Am Mittwoch stellte Familienministerin Kristina Schröder die Studie „Zwangsverheiratung in Deutschland“ vor. Die Medien stürzten sich nur auf die Zahlen, obwohl die nicht repräsentativ sind. Das eigentliche Potential der Studie wird verkannt: Sie ermöglicht, das Phänomen Zwangsheirat besser zu verstehen
Das Thema „Zwangsverheiratung in Deutschland“ ist mal wieder in aller Munde. Familienministerin Kristina Schröder sei Dank. Der Name der von ihr vorgestellten Studie suggeriert ein umfassendes Bild. Entsprechend groß waren in den vergangenen Tagen die Schlagzeilen. Die Studie ist lesenswert, setzt sich mit den Ursachen dieser Verbrechen intensiv auseinander. Nur eines liefert sie eben nicht: repräsentative Daten und belastbare Zahlen. Darauf wird bereits im Untertitel der Studie („Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“) sehr deutlich hingewiesen.
Journalisten stört dies kaum, wortgewaltig überspielen sie die begrenzte Aussagekraft der Studie. Nirgendwo wird der relativierende Untertitel erwähnt. BILD etwa schrieb „2008 wurden in Deutschland 3.443 Fälle von Zwangsverheiratungen registriert“. Tatsächlich jedoch haben in diesem Jahr 3.443 Menschen eine Beratung zum Thema Zwangsheirat wahrgenommen (siehe Seite 22 ff.). Die Studie nennt die Zahl dementsprechend eine „Bruttogröße“. Sie geht davon aus, dass zwischen 14 und 43 Prozent der Beratenen sich an mehrere Beratungsstellen gewandt haben, weshalb sie mehrfach erfasst sein könnten. 60 Prozent der Hilfesuchenden wandten sich im Rahmen einer angedrohten Zwangsverheiratung an die Beratungsstellen, bei wie vielen von ihnen diese dann vollzogen wurde, nennt die Studie nicht.
Kurz nach der Studienvorstellung titele auch Focus-Online: „Zwangsverheiratungen in Deutschland: 44 Prozent mit türkischem Migrationshintergrund“. In dieser Meldung erwähnen die Autoren zwar die Herkunft der Daten, verschweigen aber, dass – und warum – sie dadurch nicht repräsentativ sind. In einem späteren, ausführlicheren Artikel verschwindet auch die Erwähnung der Datenherkunft. In Wirklichkeit stammen die Daten der Studie von Beratungsstellen und von Lehrern. Sie basieren nicht auf repräsentativen und hochrechenbaren Befragungen, sondern sind summierte Einzelfälle. Insbesondere die tatsächliche Zahl von Zwangsheiraten, die von den Medien sehnlichst herbeigewünscht wurde, lässt sich aus der Studie in keinster Weise ableiten.
Wie leicht islamophobe Populisten indes die Studie ausnutzen können, zeigt der Blog „politically incorrect“. Dort redet ein „Spürnasen-Autor“ von „mehr als 3000 muslimischen Mädchen und Frauen“, auf die jährlich Zwang ausgeübt werde, eine Ehe einzugehen. Die Tatsache, dass knapp 10 Prozent der Ratsuchenden jesidischen Glaubens und immerhin dreieinhalb Prozent Christen waren, unterschlägt die „Spürnase“. Auch Ministerin Schröder ist vor einseitigen Sichtweisen nicht gefeit. Bereits im vergangenen Jahr spekulierte sie über einen „Zusammenhang zwischen Islam, Machos und Gewalt“. Bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch richtete sie vor allem Appelle an diejenigen, „die im Islam zuhause sind“.
Dabei warnen selbst die Autoren vor einer solch einseitigen Sicht auf ihre Studie. Als Auslöser des Problems dürfe der Islam gegenüber Faktoren wie Traditionen, Männlichkeitsbildern oder Armut nicht überbetont werden. Auch wenn sich 83 Prozent der von der Studie registrierten Fälle in muslimischen Familien ereigneten, ist es überhaupt nicht hilfreich, bei der Religion der Betroffenen anzusetzen. Die meisten Muslime in Deutschland lehnen die Zwangsehe genau so vehement ab wie alle anderen Deutschen. Zwangsehen werden durch andere Ursachen begünstigt. Diese deckt die Studie auf und hier muss bei der Bekämpfung von Zwangsverheiratungen angesetzt werden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, auf welche Ursachen die Studie verweist.













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