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Weltbühne

EU-GipfelDer tiefe Riss zwischen Brüssel und Berlin

Von Eric Bonse27. Juni 2012
picture alliance
Merkel,Barroso,Berlin,Brüssel,EU,Gipfel
Angela Merkel trifft in Berlina uf Kommissionschef Barroso
Schrift:

In der Eurokrise geht nichts mehr zwischen Brüssel und Berlin. Merkel zerpflückt einen Masterplan zur Lösung der Krise, noch bevor er fertig ist – doch eine Alternative legt sie nicht vor. Beim EU-Gipfel droht ein Fiasko

Seite 1 von 2

Eigentlich weiß jeder in Brüssel, was gegen die Eurokrise zu tun wäre. Man muss die Finanzmärkte beruhigen, damit Spanien und Italien nicht doch noch untergehen. Man muss die Bindung zwischen Banken und Staaten lösen, damit diese sich nicht wechselseitig in den Abgrund reißen. Und man muss viel Geld auftreiben, um die akuten Finanzlöcher zu schließen und die alten Schuldenberge abzutragen. Allein durch Sparen, so viel hat sich in der EU-Kapitale herumgesprochen, wird man die Krise nicht lösen können.

Bei ihrem letzten Treffen in Brüssel hatten sich die Euro-Chefs auch auf eine Methode verständigt, um diese Ziele in die Tat umzusetzen. Sie war, wie immer in der EU, etwas umständlich, versprach aber größtmöglichen Konsens und Erfolg. Die „großen Vier“ der Eurozone – Ratspräsident Van Rompuy, Kommissionschef Barroso, EZB-Präsident Draghi und Eurogruppenchef Juncker – sollten gemeinsam einen Bericht verfassen, der dann als Masterplan für die Krisenbewältigung dienen sollte.

Bildergalerie: Prominenter Protest: Köpfe gegen den ESM

Am Montag legten die Vier letzte Hand an ihre Pläne. Sie hatten ihren Entwurf kaum fertig, da kam schon die erste Breitseite aus Berlin: Eine Vergemeinschaftung der Schulden sei mit ihr nicht zu machen, ließ Kanzlerin Merkel ihren Regierungssprecher Seibert verkünden. Prompt gingen die Börsen in den Keller, denn damit war klar, dass wichtige Teile des Masterplans, eine Bankenunion mit gemeinsamer Einlagensicherung und ein Schuldentilgungsfonds zum Abbau der Altlasten, an Deutschland scheitern würden.

Am Dienstag kam es noch dicker. Der siebenseitige Bericht über den „Weg zu einer echten Wirtschafts- und Währungsunion“ war kaum an die 27 Staats- und Regierungschefs verschickt, da zog ihn die Bundesregierung schon ins Lächerliche. Das Strategiepapier sei wohl kaum mehr als ein „Wunschzettel“. sagte Staatsminister Michael Georg Link. Die Kanzlerin legte in einer Sitzung mit der FDP-Bundestagsfraktion noch nach: So lange sie lebe, werde es keine gesamtschuldnerische Haftung in der EU geben.

Das saß, und das war kein guter Stil – ganz im Gegenteil. Merkel und ihre Minister haben den Masterplan schon abgeschossen, noch bevor er auf dem EU-Gipfel aufgeschlagen ist, für den er eigentlich bestimmt war. Sie haben damit nicht nur die Aussicht auf eine Einigung auf dem Gipfel verringert. Sie haben auch die vier EU-Granden beschädigt. Die stehen jetzt wie begossene Pudel da. Vor allem aber haben sie offenbart, wie tief der Riss zwischen Berlin und Brüssel mittlerweile ist. Er lässt sich wohl kaum noch überbrücken.

Dabei war der Reformplan bereits ganz auf Merkel zugeschnitten. Erste Entwürfe, in denen von gemeinsamen Anleihen („Eurobonds“) und gemeinsamen Interventionen auf den Finanzmärkten die Rede war, wurden schnell eingestampft, weil die Kanzlerin dagegen war. Die schon im Fiskalpakt vorgesehenen Sparziele und Kontrollmechanismen wurden verstärkt, um Merkel entgegenzukommen. Wettbewerbsfähigkeit und Strukturreformen wurden betont, um den Liberalen in Berlin zu gefallen.

Über weite Strecken liest sich der Masterplan nun wie eine Kombination aus Fiskalpakt und Euro-Plus-Pakt, beides Erfindungen der eisernen Kanzlerin. Um die deutsche Angst vor „Schuldensündern“ zu dämpfen, schlagen Van Rompuy und seine Kollegen weitgehende Befugnisse für die EU-Exekutive vor. Die EU-Kommissare sollen Haushaltsentwürfe nicht nur wie bisher kritisieren, sondern zur Not auch korrigieren dürfen. Brüssel soll mehr Macht erhalten, das Budgetrecht der nationalen Parlament wird massiv beschnitten.

Genau das war es wohl, was Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble meinte, als er von weiteren Souveränitätstransfers an die EU sprach und Verfassungsänderungen sowie Volksbefragungen andeutete. Im Kern läuft der EU-Entwurf nämlich auf eine Entmachtung der Nationalstaaten und auf die Gründung einer zentralen EU-Wirtschaftsregierung hinaus. Sogar von einem Finanzministerium ist die Rede, auch wenn es verschämt als Finanzbehörde bezeichnet wird. Auch davon hatte Schäuble geredet.

Die Schulden- und Haftungsgemeinschaft hingegen, die fast alle EU-Experten fordern, kommt in dem Reformplan nur nach einer langen Übergangszeit vor. Erst wenn ein „robuster Rahmen für Budgetdisziplin und Wettbewerbsfähigkeit“ aufgebaut wurde, soll es gemeinsame Schulden geben. Auf Eurobonds legen sich die vier Euro-Chefs dabei ebenso wenig fest wie auf ein bestimmtes Haftungsmodell. Offenbar hofften sie, Berlin mit diesem Entgegenkommen milde zu stimmen.

Seite 2: Wenn der Riss zum Bruch wird

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Es ist unfassbar,

auch hier wieder werden allein noch mehr Schulden als Lösung für eine Krise angesehen, die durch Schulden entstand.

Wann endlich wird auch der letzte verstehen, dass allein rasche und harte Umstrukturierungen in Spanien, Italien, Frankreich (ja, genau) und Griechenland einen nachhaltigen Erfolg versprechen? Irland und Portugal scheinen diesbezüglich bereits auf dem richtigen Weg.

Während Deutschland harte Reformen vornahm, haben diese Länder eine schuldenfinanzierte Dauerparty gefeiert. Und nun erwareten sie, dass Deutschland über mehr oder weniger kreativ getarnte Instrumente die Vergemeinschaftung dieser Schulden vornimmt. Das ist doch grotesk!

  • Antworten
VerySeriousSam27.06.2012 | 13:10 Uhr

Die Krise entstand nicht

Die Krise entstand nicht durch Schulden. Sie entstand dadurch, dass die Finanzmärkte einige Länder von der Finanzierung abschnitten. Deshalb mussten EU und IWF eingreifen. In Griechenland war das Problem Betrug und Schlamperei, in Irland hingegen ein Bankencrash, in Portugal geht es umschwaches Wachstum, in Spanien um eine Immobilienkrise. Erst haben die Märkte diese Länder mit - auch detuschem Geld - vollgepumpt, dann lassen sie sie genauso schnell wieder fallen. Hier, im irrationalen Überschwang der Märkte (Greenspan) liegt das Hauptproblem. Der Schuldenstand in der Eurozone liegt übrigens weit unter dem der USA oder Japans, und Spanien steht auf dem Papier nicht schlechter da als UK.

  • Antworten
Eric B.27.06.2012 | 14:50 Uhr

Wie heilt man irrationalen Überschwang

a) Indem man Staaten und Personen, die sich mehr geliehen haben, als sie zurückzahlen können, und den Anlegern, die ihnen das Geld unvorsichtigerweise geborgt haben, auf Kosten deutscher Sparer und Steuerzahler die Konsequenzen ihrer Fehler erspart? oder

b) Indem man die einen ihr Geld verlieren und die anderen pleite gehen lässt, damit sich beide vor Wiederholung der Fehler hüten?

Recht haben Sie, dass die Krise nicht durch Schulden entstand. Sie entstand jedoch auch nicht durch ein böswilliges und grundloses Abschneiden von der Finanzierung. Stattdessen entstand sie durch eine Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit durch zu stark gestiegene Löhne und Preise in den betroffenen Ländern und die Versperrung des Wechselkursventils durch die Währungsunion. Das erklärt auch, warum die Zweifel an der Tilgungsfähigkeit der Euro-PIGS (das zweit I für Irland kann man weglassen, da die Iren über den Berg sind) größer sind als die an der der USA und Japans. Beide können Geld drucken und ihre Währung abwerten wie sie wollen. Die PIGS können das nicht, da sie währungstechnisch mit traditionellen Hartwährungsgebieten wie Deutschland zusammengesperrt sind, die sich durch eine Inflationsstrategie mindestens so sehr bedroht fühlen wie die PIGS durch die von ihnen verlangte interne Abwertung.

  • Antworten
Karl Schade28.06.2012 | 13:21 Uhr

Kein Wort dazu, dass Italiens

Kein Wort dazu, dass Italiens und Spaniens Zinsen rapide gesunken sind, nachdem diese Staaten beherzte Reformen angegangen sind. Dieser Elan ist aber nach wenigen Monaten schon wieder erschöpft. Seit man sich wie zu alten Zeiten darauf beschränkt, andere für die eigenen Versäumnisse bezahlen zu lassen, steigen die Risikoaufschläge wieder.

Recht so! Wer soll einem Schuldner denn etwas leihen, der sich auch noch öffentlich brüstet, den Kredit selbst nie zurückzahlen zu wollen, sondern dies seinem Nachbarn zu überlassen.

  • Antworten
GhostOfDorian27.06.2012 | 14:56 Uhr

Eric Bonse, der Don Quijote der Eurorettung

Ganz auf die Schnelle in einer Kaffeepause geschrieben:

Ich jubel und ich bin sehr beglückt über die ablehnende Haltung der Kanzlerin; und ich bin mir ziemlich sicher: eine gigantische Mehrheit der Deutschen ist gegen die Einrichtung – übrigens auf kaltem und undemokratischen Wege – folgender „Rettungsmaßnahmen“:

* Bankenunion
* Schuldentilgungspakt
* Eurobonds
* Transferunion (was die EU ohnehin schon ist)

Die vornehmste journalistische Aufgabe auch des Cicero wäre es jetzt - angesichts der Dramatik der Situation - einer auf Sparsamkeit und Reformen pochenden Kanzlerin den Rücken zu stärken.

Der Cicero und seine Journalisten sind die falschen Propheten; sie sind für die Lösung der europäischen Finanzkrise „furchtbare Unterwasserminen“, wie der Chefredakteur Michael Naumann in Zusammenhang mit der Eurokrise einmal schrieb. Sie geistern wie Don Quijote durch die journalistische Landschaft mit Artikeln voller brandgefährlicher Wahngebilde.

Durch die von Ihnen, Herr Bonse, penetrant wiedergekäuten Vorschläge werden die Strukturprobleme und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer nicht gelöst, sondern nur verschleppt, bis letztendlich das ganze System kollabiert.
Aber: auch Journalisten dürfen Meinungen haben, auch wenn sie noch so abwegig, illiusionär, ja destruktiv sind.

@ VerySeriousSam
Meine volle Zustimmung.

  • Antworten
Bakwahn27.06.2012 | 16:42 Uhr

Danke!

Danke für den sehr ausgewogenen Artikel Herr Bonse. Die Frage ist nur: Wird Karlsruhe den ESM genehmigen? Ich hoffe nicht! Nicht, dass ich etwas gegen mehr Europa hätte. Nur fürchte ich ein Weniger an Demokratie – und zwar ohne Umkehr. Wie sehen Sie das?

  • Antworten
Peter-Knobloch 28.06.2012 | 10:18 Uhr

"Renaissance von Recht und Ordnung"

In der aktuellen Printausgabe des „Cicero“ ist ein Beitrag erschienen, indem der von mir geschätzte Journalist Frank. A. Meyer, unter dem Titel „Renaissance von Recht und Ordnung“, einen Rat an die SPD reflektiert. Zitat: „Ja, es fehlt der radikale Respekt für die Rechte, die das Bürgertum über Jahrhunderte hinweg erstritten hat- auch in Deutschland, wenngleich erst 1949 und mithilfe der westlichen Sieger. Radikaler Respekt von Recht und Ordnung bedeutet Résistance für Recht und Ordnung bedeutet Renaissance von Recht und Ordnung.“ Zitatende. Herr Meyer, so ist es, wunderbar! Von daher habe ich als Bürger dieses Landes einen hohen Respekt und großes Vertrauen in unser Bundesverfassungsgericht, gerade auch in der jetzigen aktuellen Lage. Es kann keine politischen Konzepte, Entwürfe oder Visionen geben, die unsere Grundsätze wie etwa das Demokratieprinzip ändern wollen. Auch wenn in der aktuellen Finanzkrise von allen Seiten auf die Bundesrepublik Deutschland öffentlich Druck ausgeübt wird.

  • Antworten
bernhard jasper28.06.2012 | 17:12 Uhr

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