Jump to Navigation
Startseite

Magazin im Mai: Nichts klappt, alle lieben sie: Das Geheimnis der verschlunzten Hauptstadt

Babel Berlin
  • Magazin
  • Mediathek
  • Literaturen
  • Service
  • Newsletter
  • Shop
  • Abo
  • Berliner Republik
  • Weltbühne
  • Kapital
  • Stil
  • Salon
  • Bücher
  • Themen der Zeit
  • Kolumnen
  • Blogs
  • Ressorts
  • Dossiers
  • Karikaturen
  • Suche

Suchformular


Mein Cicero


Sie sind hier: Startseite > Magazin
 > Nervosität als Sucht

Salon

ADHS-KulturNervosität als Sucht

Von Stefanie Peter5. August 2012
picture alliance
ADHS,Hyperaktiv,Hyperaktivität,Zappelphilipp,Ritalin
Haben wir die Fähigkeit verloren, bei einer Sache zu bleiben?
Schrift:

Lange Zeit galten Ablenkbarkeit und Zerstreuung durch eigene unsortierte Gedanken als unabdingbar für den kreativen Prozess. Inzwischen sind sie bloß noch zwanghaft zu nennen. In seinem Buch „Hyperaktiv!“ übt Christoph Türcke Kritik an der ADHS-Kultur

Mittlerweile gibt es einen ganzen Katalog von Anwendungen und Computerprogrammen, die im Zeitalter des Internet ein konzentriertes Arbeiten ermöglichen sollen. Sie tragen sprechende Namen wie «Freedom», «Anti- Social», «Cold Turkey», «LeechBlock» oder «Self-Control», und sie blockieren für einen bestimmten Zeitraum den Zugang zu Facebook, Youtube und Twitter oder gehen gleich ganz offline. Damit soll eine unserer Lieblingsbeschäftigungen verhindert werden: das ziellose Abschweifen. Lange Zeit galten Ablenkbarkeit und Zerstreuung durch eigene unsortierte Gedanken als unabdingbar für den kreativen Prozess. Inzwischen aber, so der Leipziger Philosoph Christoph Türcke, seien sie bloß noch zwanghaft zu nennen. In der «konzentrierten Zerstreuung» erkennt Türcke ein Kernproblem unserer Kultur: Wir haben die Fähigkeit verloren, bei einer Sache zu bleiben.

Wie andere Philosophen, etwa Byung Chul Han («Müdigkeitsgesellschaft ») oder Christoph Menke und Juliane Rebentisch («Kreation und Depression»), untersucht Türcke ein neuronales Krankheitsbild als Symptom eines Gesellschaftszustands. Er geht davon aus, dass ein Übermaß an Reizen, Informationen und Impulsen die Struktur und Ökonomie der Aufmerksamkeit radikal verändert. Unsere fragmentarisierte Wahrnehmung bringe das über Jahrtausende erlernte kulturelle Gut der Aufmerksamkeit zum Verschwinden. Betroffen seien aber auch die Kinder, deren Aufmerksamkeit zwischen Personen und Bildmaschinen hin- und hergerissen sei. Der Bildschirm trete als «ein Drittes zwischen Mutter und Kind». Immer mehr Kindern wird eine Aufmerksamkeitsdefizits- oder Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert, in deren Folge sie mit Methylphenidat (Ritalin) oder anderen amphetaminähnlichen Stimulanzien behandelt werden. Der Verbrauch solcher Medikamente hat sich seit Ende der neunziger Jahre verzehnfacht. Die Pillen sollen Phasen der Ruhe ermöglichen, aus denen neues Selbstvertrauen und Kraft geschöpft werden können.

Auch hat sich herumgesprochen, dass Ritalin bei Gesunden als «Hirndoping » funktioniert, wobei Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Herzrasen und Blutdrucksteigerungen in Kauf genommen werden. Seit Ritalin in den siebziger Jahren auf den Markt kam, wird von ADHS stets in Verbindung mit dem Nutzen dieses Medikaments gesprochen – ein Wechselspiel zwischen Medikation und Erkrankung. So als der Piraten-Partei-Abgeordnete Christopher Lauer jüngst mitteilte, selbst von der Krankheit betroffen zu sein («Ich habe ADHS – und das ist auch gut so») und zugleich die Wirkung von Ritalin lobte. Auch hob er die Vorteile des für ADHS-typischen «nichtlinearen, asynchronen Denkens» hervor; dieses sei eine Bereicherung für alle.

Christoph Türcke behauptet, das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sei keine Krankheit in gesunder Umgebung, vielmehr seien die Kinder bereits das Produkt einer ganzen ADHS-Kultur. Und alles, so befürchtet der Philosoph, werde künftig noch viel schlimmer kommen. Weil das uns alle angehe, schlägt er vor, als Alternative zu Ritalin ein neues Schulfach einzurichten, dessen Wirkung mindestens ebenso deeskalierend und beruhigend sein könnte: «Ritualkunde». Was sind schließlich Rituale anderes als geronnene Wiederholungen? Und die seien nun einmal – Türcke schlägt hier einen kulturtheoretischen Bogen von Opfertheorien bis zum Freud‘schen Wiederholungszwang – die Bedingung dafür gewesen, dass sich so etwas wie Aufmerksamkeit überhaupt habe herausbilden können.

Um der Abstumpfung der Aufmerksamkeit durch «schockartig funktionierende Bildmaschinen» entgegenzuwirken, sollen Wiederholungskulturen einübt werden. Dazu gehört etwa die Rückbesinnung auf Märchen, als «unersetzliche Wegbahner kindlichen Lernens», musische Erziehung und Bibelkunde. Türckes Fantasiefach ist zwischen Politik, Sozialkunde, Ethik und Religionsunterricht angesiedelt und ähnelt in seinen Grundzügen der Waldorfpädagogik.

Dies ist ein gut lesbares Buch, das durch eine genauere Beschreibung unseres Verhältnisses zu den Neuen Medien aber noch sehr gewonnen hätte. Türcke bringt archaische Rituale gegen neue Technologie und Bildmaschinen in Stellung. Dabei übersieht er aber, wie sehr unser ganz alltäglicher Umgang, etwa mit einem iPhone, gerade diesen archaischen Ritual- Praktiken ähnelt. Geräte scheinen uns längst angewachsen zu sein wie Körperprothesen – auch behandeln wir sie, als hätten sie eine Seele. Psychologen sorgen sich bereits um die steigende Anzahl von Menschen, die auch in absoluter Stille andauernd Klingeltöne und Vibrationsalarme halluzinieren. Oder die noch junge Kultur des kollektiven Fernsehserien-Konsums, der ein hochdifferenziertes Gespräch in Gang setzt und keineswegs zur Massenproduktion vereinsamter Nerds führt. Türcke mahnt Wiederholungskulturen an, spart solche interessanten Phänomene in seiner technologiefeindlichen Analyse aber aus. Dennoch trifft er den Kern einer Entwicklung, der man nicht mit Aufmerksamkeitsdefiziten begegnen sollte.

Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur
C.H. Beck, München 2012
123 S., 9,95 €

 

 

Twitter
drucken
merken
in mein Dossier
versenden

zum Ressort

zurück zum Dossier

Weiterführende Links

Diese Artikel könnten
Sie auch interessieren:

G+J-Chefin Julia Jäkel
Zwischen Journalismus und PR
von
10.04.2013
Agenda 2010
Die verleugnete Erfolgsgeschichte der SPD
von
11.03.2013
Ware Frau
Prostitution abschaffen!
von
08.03.2013
Selbstverschuldete Unmündigkeit
Karlsruhe agiert, Berlin reagiert
von
08.03.2013
Berlin
Die Möchtegern-Metropole
von
07.03.2013

zum Dossier Literaturen
Aus Literaturen  
Sommer 2012
Twitter
zum Ressort

zurück zum Dossier

Weiterführende Links

Diese Artikeln könnten Sie auch interessieren:

G+J-Chefin Julia Jäkel
Zwischen Journalismus und PR
von
10.04.2013
Agenda 2010
Die verleugnete Erfolgsgeschichte der SPD
von
11.03.2013
Ware Frau
Prostitution abschaffen!
von
08.03.2013
Selbstverschuldete Unmündigkeit
Karlsruhe agiert, Berlin reagiert
von
08.03.2013
Berlin
Die Möchtegern-Metropole
von
07.03.2013

 
Zu Dossier hinzufügen:
  • Europa
  • Kommentare
  • Detuschland
  • Jochen Thies, Was Hitler wirklich wollte
  • Goetz
  • Goetz
  • afrika
  • afrika
  • Syrien
  • Euro krise
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • filosofia
  • Offenen Demokratie
  • LINKE
  • Vorbereitung_Wahlen
  • Cicero
  • Politik
  • Politik
  • Wirtschaft
  • Grüne
  • Wahlen in D
  • Atomenergie
  • Terror
  • Lesenswert
  • Serina
  • _Wj
  • Papstreise 2011 Deutschland
  • Kapitalismus
  • Kapitalismus
  • Piraten
  • Grüne
  • Grüne
  • Grüne
  • Leben
  • haha
  • Migration
  • Generation 2.0
  • Kunst
  • Kunst aA
  • Kunst
  • EURO
  • Russland
  • Steuerpolitik
  • Internet-Kultur
  • Wulf
  • Wulf
  • Parteien
  • Parteien
  • Parteien
  • Finanzkrise und Staatsschulden
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • kindle
  • kindle
  • Rechtsradikalismus
  • USA
  • Religion und Tradition
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Parteien
  • Kirche
  • Grass
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Netz
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • politik
  • Tourismus
  • Moral
  • Urheberrecht
  • favs
  • Digitalisierung
  • A Nachlesen
  • A Nachlesen
  • internet
  • Film
  • Literatur
  • Literatur
  • NH
  • Polemik
  • Praktische Philosophie
  • diethart
  • Steinbrück
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • MILANKO
  • Entwicklungspolitik
  • Gunter Hofmann
  • dudelfunk
  • pit
  • Material-SK
  • Steuern
  • Antisemitismus
  • Intellektuelle
  • Türkei
  • Jan von Alen
  • Autoren
  • Autoren
  • Autoren
  • Doppelte Staatsbürgerschaft
  • Test
  • Hyperkorrekte
  • Stasi
  • Fernsehen Qualität
  • Kretschmer
  • Kretschmann
  • Politik
  • Pressegleichschaltung
  • NSU
  • gender
  • gender
Neues Dossier anlegen:

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Buch, Bücher, Literatur
Dossier

Die Buch-Seite

zum Dossier

Bildergalerie

Erste Figuren, letzte Ideen – die Karikaturen der Woche

zur Bildergalerie
Anzeige

Kisslers Konter

Dienstagskolumne von Alexander Kissler

Fetischisierung der Sexualität über die Grenzen hinaus

Im Zentrum der Kritik: Theodor-Heuss-Preisträger Daniel Cohn-Bendit

Kisslers Konter: Die Grünen geraten aufgrund früherer Positionen zur Pädophilie unter immer heftigeren Druck. Sicher ist: Das Thema wird die Partei noch lange beschäftigen


DAS NEUESTE AUS DEN BLOGS VON CICERO ONLINE

Bild des Benutzers Christian Jakubetz - unhipster
Ruhe bitte, wir arbeiten gerade!

Netzgemeinde? Digitaler Graben, gesellschaftliche Kluft? Unfug - tatsächlich handelt es sich…

zum Blogeintrag

Frage des Tages

Klone der Schöpfung
In Kooperation mit dem Tagesspiegel
zur Frage

Thema der Woche

150 Jahre SPD: Vom Fürstenfeind zur Kaviarlinken
zum Dossier
Sollte die Bundeswehr Drohnen kaufen?
Das Cicero-Meinungsbild

Das Verteidigungsministerium will unbemannte Flugkörper kaufen. Ist das ethisch zu vertreten?

Umfrage
Die Türkei muss in die EU, fordert Gerhard Schröder im Cicero. Hat er Recht?
Ja, ein Beitritt ist dringend nötig, um die Region zu stabilisieren
15%
Nein, die EU wäre heillos überfordert
85%
Gesamtstimmen: 740
zur Umfrage
Medizin, Gesundheitssystem, krank
Dossier

Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

zum Dossier

Dossier

Nordkorea zündelt

zum Dossier

Mittelstand,Mittelschickt,Bürgertum,Internetstore AG
Dossier

Mythos Mittelstand

zum Dossier

Anzeige
Anzeige

Video

„Deutschland wird nicht mehr zu den G8 gehören“

Video
alle Videos
Anzeige

Jetzt den Newsletter von Cicero Online abonnieren

Liebe Leserinnen und Leser. Gerne informieren wir Sie regelmäßig über das aktuelle Angebot von Cicero Online. Bitte tragen Sie ihre E-Mail-Adresse ein und wir schicken ihnen montags bis freitags unseren täglichen Newsletter.

E-Mail*
Anrede
Vorname
Nachname

Anzeige

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
  • Impressum
  • Nutzungsbedingungen
  • AGB
  • Stellenangebote

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
 
RESSORTS
Startseite
Berliner Republik
Weltbühne
Kapital
Stil
Salon
Bücher
Karikaturen
Bildergalerien
Videos
Blogs
Dossiers
Newsletter
 
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Redaktion
© Cicero Online 2013zum Seitenanfang