Ökologie - Klimaapokalyptiker opfern die Freiheit

Umweltforscher wollen den Planeten retten. Dafür sind sie sogar bereit, die Demokratie aufzugeben. Ein Plädoyer für den Fortschrittsglauben

Knalliger Protest: Eine Greenpeace-Aktivistin demonstriert für die Umwelt
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Radecke, Hans-Dieter

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Noch bis in die 1840er Jahre entführten Skidi-Pawnee-Indianer junge Mädchen von Nachbarstämmen und schlachteten sie auf einem kunstvoll errichteten Schafott. Dieses Opfer war notwendig, um die Fruchtbarkeit der Felder für die Zukunft zu sichern.

Der Glaube, man könne die Zukunft durch ein Opfer in der Gegenwart günstig beeinflussen, war (und ist) in vielen Kulturen verbreitet. Die Verbindung zur Zukunft wird dabei von angesehenen Spezialisten hergestellt. Sie nennen sich Seher, Schamanen, Astrologen, Priester – oder Wissenschaftler. Im Zuge der Aufklärung übernahm die Wissenschaft immer häufiger das Geschäft der Zukunftsprognose. Basierend auf ihren Vorhersagen definierten die einflussreichsten Personen der Gesellschaft die Opfer, die für das Glück der zukünftigen Generationen erbracht werden mussten. Und die waren nötig, denn Ende des 19. Jahrhunderts stand nach übereinstimmender Meinung der maßgeblichen Experten der Niedergang der Menschheit oder doch zumindest bestimmter Teile davon unmittelbar bevor.

Diese Gewissheit basierte auf einem alternativlosen Wissenskonsens, Darwins Evolutionstheorie: Die Natur war durch verantwortungsloses menschliches Handeln aus dem Gleichgewicht geraten. Eine wachstumsorientierte Sozialpolitik, die der natürlichen Auslese, Darwins „survival of the fittest“ entgegenwirkte und auch die weniger „Fitten“ begünstigte, behinderte die nachhaltige Entwicklung der Menschheit und gefährdete den ohnehin brüchigen Weltfrieden. Die Diagnose war eindeutig, schmerzliche therapeutische Mittel waren also unumgänglich. „Es muss der menschliche Artprozess durch die Ausbildung einer Theorie und Praxis der Eugenik so weit rationell beeinflusst werden, dass die Fortpflanzung von konstitutionell Minderwertigen zuverlässig verhindert wird“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD und Reichstagsabgeordnete Professor Alfred Grotjahn in den zwanziger Jahren. Ziel einer zukunftsorientierten Politik konnte es demnach nur sein, die Freisetzung „schädlichen“ Erbmaterials so weit als möglich zu verhindern. Der Ausstoß „giftiger“ Erbfaktoren durch den hemmungslosen Wachstumswahn der weniger „Fitten“ musste zwangsläufig zum Erbgutwandel und damit zur Verunreinigung der natürlichen Genosphäre führen.

Viele Staaten suchten ihr Heil im alternativlosen Wissenschaftskonsens und setzten auf Genschutzprogramme. Das vermeintlich hehre Ziel, den Gen-Wandel aufzuhalten, rechtfertigte auch unorthodoxe, autoritäre staatliche Eingriffe. Zwangssterilisierungen, Heiratsverbote für Epileptiker, Zwangskastrationen für Geistesschwache waren die Mittel, mit denen der Genpool transformiert werden sollte.

1933 forderte der Literaturnobelpreisträger und Sozialist George Bernhard Shaw, dass eine Zivilisation diejenigen ausrotten müsse, die den Ansprüchen nicht genügen. Um den Eugenikgott milde zu stimmen, war dem Menschheitsfreund kein Opfer zu groß.

Anfang des 20. Jahrhunderts erklärte der Physiker Lord Kelvin in einer „Science is settled“-Rede die Physik für abgeschlossen: „Jetzt gibt es nichts Neues mehr in der Physik zu entdecken. Wir müssen jetzt nur noch zunehmend genauere Messungen durchführen.“ Kurz darauf revolutionierten Quanten- und Relativitätstheorie die Physik grundlegend und gaben Kelvin der Lächerlichkeit preis.

Die These, wir könnten die Entwicklung der Wissenschaft oder Menschheit zuverlässig vorhersagen, ist empirisch nicht zu begründen und logisch nicht zu beweisen. Und wie der Philosoph Dieter Birnbacher treffend feststellt, ist „der Glaube an ein zukünftiges Glück, das durch die Opfer der Gegenwart ermöglicht wird, durch nichts belegt. Das Glück der Zukünftigen, für das der Terror der Gegenwart das unerlässliche Mittel sein soll, ist kein Ergebnis wissenschaftlicher Prognostik, sondern einer den Anspruch der Wissenschaftlichkeit usurpierenden Prophetie.“

Auch wenn das zweite Jahrhunderthochwasser innerhalb von elf Jahren und andere Wetterkatastrophen die Klimaforscher zu bestätigen scheinen, ist die Treffsicherheit der bestehenden Modelle zur Vorhersage des Klimas aus wissenschaftlicher Sicht von der des reinen Ratens kaum zu unterscheiden. Denn beim Klima haben wir es mit einem perfekt chaotischen physikalischen System zu tun, dessen mittel- und langfristige Entwicklung prinzipiell nicht vorhersagbar ist. Dennoch gibt es nun angeblich einen Klimakonsens, der mit breiter gesellschaftlicher Zustimmung als Prognosegrundlage für eine düstere Zukunft der Menschheit instrumentalisiert wird und in dessen Namen massive Eingriffe in die individuelle Freiheit gerechtfertigt werden.

Für die überwältigende Akzeptanz dieses herbeigeredeten Menschheitsnotstands scheinen mehrere nur teilweise bewusste Prozesse verantwortlich zu sein: Die uralte menschliche Angst vor dem Weltuntergang erzeugt in Tateinheit mit einer fehlgeleiteten Wissenschaftsgläubigkeit und an animistische Vergötterung erinnernde Naturverklärung ein zivilisationsfeindliches Gemenge, das die Menschen zu Geißeln einer virtuellen Zukunft macht, die nicht weniger von uns verlangt, als dass wir ihr unsere Art zu leben zum Opfer bringen.

Bezeichnend ist, dass fast sämtliche geforderten Maßnahmen zur Vermeidung der sogenannten Klimakatastrophe auf weniger Konsum, weniger Wachstum, weniger Wohlstand, weniger Markt, weniger individuelle Freiheit abzielen. Kontrolle und Beschränkung sind das Ziel. Fast nie ist die Rede von Kreativität, ergebnisoffener Forschung oder neuen markttauglichen Technologien. Der eigentliche Feind der Klimaretter ist nicht das CO2. Der Feind sind Fortschritt und Freiheit. Die zukünftigen Generationen werden missbraucht, um die eigene Ideologie in der Gegenwart durchzusetzen. Kritik an dieser Strategie wird durch eine Erweiterung des Moralbegriffs auf Menschen, die als Bürger einer fernen Zukunft dem ihnen zugesprochenen Rechtsgut noch gar nicht zustimmen können, regelrecht geächtet.

Die Berufung auf das Wohl künftiger Generationen leidet aber an einer unerträglichen Selbstherrlichkeit. Die ständig erhobenen Forderungen nach „Gleichgewicht“ und „Nachhaltigkeit“ sind nichts anderes als der Ausdruck eines stockkonservativen Denkens, das in letzter Konsequenz dazu führen würde, unseren Nachfahren eine ganz bestimmte Lebens- und Denkweise aufzuzwingen. Woher wissen wir denn, dass unsere Urenkel dem zustimmen, was „Ökophilosophen“ als „nachhaltiges Leben im Gleichgewicht mit der Natur“ bezeichnen? Wird das, was Nachhaltigkeitsapostel heute als alternativlose Handlungsweise verkaufen, jenen Generationen überhaupt von Nutzen sein? Wer könnte heute ernst bleiben, wenn unsere Vorfahren unter großen finanziellen Opfern sämtliche Planungsmaßnahmen zu Raumordnung, Stadtentwicklung, Küstenschutz und Landschaftspflege unter einen obligatorischen Pferdemistvorbehalt gestellt hätten?

Freiheit ist die unabdingbare Grundvoraussetzung für Fortschritt jedweder Art, insbesondere aber für den wissenschaftlich- technischen. Nur dort, wo das Infragestellen von Prämissen, das Bezweifeln von Folgerungen und das Entwickeln von Alternativen nicht nur geduldet, sondern gefördert werden, sind bisher die großen Wissensdurchbrüche gelungen. Doch statt nach Fortschritt streben die Propheten des Untergangs nach Gleichgewicht, statt Kreativität fordern sie Konsens – ein bestürzendes Drehbuch für die Rückkehr zur mittelalterlichen Fortschrittsfeindlichkeit.

Konsens, Kontrolle, Einschränkung der individuellen Freiheit, Vorsorge durch Selbstbeschränkung – diese Rezepte für den Schutz späterer Generationen sind genau das Gegenteil dessen, was der Menschheit zu ihrem heutigen Maß an Wohlstand, Gesundheit, Lebenserwartung und individueller Selbstentfaltung verholfen hat. Doch statt dies zu würdigen, wettern die Prediger der Nachhaltigkeit gegen „übermäßigen Wohlstand“ und „sinnlosen Luxus“. Vor menschlichem Wohlergehen wird gewarnt, zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Ihren Nachhaltigkeitsschamanen oder Klimaseher.

Heute festlegen zu wollen, wie die Bedürfnisse der Menschen in hundert Jahren aussehen werden, ist an Überheblichkeit nicht zu überbieten, es sei denn, wir setzen das auf Konsensdenken basierende Stillstandsprogramm unserer Umweltpriester tatsächlich um.

Aber was gestern noch Abfall war, kann heute ein wertvoller Rohstoff sein und umgekehrt. Derzeit zeichnet sich beispielsweise ab, dass die Transmutations-Technologie es künftig erlaubt, strahlenden Reaktorabfall zumindest teilweise in harmlose Stoffe umzuwandeln und dabei noch Energie zu gewinnen. Und Unternehmen wie Planetary Resources planen bereits die ersten Erkundungsmissionen zu Asteroiden, deren Metalle und Mineralien die vom Club of Rome 1972 prognostizierten „Grenzen des Wachstums“ ins Kosmische erweitern werden. Solche oft als naiver Fortschrittsglaube geschmähten Projekte sind in Wahrheit Ausdruck eines liberalen Humanismus, der den Menschen heute genauso dient wie künftigen Generationen, weil er auf ihre Kreativität vertraut.

Unsere Nachkommen werden uns aber nicht danach beurteilen, wie viel CO2 wir eingespart haben, sondern danach, welchen Spielraum für Freiheit und Entfaltung wir ihnen gesichert haben. Damit bereiten wir der Zukunft einen fruchtbaren Boden, nicht mit kleinkarierten Opfergaben wie CO2-Ablass, Dosenpfand und Biosprit.

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