Flucht aus Afrika - „Die Ursachen liegen in den Industrieländern“

Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern kommen aus wirtschaftlichen und klimatischen Gründen, für die wir verantwortlich sind, sagt der Grünen-Mitbegründer Lukas Beckmann. Der GLS-Treuhand-Vorstand spricht am Donnerstag auf unserer Veranstaltungsreihe „Nachhaltig und gut?“. Im Interview fordert er eine gesamtgesellschaftliche Umorientierung

Übervolles Boot mit Flüchtlingen aus Afrika
Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung

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Rotter, Timm

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Über Nachhaltigkeit in Gesellschaft und Unternehmertum diskutiert Lukas Beckmann am Donnerstag auf einer Podiumsdiskussion in Berlin von RWE und Cicero. Mit dabei im EUREF-Campus sind außer dem Grünen-Mitbegründer noch die Unternehmensgründerin Sophie Eisenmann, der Vorstandsvorsitzende der EUREF AG Reinhard Müller und der CEO der Solarkiosk AG Andreas Spieß. Anmeldung bitte per E-Mail an nachhaltig@cicero.de.

Herr Beckmann, fünf Diskussionsrunden gab es bereits bei unserer Reihe „Nachhaltig und gut?“. Eine Erkenntnis ist, dass Nachhaltigkeit ein vielschichtiges, aber auch ein oft überstrapaziertes oder gar überholtes Wort ist. Wie stehen Sie zu dem Begriff?
Lukas Beckmann: Nachhaltig ist, was langfristig trägt, was aufbaut und nicht nur abbaut oder zerstört und was es Menschen und Gesellschaften kulturell, wirtschaftlich, sozial und ökologisch ermöglicht, ein gutes Leben zu führen. Wer abbaut ohne aufzubauen oder aufbauen zu können, entzieht Mensch und Natur in nur wenigen Jahrhunderten die Grundlagen. So gesehen ist der Begriff nicht überholt – im Gegenteil.

Wieso „im Gegenteil?“
Nichts macht die Dringlichkeit einer nachhaltigen Wirtschaft so deutlich wie die Fluchtbewegungen, die wir aktuell erleben. Und damit meine ich nicht nur die politischen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Irak, sondern insbesondere auch die aus afrikanischen Ländern.

Wieso differenzieren Sie hier so klar zwischen beiden Gruppen?
Die Flucht aus dem Nahen Osten ist – in dieser Größenordnung zumindest – eine neue Entwicklung und hat in der aktuellen Zuspitzung neben wirtschaftlichen vor allem geostrategische Gründe. Die Flucht aus afrikanischen Ländern ist seit vielen Jahren unmittelbar wirtschaftlich getrieben. Bereits 2006 – vor zehn Jahren – sprach das spanische Innenministerium von mehr als 3.000 angeschwemmten Toten an den Küsten ihres Landes und ihrer Inseln westlich von Nordafrika. Dass es Menschen aus afrikanischen Ländern wirtschaftlich schlecht geht, hat vor allem auch strukturelle Ursachen in den Industrieländern. Weil wir nicht nachhaltig wirtschaften, sondern gewinnorientiert für uns auf Kosten anderer.

Hätten Sie ein Beispiel?
Wir reden viel über TTIP (das geplante Handelsabkommen zwischen EU und USA, d. Red.). Aber nur sehr wenige interessieren sich für die die EPAS, die europäischen und deutschen Handelsverträge mit Ländern Afrikas. Damit sichern wir unsere wirtschaftlichen Interessen und erschweren Entwicklung in den Ländern selbst.
Nachhaltig denken und handeln heißt, sich klar zu machen, dass die wirtschaftlichen und klimatischen Ursachen von Flucht, die wir heute erleben, lange zurückliegen. Wir können heute durch eine andere Wirtschafts- und Geldordnung umsteuern mit Auswirkungen, die man dann in 20 Jahren signifikant wird sehen können. Es muss eine Politik beginnen, die nachhaltig denkt und handelt und Menschen in ihrer Entwicklungsfähigkeit und -bereitschaft unterstützt, sie nicht entmündigt, sondern fördert. Wie sonst sollen Demokratie und Freiheit langfristig bei uns funktionieren?

Hat die Politik hier bisher zu wenig geleistet?
Man muss sich schon fragen: Was haben wir erreicht in der Entwicklungspolitik? Wieso werden in Afrika weiter Naturressourcen ausgebeutet, in der Regel, ohne dass die Menschen in den Ländern selbst davon profitieren? Wie kann es sein, dass europäische Interessen systematisch Strukturen zerstört, die die Menschen dort oftmals lange ohne Entwicklungshilfe ernährt haben?
Ein Beispiel: Mit EU-Geldern wird eine Molkerei im Süden eines afrikanischen Landes aufgebaut. Sie wirtschaftet erfolgreich, dann folgt im Norden die zweite Molkerei, verantwortet und bewirtschaftet von Einheimischen. Auf diese Entwicklung wurde dann durch eine aktive Preisgestaltung von Agrarinvestoren Einfluss genommen mit der Folge, dass diese Molkerei wirtschaftlich nicht überleben konnte. Dies ist keine Wirtschaftsförderung durch Entwicklungszusammenarbeit, sondern verhindert, dass sich Wertschöpfungsstrukturen entwickeln können, die nicht von Kapitalmärkten, IWF und Weltbank stranguliert werden.

Herr Beckmann, Sie waren 35 Jahren in der Politik. Wieso haben Sie selbst früher nicht mehr dagegen getan? Wieso haben die Grünen es nicht getan? Sie haben sieben Jahre mitregiert.
Das Verhältnis von Nord und Süd ist von Beginn an ein Anliegen der Grünen. Es gibt dazu sicher etliche hundert parlamentarische Initiativen und Anträge. Aber das reicht eben nicht. Auch als wir mitregiert haben, hat sich eine Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe nicht durchgesetzt. Der Grund liegt vor allem auch darin, dass es nur punktuell gelungen ist, sie als Prozess zwischen Zivilgesellschaften in Nord und Süd zu begreifen – die noch kleinen, aber immerhin existierenden Fair-Trade-Strukturen sind hier ein gutes Beispiel, wie es funktionieren sollte.
Die EU kennt im Kern nur staatliche oder staatlich legitimierte Gesprächs- und Verhandlungspartner. Die westlichen Staaten haben es nicht verstanden, Bündnisse mit den unterschiedlichen Beteiligten in den Ländern aufzubauen. Die wichtigsten Partner für Handelsverträge sind Brückenköpfe, korrupte Machthaber mit Milliarden Vermögen auf Konten in Luxemburg, der Schweiz und Lichtenstein.

Wie sehr sind Sie von der Politik desillusioniert?
Politik stößt an Grenzen, wenn sie nicht nachhaltig denkt und handelt. Dies kann auch bei uns mehreren Generationen Hoffnung und sicher geglaubte Gewissheiten kosten.

Sie sagten gerade, es brauche neue Bündnisse. Welche neuen Spieler meinen Sie denn?
Stopp: Eines braucht es auf keinen Fall: neue Spieler. Wir brauchen keine Spieler, sondern Menschen, die ihre Aufgaben ernst nehmen und überzeugt sind, dass man Menschen durch Haltungen überzeugen kann – mit Rücksicht auf Vielfalt und ohne Angst vor Schlagzeilen. Begriffe haben nun mal eine Bedeutung. Unser Leben ist kein Spiel von Interessen, sondern Sinngebung. Wer sich nicht am Sinn orientiert, hat keine Messlatte für Nachhaltigkeit und wird sich im Dickicht der Tagespolitik verlieren.

Wer sind denn die richtigen Akteure, die man dazu holen muss, um entsprechend nachhaltig arbeiten zu können?
Menschen und Gruppen, die anders wirtschaften wollen, die nicht nur Wahlbürger, sondern auch Wirtschaftsbürger sein wollen, die auf Gemeinwohl setzen statt auf Egoismus, die weg wollen von der Ideologie des homo oeconomicus, die den Menschen als homo civilis et oeconomicus sehen und als solchen in der Bildung und Ausbildung fördern wollen.
Und natürlich muss sich auch die Wirtschaft stärker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusstwerden. Sie kann viel lernen von Sozialunternehmern und -unternehmerinnen oder von Genossenschaften, die gerade in Energie-, Wohn- und Landwirtschaft eine Wiederbelebung erfahren. Aber Unternehmen sollen nicht nur von Sozialunternehmen lernen. Sie sollten sich selbst als Sozialunternehmen verstehen, damit sich die Grenze zwischen Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr auflöst.

Liberale sagen: Gewinnmaximierung ist das nachhaltigste, was es geben kann.
Wenn man den Nachhaltigkeitsbegriff auf sich persönlich, also als Person bezieht, kann Gewinnmaximierung starke Energien bei einem Menschen freisetzen. Aber nur, wenn man diese Isolierstation nicht verlässt. Niemand gewinnt heute mehr in einem Unternehmen, ohne dass andere verzichten. Jeder Profit ist von Konsumenten bezahlt. Dass man den Profit als das Nachhaltigste ansieht, ist eine egoistische Perspektive von Besitzern und Anteilseignern, die nicht auf die Lebensbedürfnisse anderer Menschen schauen, sondern nur auf ihre eigenen Dividenden und Boni.

Viele Unternehmer würden hier widersprechen, Herr Beckmann: Firmengewinne fördern Wohlstand, weil sie reinvestiert werden, um neues Wachstum zu schaffen und neue Arbeitsplätze.
Das ist richtig, sofern Firmengewinne einen Mehrwert schöpfen. Wertsteigerungen an der Börse drücken aber doch keinen realwirtschaftlichen Mehrwert aus, sondern nur, dass mehr Menschen mit höheren Beträgen auf höhere persönliche Gewinne spekulieren, aber doch nicht auf Werte. Und dies blendet ganz zentrale Fragen aus: Wie wir produzieren und wovon die Menschen leben, von deren Leistungen wir abhängig sind, zum Beispiel. Viele in Wirtschaft und Politik haben verlernt, sich die Frage zu stellen, unter welchen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen andere für uns arbeiten. Und dann wundern wir uns, dass sich Menschen zum Beispiel aus Afrika auf den Weg machen, trotz der Gefahr, im Mittelmeer zu ertrinken, um vielleicht doch noch nach Europa zu kommen, statt im eigenen Land zu verhungern.

Was muss passieren, dass sich das ändert?
Wir bewegen uns wirtschaftlich, sozial und ökologisch in eine falsche Richtung. Die Menschen halten das nicht durch. Die Umwelt hält das nicht durch. Die Ressourcen halten es nicht durch. Wir brauchen eine Umorientierung. Nicht nur von Einzelnen, denn die Zeiten, wo einzelne Menschen noch ausreichend viel bewegen konnten, sind vorbei. Die Lösung muss aus der Gesellschaft kommen, aus Kooperationen – grenzüberschreitend.

Timm Rotter hat Lukas Beckmann für den Blog der RWE Stiftung interviewt.

Fotos: picture alliance/Darrin Zammit Lupi (Aufmacher), Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung

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