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Kapital

Europa & der Euro„Griechenland-Pleite gefährdet nicht die Eurozone“

Interview mit Thomas Straubhaar10. Mai 2012
picture alliance
Griechenland,Sparkurs,Pleite,Euro,Währungsunion,Europa,
Sollen die Griechen ihre nationale Autonomie oder den Sparkurs aufgeben?
Schrift:

Die Pleite Griechenlands ist keine Gefahr für die Euro-Konstruktion, meint Thomas Straubhaar vom HWWI. Im Interview mit Cicero Online spricht er über den psychologischen Aspekt eines EU-Wachstumspakets und erklärt, warum Hollande zum französischen Gerhard Schröder werden könnte

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Herr Straubhaar, die Süddeutsche Zeitung titelte, dass Populismus und Nationalisten Konjunktur in Europa hätten. Wird sich unter diesen Bedingungen in Griechenland Politik machen lassen?
Das Scheitern einer ersten Regierungsbildung entspricht dem Empfinden einer Bevölkerung, der das Wasser bis zum Halse steht. Die Polarisierung in der Regierung hat ihr Gutes insofern, als dass sie noch schneller den Lackmustest bestehen muss, in welche Richtung sie sich jetzt entwickeln will.

Und welche Richtung wird das sein?
In der Wahl zwischen Pest und Cholera kann sie die Pest wählen, dem Druck von außen nachgeben und ein Stück ihrer nationalen Autonomie aufgeben. Oder sie wählt die Cholera: Das Parlament entschließt sich dazu, den Sparkurs aufzugeben. Momentan scheinen im Land solche Stimmen lauter zu sein, die, aus Not und verletztem Nationalstolz heraus, Griechenland ins Abseits manövrieren.

Ohne Hilfsgelder wäre die griechische Regierung gezwungen, drastische Einsparungen vorzunehmen oder ihr eigenes Geld zu drucken. Faktisch wäre damit Griechenlands Mitgliedschaft in der Währungsunion beendet.
Auf indirektem Wege müsste Griechenland, dem Vertrag von Nizza entsprechend, die EU verlassen, um dann auch den Euro aufgeben zu können. Das wäre nichts anderes als ein „freiwilliges“ Springen über die Klippe. Für die griechische Wirtschaft wäre das mit enorm hohen Kosten verbunden. Bis das Land international wettbewerbsfähig wäre, würde es sehr lange dauern. Und bis dahin wäre es von allen äußeren Kapitalflüssen abgeschnitten. Energie, importierte Rohstoffe, Vorleitungen – alles würde teurer werden. Das wäre ein Desaster für die griechische Regierung und vor allem auch für die Bevölkerung.

Wankt damit die ganze Euro-Konstruktion?
Was für die Eurozone gefährlich ist, sind zwei Dinge: Die stete Unsicherheit und dass irgendwo immer ein paar Euroländer drohen, Griechenland aus dem Euroraum zu werfen, obwohl sie im Grunde wissen, dass sie dazu keine Handhabe haben. Sollten sich die Griechen selbst dazu entscheiden, die Spielregeln zu brechen, dann wäre das ein Schrecken, aber ein Schrecken mit Ende. Damit stehen nicht automatisch die Stabilität der Eurozone und die Zukunft Deutschlands auf dem Spiel.

Bildergalerie: Eine kleine Geschichte des Euro
  • Eine kleine Geschichte des Euro
  • 1979: Gründung des Europäischem Währungssystem
  • Französischer Präsident Mitterand will eine Währungsunion
  • 1990: Freier Kapitalverkehr
  • 2002: Vertrag von Maastricht
  • Euro-Tower in Frankfurt
  • 1995: Der Name "Euro" wird geboren
  • Europäische Zentralbank löst EWI ab
  • 1999: Die Wechselkurse des Euro werden festgelegt
  • 2001: Griechenland wird in die Währungsunion aufgenommen.
  • 2002: Einführung des Euro
  • Jean-claude Trichet, Präsident der EZB
  • 2007-2009: Neue Länder treten der Währungsunion bei
  • 2009: Euro-Krise bahnt sich an
  • Griechenland in der Euro-Krise
  • Europäischer Rettungsschirm
  • Irland in der Euro-Krise
  • Portugal in der Euro-Krise
  • Spanien entkommt bislang nur knapp der Euro-Krise
  • Italien soll sich nun auch in der Euro-Krise befinden
  • Verlängerung des Euro-Rettungsschrims?

War es ein Fehler auf EU-Ebene, bisher keine Investitionsprogramme aufzusetzen?
Natürlich bedarf Griechenland noch lange sehr starker Unterstützung. Die sollte aber in erster Linie nicht finanzieller Natur sein. Was Griechenland fehlt, sind Institutionen. Seine Funktionsfähigkeit und Staatlichkeit genügt den westeuropäischen Standards nicht. Von innen wird sich nur schwerlich etwas verbessern: Die Aristokratie möchte lieber auf dem Status Quo beharren, und das Volk hat weder die Kraft, noch versteht es, was in seinem Land passiert. Die Situation ist ziemlich verfahren, also braucht es Hilfe von außen. Griechenland muss sich stärker auf den Weg in Richtung eines europäischen Protektorats bewegen, bis seine eigenen Strukturen nachhaltig tragfähig werden. Das wird dauern.

Aber Griechenland wurde von Brüssel doch bereits zur Verwaltungsregion degradiert. Vielleicht weniger, um das Land zu stabilisieren, sondern um seine Pleite kontrolliert vorzubereiten. Sämtliche Gelder, die nach Athen fließen, dienen einzig und allein dazu, sich Zeit zu kaufen…
Das war von Anfang an die Strategie, nichts anderes als der Versuch, Griechenland die Zeit zu geben, einen regierbaren Staat zu bilden, um mittel- bis langfristig wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen. Und mit jedem Tag, an dem der Pessimismus gegen den Euro in Griechenland wächst, rückt der Tag X – der Tag der Pleite – näher. Schon im Juni wird es meines Erachtens keinen Finanztransfer mehr geben. Sonst würde gutes Geld dem schlechten einfach hinterhergeworfen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, dass sich die Eurozone in einen Nord- und Südeuro spaltet?
Nein, das sehe ich nicht. Griechenland wird ein Einzelfall bleiben. Die anderen Länder werden aus dem griechischen Fiasko ihre Lehre ziehen und sich mehr anstrengen, die Auflagen von außen zu erfüllen. Es ist auch ein Signal dafür, dass der Norden dem Süden eine Brücke bauen muss. Hollande und selbst Merkel sehen mittlerweile, dass Sparen alleine nicht sinnvoll ist. Die Bereitschaft, ein Wachstumsprogramm aufzulegen, steigt.

Wäre ein EU-Wachstumspaket denn überhaupt finanzierbar?
Es geht doch nicht um Finanzen! Es geht darum, den psychologischen Aspekt dieses Wachstumsprogramms zu berücksichtigen. Die Kosten über ein solches Paket sind noch völlig unbestimmt, aber die Menschen brauchen ein Licht am Ende des Tunnels! Alleine auch deswegen, um einen Dominoeffekt zu vermeiden.

Seite 2: Hollande, der französische Gerhard Schröder?

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Hat man Herrn Straubhaar

Hat man Herrn Straubhaar damit angedroht, die Gelder für sein Hamburger Institut zu streichen oder hat ihm die INITIATIVE NEUE SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT (INSM), dessen Botschafter er ja ist, mit Rauswurf gedroht, weshalb er nach einem kurzen Ausflug in die makroökonomische Realität jetzt wieder linientreuen neoliberalen Unsinn erzählt. Nur Lernresistente glauben noch, dass die Agenda 2010 ein Erfolg ist.

  • Antworten
popper10.05.2012 | 19:07 Uhr

Realitätsferne

Da zeigt sich bei Herrn Straubhaar doch eine gewisse Realitätsferne, die den Politikern in unserem Lande in nichts nachsteht:
Zitat "Das war von Anfang an die Strategie, nichts anderes als der Versuch, Griechenland die Zeit zu geben, einen regierbaren Staat zu bilden, um mittel- bis langfristig wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen."

Griechenland hat seit 150 Jahren es nicht geschafft, einen regierbaren Staat zu bilden, soll es aber in der sogenannten Euro-Krise ganz schnell nachholen. In anderen Interviews ist Staubhaar seltsamerweise realistischer und spricht von einem EU-Protektorat Griechenland. Um die verfahrene Situation zu retten wäre die völlige Entmachtung der korrupten griechischen Politikerkaste eventuell das einzige Mittel.

Zitat "Die anderen Länder werden aus dem griechischen Fiasko ihre Lehre ziehen und sich mehr anstrengen, die Auflagen von außen zu erfüllen."

Werden sie das. Zur Zeit sieht eher so aus, dass man den lästigen Druck, Reformen durchzuführen, lieber abschütteln will. Warum sollte eine Pleite Griechenlands hier etwas änder?

  • Antworten
Grinario11.05.2012 | 11:36 Uhr

Griechnland-Pleite gefährdet nicht die Euro-Zone

Das mag so sein! Das ist aber auch nicht das Problem. Das Problem ist,
wie können die PIGS-Länder und Frankreich international wieder wettbewerbsfähig werden, denn sie verdienen ihre Importe nicht durch ihre Exporte und der EURO (die EURO-Zone) wäre schon jetzt eine Weich-Währung ohne die Exportüberschüse Deutschlands außerhalb der EURO-Zone. Man kann ja noch mal 1 Billion EURO ausloben. Aber WER schafft WIE in WELCHEN Bereichen international wettbewerbsfähige Arbeitsplätze? Spanien hat von 2000 bis 2010 60 Mrd. EURO (netto) erhalten und hat jezt eine "Jugend-Arbeitslosigkeit" von über 50 %.
Also noch einmal: WER schafft WIE WELCHE international wettbewerbsfähige Arbeitsplätze in SPANIEN?......und FRANKREICH.?
WER bitteschön?

  • Antworten
Wolram Wiesel11.05.2012 | 14:46 Uhr

Richtige Frage

Auf Griechenland bezogen:
Die Repräsentanten der deutschen Industrie warnen vor einem Austritt Griechenlands aus dem Euro. Aber wer von den deutschen Firmen will wirklich nach Griechenland, um dort eine Produktion aufzuziehen und Arbeitsplätze zu schaffen? Unter welchen Bedingungen müsste man da produzieren? Kaum eine dt. Firma will das auf sich nehmen. Griechenlands Konsumenten sollen in der Eurozone bleiben und die Steuerzahler der Nordeuroländer sollen sie alimentieren, damit sie die Produkte der Unternehmen kaufen können.
Die Eurozone hat in dieser Form eben keine Zukunft. Es fehlt nicht am guten Willen, sondern die Struktur ist falsch.

  • Antworten
Grinario11.05.2012 | 16:22 Uhr

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