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Berliner Republik

ShitstormsZeit für einen Führerschein im Netz

Von Marie Amrhein27. April 2012
picture alliance
Shitstorm, Anglizismus des Jahres, Führerschein fürs Netz
Anglizismus des Jahres: "Shitstorm"
Schrift:

Im Internet benehmen sich viele Menschen wie im eigenen Fiat Panda. Sie lassen alle Hemmungen fallen und pöbeln, was das Zeug hält – Zeit für eine Fahrerlaubnis im Internet

Seite 1 von 2

Wer im Straßenverkehr einmal den Menschen hinterm Steuer ins Gesicht schaut, der muss erschauern angesichts des Hasses, den er da erblickt. Rotgesichtige Männer, die junge Frauen anschnauzen, weil sie nicht schnell genug die Kreuzung überqueren, blondierte Hausfrauen, mit vor Verachtung zusammengezogenen Augenbrauen, die sich lautstark über den Vordermann auslassen. All ihre Schimpftiraden aber prallen ungehört ab an der Vorderfront aus Glas, sie schützen die Beschimpften vor den bösen Worten und gleichzeitig die Schimpfenden vor der Scham. Denn was sie in ihren Autos so von sich geben, das würden die meisten von ihnen niemals außerhalb ihres Fünftürers verantworten wollen.

So ähnlich ist es im Internet. Viele der Nutzer dort benehmen sich wie im eigenen Fiat Panda. Sie kennen keine Hemmungen. Wenn wir davon ausgehen, dass Papier geduldig ist, dann ist die Computertastatur dessen stressige Schwester. Was einmal getippt ist, findet all zu schnell den Weg ins Netz. Und was einmal online ist, lässt sich nicht mehr kontrollieren. Wütende Auslassungen, im vorgegaukelten Schutzraum der eigenen vier Wände gedacht, finden so den Weg in die Netzgemeinde, erreichen ein Publikum, das sie in Zeiten von Tinte und Papier niemals gefunden hätten. Auch Günter Grass wäre wohl ohne das Netz ein großer Teil an Aufmerksamkeit für sein mit letzter Tinte gepinseltes Israel-„Gedicht“ erspart geblieben.

Und aus diesen Einwürfen im Internet wird in schöner Regelmäßigkeit das, was heute nicht nur der Netzwelt als Shitstorm bekannt ist. Gerade im vergangenen Jahr sind viele digitale Gräben überbrückt worden. Auch wenn von den Piraten nicht viel bleiben sollte im Gefüge des deutschen Parteiensystems - eines haben sie mit ihrer plötzlichen Popularität doch erreicht: Wortschöpfungen wie der Shitstorm sind in den Gebrauch vieler Nicht-Netzaffiner übergegangen. Printmedien nutzen sie eben so wie Online-Magazine und Blogs. Gerade wurde der Shitstorm zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt, er hat gute Chancen auf das „Wort des Jahres“ 2012.

Sascha Lobo definierte ihn auf der Republica 2010 als den „Prozess, wenn in kurzem Zeitraum eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen getätigt wird, von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt wird.“

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Die meisten Autofahrer haben

Die meisten Autofahrer haben einen Führerschein, davon gehe ich jedenfalls aus. Warum sollte also ein "Internet-Führerschein" Besserung bringen? Das Problem ist doch, dass der Monitor eine hervorragende Windschutzscheibe abgibt. Die Leute fühlen sich sicher und unbeobachtet am PC, so dass sie keine Hemmungen mehr kennen. Genau wie im Auto. Der Führerschein würde daran nichts ändern.

Am ehesten könnte man dieses Problemes Herr werden, indem man die Bürger mündig macht. Zum Beispiel würde etwas Bildung helfen. Und etwas weniger Ohnmacht des Einzelnen gegenüber Arbeitgebern und Behörden. Statt dessen werden kurzsichtige Wünsche nach weiteren Zwangsmitteln wie Führerscheinen geäußert.

Es ist schon ganz richtig, dass sich gerade eine neue Partei aufmacht, um uns endlich aus dem Mittelalter herauszuführen.

  • Antworten
Plumpi29.04.2012 | 15:57 Uhr

Shitstorm

Bisher dürfte die Bild-Zeitung immer für den "Shitstorm" verantwortlich gewesen sein, der dazu führte, dass Politiker sich nicht trauten ihre Meinung zu sagen.
Wenn die Politiker nun nicht von einer Boulevard-Zeitung die Meinung gesagt bekommt, sondern vom Bürger über das Internet direkt, was sollte daran dann so schrecklich sein?
Und noch angefügt: Wenn es einen "Führerschein" fürs Internet geben soll, dann wäre ich doch auf für einen Führerschein für überparteiliche und kritische Journalismus. ;)

  • Antworten
SupperIllu29.04.2012 | 22:32 Uhr

Die ganz normalen Shits: .. von den kleinen Scheißern!

Wer will denn über die Millionen Shits äußern; sie auch nur bemerken, sie be-richtern wollen?
Welche Schweinereien gab es noch vor zwei/drei Jahren am Telefon, da waren Idioten mit Todesnachrichten am Werk, die - meist die verständnisvoll-mitfühlenden Frauen mit Horor bedrängten...

Die Piefkes sitzen heute vor der Tastatur... - wer sie ernst nimmt, hat ein kleines Problem...

  • Antworten
Antonius REyntjes30.04.2012 | 17:34 Uhr

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