Chemie-Gewerkschafter:

„Ein Fracking-Verbot hilft keinem“

Der Chemie-Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis kämpft gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband BDI für die umstrittene Förderung von Schiefergas in Deutschland 

High Pressure Lines: Die Firma Encana betreibt eine Frackingbohrstelle in den USA
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Unser Autor

Til Knipper leitet das Cicero-Ressort Kapital. Vorher arbeitete er als Finanzredakteur beim Handelsblatt.

So erreichen Sie Til Knipper:

Herr Vassiliadis, sind Sie eigentlich Biertrinker?
Ich trinke lieber Wein.
 
Haben Sie deshalb kein Problem damit, das deutsche Reinheitsgebot zu gefährden durch den Einsatz der umstrittenen Fracking-Technologie zur Gasförderung in Deutschland?
Ich mag auch Bier, und ich habe gar kein Interesse daran, das Reinheitsgebot zu gefährden. Wir nehmen die Sorgen aller Beteiligten, auch der Bierbrauer um die Sauberkeit des Brauwassers, sehr ernst. Der Schutz des Wassers hat allerhöchste Priorität. Die Problematik ist aber auch nicht ganz neu, denn wir betreiben schon seit 750 Jahren Bergbau in Deutschland und hatten auch dabei immer die Sicherung der Wasserqualität auf dem Schirm.
 
Dabei wurde aber bisher darauf verzichtet, mit hohem Druck Wasser, Sand und giftige Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten zu pumpen, um dort vorhandenes Erdgas oder Öl förderbar zu machen.
Der Einsatz chemischer Mittel ist schon heute eindeutig gesetzlich geregelt und sollte beim Fracking meines Erachtens so weit wie möglich minimiert werden. Man muss aber auch die geologischen Voraussetzungen für Fracking sehen. In Deutschland liegen die Gesteinsebenen, aus denen das Schiefergas gelöst werden soll, sehr weit unterhalb der Grundwasserebene.
 
Welches wirtschaftliche Potenzial hat das Fracking in Deutschland?
Nennenswerte Vorkommen gibt es vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Das ist nicht vergleichbar mit den riesigen Vorkommen in den USA, wo die Förderung von Schiefergas und Schieferöl die Energiepreise deutlich hat sinken lassen. Aber der Wert des in Deutschland vorhandenen unkonventionellen Erdgases, das nur per Fracking förderbar ist, wird immerhin auf rund eine Billion Euro geschätzt.
 
Das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim argumentiert genau andersherum. Fracking in Deutschland sei bei den günstigen Gaspreisen überhaupt nicht wirtschaftlich.
Wenn es sich nicht rechnet, wird es keiner machen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir ein rohstoffarmes Land sind. Das Fördern eigener Gasvorkommen gäbe uns grundsätzlich die Möglichkeit, unsere Abhängigkeit von Importen aus Russland und Norwegen zu verringern und die Energieversorgung des Industriestandorts Deutschland zu stabilisieren.
 
Aber warum konzentrieren wir uns nicht lieber auf die konsequente Umsetzung der Energiewende, statt uns der Illusion hinzugeben, dass wir per Fracking das fossile Zeitalter verlängern können?
Sie klammern einen entscheidenden Aspekt der Energiewende aus. Wir sind das einzige Land der Welt, das sich eine so fundamentale Wende verordnet hat. Die Entscheidung gegen den Einsatz von Kernenergie, die ich richtig finde, hat eine 30 Jahre währende Debatte in diesem Land beendet. Damit ist das Thema aber nicht erledigt, weil eine Lücke von 22 Prozent bei der Energieversorgung entstanden ist.
 
Die wir mit erneuerbaren Energien füllen wollen.
Ja, aber das geht nicht von heute auf morgen. Mir wird über diese gewaltigen sozialen, technischen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, zu wenig diskutiert. Die AKW-Gegner überspringen diese Debatte einfach und verlangen jetzt den sofortigen Ausstieg aus Kohle und Gas und stellen mit diesen Fundamentalforderungen die größte Gefahr für die Umsetzung der Energiewende dar. Wir brauchen Brückentechnologien wie effiziente neue Gas- oder Kohlekraftwerke, um das Ziel einer Energieversorgung aus erneuerbaren Energien längerfristig überhaupt erreichen zu können.
 
Aber ist Fracking Teil einer sinnvollen Brückentechnologie? Wollen wir nicht die in Deutschland im Zusammenhang mit der Energiewende entwickelten Technologien auch exportieren? In den USA hat der Fracking-Boom dafür gesorgt, dass der Ausbau von Wind- und Sonnenenergiegewinnung fast vollständig zum Erliegen gekommen ist.
Das stimmt, aber wir müssen in Deutschland realistisch bleiben. Wir haben es nicht geschafft, unsere klima- und umweltpolitischen Vorstellungen international gegen die Interessen von Ländern wie China, Indien oder den USA durchzusetzen.
 
Heißt das, wir können den Klimaschutz aus den Augen verlieren?
Nein, überhaupt nicht. Aber wir müssen erkennen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind. Unsere Rolle in Deutschland muss es sein, den technologischen Fortschritt in der Energieversorgung zu entwickeln. Wir haben das Know-how für eine weltweite Modernisierung, ob es um die Gewinnung, die Erzeugung oder den Einsatz von Energie geht. Das kann auch unser wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz sein. Das wäre viel wichtiger, als nur Vorbild und Zielweltmeister bei der CO2-Reduktion zu sein. Auf dem Gebiet könnten uns die Amerikaner ohnehin bald überholen.
 
Wie das denn?
Durch den Einsatz von Fracking haben sie viel Erdgas, das in der CO2-Bilanz besser ist als Steinkohle, die sie ebenfalls fördern. Die Kohle werden sie exportieren, das Gas nutzen sie selbst. Hinzu kommt, dass sie trotz aller Risiken und ungeachtet der ungelösten Endlagerung weiterhin auf Kernenergie setzen, was ebenfalls die CO2-Bilanz verbessert. Am Ende werden sie uns vorhalten, dass ihr Beitrag zur Klimaerwärmung pro Kopf niedriger ist als bei uns.
 

 

Aber warum setzt sich die IG BCE als Gewerkschaft so sehr für das Fracking in Deutschland ein, dass Sie selbst mit dem Präsidenten des Arbeitgeberverbands BDI Ulrich Grillo einen gemeinsamen Brief an die Bundesregierung geschrieben haben?
Die IG BCE ist fachlich und inhaltlich zuständig für das Thema. Der Brief sollte einen Impuls zu einer sachlichen Debatte geben. Wir haben uns zu dem Schreiben mit dem BDI entschieden, weil ein Fracking-Verbot in Deutschland niemandem hilft.
 
Was genau erwarten Sie von der Politik?
Sie sollte sich hüten, durch ein generelles Verbot dauerhaft die Weiterentwicklung dieser Technologie zu blockieren. Nordrhein-Westfalen hat bereits Mitte Dezember eine vernünftige Entschließung zum Fracking in den Bundesrat eingebracht. Mittlerweile gibt es dazu auch einen gemeinsamen Referentenentwurf des Wirtschafts- und Umweltministeriums. Der sieht Bohrverbote in Wasserschutzgebieten vor sowie strenge Umweltverträglichkeitsprüfungen und eine Minimierung des Einsatzes von Chemikalien. Das unterstützt die IG BCE – und nun auch der BDI. Die Industrie hatte sich ja lange für eine uneingeschränkte Erlaubnis von Fracking eingesetzt.
 
Wird das noch in dieser Legislaturperiode entschieden?
Das hoffe ich, aber wir befinden uns im Wahlkampf, und die Vertreter der Regierungsfraktionen räumen überraschend offen ein, dass sie das Thema deshalb am liebsten auf Eis legen würden. Aber das geht nicht, weil es sich um eine wichtige energiepolitische Frage für unser Land handelt. Wir müssen die Sorgen der Leute ernst nehmen, die Technologie vor Ort erläutern und dürfen der Diskussion nicht aus dem Weg gehen.
 
Entstehen bei einer Genehmigung des Frackings neue Arbeitsplätze in Ihrer Branche?
Öl- und Gasförderung ist sehr technikintensiv, da ist kein Jobwunder zu erwarten. Aber es geht trotzdem auch um Arbeitsplätze in diesem Land, weil dahinter Technologie- und Wertschöpfungsketten stehen. Wir sind führend im Bergbauingenieurwesen, in der Explorations- und Bohrtechnologie, diese Stellung müssen wir als Industrienation verteidigen. Es gibt eine latente Bereitschaft in unserer Gesellschaft, diese Kompetenzen leichtfertig aufzugeben. Das ist falsch. 
 
Fürchten Sie um die Wettbewerbsfähigkeit der Chemiebranche aufgrund der Energiekosten?
Die Wettbewerbsfähigkeit speist sich aus verschiedenen Quellen, von denen die Energiekosten gerade in der Chemieindustrie eine der wichtigsten sind. Höhere Energiepreise und ein ordentliches Lohnniveau haben wir bisher mithilfe technologischer Kompetenz kompensiert. Aber wenn wir das Beispiel Gas nehmen, wirken sich die viel niedrigeren Preise in den USA doppelt aus, weil Gas in der Chemieindustrie nicht nur Energieträger ist, sondern auch Rohstoff, den wir veredeln. Das kann schnell zu einem gravierenden Standortnachteil werden. Jede Investitionsentscheidung, auf die der Gaspreis einen wesentlichen Einfluss hat, wird im Moment neu berechnet. Die Unternehmen werden deswegen nicht sofort deutsche Anlagen schließen, aber die nächste Investition vielleicht eher in den USA tätigen. Wir müssen aufpassen, sonst wandert Zug um Zug die Industrie ab.
 
Warum setzen die Unternehmen nicht auf eine Verbesserung der Energieeffizienz? 
Machen sie ja. Aber es geht nicht alles auf einmal. Natürlich benötigt die Chemieindustrie in der Herstellung viel Energie. Aber ohne Chemieindustrie gibt es auch keine Energiewende. Wir entwickeln die Hochleistungskunststoffe für Windräder, die Lackierungen, die sie offshoretauglich machen, und auch in der Solarenergie steckt viel Chemie. Das sind Kernkompetenzen, die auch in Zukunft unverzichtbar sind. Wir können es uns als Industrienation nicht erlauben, nur noch bei einer Disziplin vorne zu sein: dem Aussteigen aus Technologien. 

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