Der Politikwissenschaftler Götz Aly kämpft als Dozent der Freien Universität Berlin gegen Plagiate; und auch publizistisch jagt er die „kleinen Guttenbergs“. Dabei wäre seine eigene Doktorarbeit zu hinterfragen
Die Plagiate des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg brachten den Publizisten und Hochschullehrer Götz Aly auf eine Idee. Unter dem Titel „Meine kleinen Guttenbergs“ startete er in seiner Kolumne für Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau eine Art Serie. Darin widmete sich Aly nicht nur schummelnden Doktoranden und nachlässigen Prüfern, er nahm sich auch seine eigenen Studenten an der Freien Universität Berlin vor.
Einer aufgeflogenen Studentin las Aly offenbar gründlich die Leviten: „Tränen flossen, meine Mitarbeiterin reichte Taschentücher“, schrieb er. Den eigenen Kompetenzbereich großzügig auslegend, verlangte der Privatdozent und freiberufliche Lehrbeauftragte zwecks Prüfung sämtliche politikwissenschaftliche Seminararbeiten der Frau. Aly stellte weitere Plagiate fest und forderte „binnen einer Woche zehn Seiten darüber“, warum „und seit wann (…) sie auf diese schiefe – vor allem sie selber schädigende – Bahn geraten sei“.
Der schulmeisterliche Ton irritiert mit Blick auf Alys eigene akademische Wurzeln. Denn der Doktor, der heute Standards setzen will, hat einst selbst eine fragwürdige Dissertation angefertigt.
Götz Aly, der an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft und Soziologie studiert hatte, promovierte 1978 am Otto-Suhr-Institut. Die Arbeit ist eine Art Erfahrungsbericht über seine drei Jahre als Leiter eines Jugendfreizeitheims, das in der Nähe eines sozial schwierigen Neubaugebiets in Berlin-Spandau gelegen war: „Staatliche Jugendpflege und Lebensbedürfnisse von Jugendlichen – eine kritische Analyse der Arbeit des Amtes für Jugendpflege (Jug VI) der Abt. Jugend und Sport des Bezirksamts Spandau von Berlin in den Jahren 1972-1977“.
Wie viele, Linken radikaleN Ideen Verpflichtete strebte Götz Aly nach seinem Examen 1972 in die Praxis, um der reinen Theorie zu entfliehen. „Wer eine Sache nicht untersucht hat, der hat kein Recht mitzureden“ – mit diesem damals ausgiebig bemühten Zitat Mao Zedongs begründeten die Frankfurter Spontis ihre Schichtarbeit „beim Opel“, K-Gruppen-Kader ihre konspirative Mitarbeit in Betriebsräten und andere ihre Arbeit mit proletarischen Jugendlichen. Der junge Maoist Götz Aly ging nach Spandau, um „näher an die Menschen heranzukommen und sie, mit welchen Mitteln auch immer, zu bewegen, doch endlich loszuschlagen“, wie er in der Einleitung seiner Dissertation schreibt. Das erklärte Ziel der Spandauer Mission reflektiert die damals typische linksradikale Unterwanderungsstrategie: „Wir hatten einen Auftrag, mussten viel herauskriegen, viel anleiern, alle Konfliktmöglichkeiten ausnutzen, uns völlig frei bewegen können, überall Zugang kriegen, viel verraten, weder Misstrauen erwecken noch uns dabei erwischen lassen, sprich, keinen Anlass liefern herauszufliegen.“
Die Doktorarbeit bietet durchaus neue Erkenntnisse. Staatliche Jugendarbeit, so lautet die Essenz, sei nicht per se „repressiv“, sondern verschlimmere durch Passivität und Desinteresse die Probleme. Damit lag die Arbeit quer zu damaligen linken Dogmen.
Merkwürdig indes ist die Autorschaft. Denn die Doktorarbeit teilte sich Aly offiziell mit seinem Kommilitonen Udo Knapp, der ebenfalls in Spandau arbeitete. Knapp, letzter Vorsitzender des Sozialistischen Studentenbunds SDS und viel später in Aufbau-Ost-Mission Vize-Landrat der SPD auf Rügen, war in der Behörde Referent für politische Bildung. Laut Inhaltsverzeichnis steuerten Aly und Knapp gleich lange Teile bei. Aly soll 151 Seiten geschrieben haben, Knapp 150 Seiten – da scheinen zwei Doktoranden ziemlich präzise auf eine gerechte Aufteilung hingearbeitet zu haben.











14 Kommentare