahn sowie durch unvergessliche Auftritte von Künstlern wie Yehudi Menuhin, Anne-Sophie Mutter und Mstislaw Rostropowitsch – längst ihren festen Platz in der deutschen, ja sogar europäischen Musiklandschaft erobert.

Auch Heiligendamm hat sich erneut als bemerkenswerte Spielstätte etabliert. „Hier ist der Blick bewunderungswürdig schön, der heilige Damm bezaubert uns gänzlich“, schrieb 1766 der englische Reiseschriftsteller Thomas Nugent. Wer schon einmal auf der magischen Strandpromenade vor dem Grand Hotel gestanden hat, die prunkvollen weißen Villen aus dem 19. Jahrhundert im Rücken mit Blick auf die Ostsee mit ihren aufwühlenden Farben, vergisst das nie mehr. Sogar dem 15-jährigen Felix Mendelssohn erging das ähnlich. Aufgeregt schrieb er 1824 seiner Mutter, dass er um halb sechs Uhr morgens aus den Federn in eine kleine Zinkwanne sprang, Kaffee trank und rasch die Treppe abwärtseilte, „damit ich Punkt 7 Uhr den ersten Badewagen, der an den Strand zum Heiligen Damm fährt, bekomme“. Vom ersten deutschen Seebad hatte Familie Mendelssohn von Wilhelm von Humboldt erfahren, dem preußischen Staatsmann, der in höchsten Tönen davon schwärmte. Damals hatte man die luxuriöse Möglichkeit, bei starkem Seegang das neue Badehaus zu besuchen, wo erwärmtes Wasser in Badewannen als Heilmittel angeboten wurde.

Entstanden ist Heiligendamm im Jahre 1793 durch den mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Bad vom europäischen Hochadel geprägt. Auch einzelne Mitglieder der russischen Zarenfamilie sollen zu den Gästen gezählt haben sowie der Seeheld Lord Nelson, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka. Ungewöhnlich sind auch die Ausführungen zu den Aufwendungen, die der Großherzog betrieb, um die Badegesellschaft zu unterhalten. Er war ein moderner Regent, der mit der Zeit ging und dem Musischen viel Raum ließ. Genau das scheint den jungen Mendelssohn so beeindruckt zu haben. Im malerischen Nachbarort Bad Doberan wurden die teuersten Blasinstrumente aus London importiert und die besten Musiker engagiert, um sie für die Gäste spielen zu lassen. Der Großherzog verstand schon damals die Idee von „Wellness“ und war überzeugt, dass das intensive Hören von „neuartigen Klangnuancen“ den Geist fördern würde. Mendelssohn geriet in Verzückung, als er merkte, dass ihm die Umgebung „so viel Komponierlaune“ entlockte.

 Als ich zu Beginn meiner Arbeit für die Festspiele von der Verbindung zu Mendelssohn erfuhr, entschied ich mich sofort, Musik auf eine besondere Art wieder mit Heiligendamm zu verbinden, und zwar in Form eines Brückenschlags zwischen Mecklenburg und den Vereinigten Staaten. Zum dritten Mal in Folge werden auch während der diesjährigen Festspiele die besten Nachwuchsmusiker aus der Carnegie Hall und dem Lincoln Center nach Heiligendamm kommen. Sie wohnen, proben öffentlich, konzertieren im Grand Hotel und lassen sich von dieser historischen Umgebung immer wieder aufs Neue inspirieren, genau wie der junge Mendelssohn. Und Nachwuchsmusiker aus Mecklenburg-Vorpommern bekommen die Chance, mit den Amerikanern zu musizieren oder sogar in New York aufzutreten. Das einzige Problem: Für einige der Amerikaner ist Heiligendamm der erste Eindruck, den sie von Europa bekommen, und damit sind sie für immer reichlich verwöhnt! „Heic te laetitia invitat post balnea sanum – Freude empfängt Dich hier, entsteigst Du gesundet dem Bade“ verheißt die goldene Inschrift am Kurhaus, in dem die Konzerte der Festspiele stattfinden. Ein gutes Omen und der Beweis dafür, dass Musik und das Wohlbefinden eigentlich öfter beieinanderliegen könnten. 

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