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 > Warum wir Pippi Langstrumpf brauchen

Berliner Republik
Armut

Warum wir Pippi Langstrumpf brauchen

von 
Marie Amrhein
25. Dezember 2011
picture alliance
Pippi Langstrumpf, Armut in Deutschland, Armutsbericht, Mein Sozialstaat
Drei mal drei macht vier - Pippi Langstrumpf können auch schrecklichste Prognosen nichts anhaben

Deutschland ist verrückt nach Pippi Langstrumpf und das hat einen guten Grund: Mit ihrem Lebensmut und ihrer Kraft ist sie vielen ein Vorbild. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem es nicht unbedingt gerecht zugeht. Die Sonntagskolumne

Ob Julnissen, Santa Claus oder das Christkind. Unter vielen Weihnachtsbäumen lagen am gestrigen heiligen Abend sicherlich Pippi-Langstrumpf-Bücher, Pippi-Langsstrumpf-DVDs, Pippi-Langstrumpf-Strümpfe. Die Süddeutsche Zeitung zitierte vor kurzem eine Untersuchung nach der 99,6 Prozent aller Deutschen das kleine „wilde, unangepasste, unkonventionelle und bunte Mädchen“ mit ihrer „Kombination aus roten Haaren, Sommersprossen und bunter wild gewürfelter Kleidung“ kennen würden. Mit diesen Attributen charakterisierte gerade das Landgericht Köln das Astrid-Lindgren-Geschöpf und verurteilte einen Discounter zu 50.000 Euro Schadenersatz. Dort waren Pippi-Langstrumpf-Kostüme angeboten worden, ohne die nötige Lizenzgebühr an die Erbengemeinschaft Astrid Lindgren zu zahlen.

Und damit waren sie nicht die einzigen, die auf den Pippi-Zug aufspringen. Ob kroatische Pippi-Limonade, Taka-Tuka-Wein oder diverse Kindertagesstätten mit Namen Villa Kunterbunt – Pippi ist allgegenwärtig. Deutschland ist Pippi-verrückt. Die Sehnsucht nach der Pippi in uns vergeht auch im hohen Alter.

Und das hat einen guten Grund: Pippi ist – trotz prekärster Lebensverhältnisse – immer frohgemut, immer guter Laune. Sie gibt nicht auf. Viele Kolumnen habe ich in diesem Jahr verfasst. Häufig war das Thema die Armut in Deutschland. Verzweifeln könnte man ob der Schreckensmeldungen, der vielen Studien und Volksbefragungen, die alle eine Nachricht haben: Vielen Menschen in diesem Land geht es schlecht. Vielen Kindern fehlt es an hoffnungsfrohen Zukunftsperspektiven, vielen Eltern fehlt es an Kraft, vielen Alten an Unterstützung. Sie alle könnten ein bisschen etwas von Pippi Langstrumpfs Lebensmut gebrauchen, um mit den Ungerechtigkeiten in diesem Land fertig zu werden.

Pippi geht nicht zur Schule. Wenn sie sich langweilt, vertreibt sie sich ihre Zeit als Sachensucherin, wobei der wirtschaftliche Erlös ihrer Beschäftigung gegen Null geht. Geld spielt in ihrem Leben keine Rolle. Obwohl Pippi ein – aus heutiger Sicht – verwahrlostes Waisenkind ist, müssen wir uns um sie keine Sorgen machen. Als Polizisten kommen, um sie in ein Heim zu bringen, spielt sie mit ihnen Fangen, bis die Ordnungshüter von ihr ablassen. Behördengänge lehnt Pippi ab, Jugendeinrichtungen kommen nicht an sie heran, aber das ist nicht schlimm. Ihre Einschlaflieder singt sie sich selbst. Die Füße auf dem Kopfkissen. Spaghetti schneidet sie mit der Schere. Pippi findet immer eine Lösung.

Die Menschen in Duisburg oder Gelsenkirchen hätten dieser Tage wahrlich noch mehr langstrumpfschen Flair nötig als der Rest der Republik. Der paritätische Wohlfahrtsverband hat in seinem Armutsbericht von 2011 das Ruhrgebiet zur absoluten Problemzone erkoren. Trotz des starken Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren ist die Armut in ganz Deutschland nicht zurück gegangen, beklagt auch dieser Bericht als einer der letzten im Jahr 2011. Sämtliche Alarmglocken sollten schrillen ob der besorgniserregenden Zahlen aus dem größten Ballungsgebiet Deutschlands: Während es im bisherigen Sorgenteil der Republik, dem Osten, langsam aufwärts geht, herrscht in Städten wie Essen, Mühlheim an der Ruhr oder Gelsenkirchen Hoffnungslosigkeit und Tristesse: Die Zahlen der Hartz-IV-Empfänger verharren in Höchstwerten oder steigen sogar an. „Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen“, warnt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

Während der Weihnachtstage schaffen wir es zeitweise sehr erfolgreich, die Debatten über Hartz-IV-Regelsätze, Bildungschancen benachteiligter Kinder und drohende Altersarmut mit Lametta, Kerzenschein und Kirchengesängen zu übertünchen. Eine großzügige Spende an arme Kinder und der Gänsebraten schmeckt wieder deutlich besser. Was zynisch klingt, ist Realität – und nur menschlich. Und deswegen brauchen wir Pippi Langstrumpf. Weil sie Hoffnung gibt, wenn es ganz schlimm kommt. Weil ihre Geschichten den Menschen aus den Studien Kraft geben kann. Denn die Berichte über notleidende Menschen in Deutschland werden auch im Jahr 2012 wieder erscheinen.

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Hoffen auf den Goldkoffer

...da ist es wohl schon etwas länger her, dass Pippi unter dem Baum lang und auch gelesen wurde. Da hat die Autorin, aber den Goldkoffer von Pippis Papa vergessen. Damit lebte es sich voll guter Hoffung ganz unbeschwert in der schwedischen Provinz.

  • Antworten
martina e.25.12.2011 | 22:31 Uhr

Pippi Langstrumpf

Es ist die Anspruchslosigkeit die Pippi kennzeichnet, obwohl sie im Grunde reich ist. Wir werden lernen müssen, wie Pippi zu leben und sehen dann die Sinnlosigkeit der Statussymbole und Zerwaltung des Normalen. Es werden sich immer mehr Pippi-Seelen entwickeln, abseits und inmitten der sich zerfetzenden Welt. Ich selbst lebe in einer Villa "Bunterhund" und weiß wovon ich rede und schreibe. Das Leben von Pippi habe ich gelebt und echt erlebt, ohne sie zu imitieren, wohl aber als Lindgrens Saat und eines ihrer Kinder... Mein Rat, lebt aus dem Bauch und mit eurer Phantasie, habt keine Angst vor Seifenblasen... Ich bin übrigens 65 Jahre alt.

  • Antworten
Peter Pit Liebmann27.12.2011 | 07:33 Uhr

Selten eine so ernsthafte Botschaft an Pippi angehängt gesehen!

Selten eine so ernsthafte Botschaft an Pippi angehängt gesehen! Es ist das was mich besonders freut. Pippilotta hat sich bereits zum ernsthaften Gegenpol des globalen Mainstreams etabliert. Ein Stück Pippi DNA kann nicht in Gold aufgewogen werden, sondern in Lebensfreude - danke Cicero, Astrid Lindgren würde sich mit mir freuen...

  • Antworten
Peter Pit Liebmann27.12.2011 | 14:48 Uhr

Mal nachrechnen

Pippi war schwerreich. Sie hatte einen ganzen Koffer voll Gold. Wert nach aktuellem Kurs: ca 27 Mio. Euro. (Gewicht knapp etwas über 700 kg. Gut, dass Pippi bärenstark ist)
Ganz so prekär waren ihre Lebensverhältnisse also nicht. Dazu kommen noch ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ..." das klingt eher nach Top-Lebensverhältnissen. Unangepasst ja, aber nicht prekär.

  • Antworten
thomas walter29.12.2011 | 14:06 Uhr

Nicht was man hat ist entscheidend...

...sondern wie man damit umgeht und was man daraus macht. Den Wert einer Sache bestimmt man für sich selbst. Erst wenn man den Markt fragt macht man sich zum Sklaven.

  • Antworten
Peter Pit Liebmann31.12.2011 | 09:29 Uhr

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