Demo gegen Judenhass - Wo waren die Muslime?

Kisslers Konter: Mehrere tausend Menschen haben sich in Berlin versammelt, um gegen Judenhass zu demonstrieren. Muslimische Verbände waren nicht darunter. Aber ohne das klare öffentliche Bekenntnis der Muslime wird es keinen Religionsfrieden geben

Teilnehmer der Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" des Zentralrats der Juden in Deutschland
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Am vergangenen Sonntag stand das Brandenburger Tor in einem weiß-blauen Fahnenmeer. Unter den Farben Israels hatten sich mehrere tausend Menschen in der Hauptstadt versammelt. Das Motto lautete „Steh auf! Nie wieder Judenhass“. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte die Kundgebung organisiert. Vorab war mit mehr Teilnehmern gerechnet worden. Die Bundeskanzlerin redete und der Zentralratsvorsitzende, zwei Bischöfe taten es auch. Der Bundespräsident und sein unmittelbarer Amtsvorgänger wohnten bei. Wo aber waren die Muslime?

Den Anlass dieser leider wieder nötig gewordenen Manifestation der Menschlichkeit wurde von Dieter Graumann klar benannt: „Weit überwiegend muslimische Menschen“ haben in den vergangenen Monaten „die schlimmsten antisemitischen Parolen auf deutschen Straßen seit vielen Jahrzehnten“ gebrüllt. Durch ganz Europa zieht sich eine Welle muslimischen Judenhasses. Die Liste der Überfälle, die Graumanns Zentralrat dokumentiert, ist lang und unvollständig.

Antisemitischer Bodensatz
 

Die anderen Redner taten sich schwerer, Ross und Reiter zu benennen. Natürlich, es gibt widerliche Allianzen von einheimischen Neo-Nationalsozialisten und zugewanderten Judenhassern. Ein antisemitischer Bodensatz bliebe auch ganz ohne muslimische Blutauffrischung vital. Insofern stimmt es, wenn der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, an die Geschichte des kirchlichen Antijudaismus erinnert, wenn der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, „dieselben moralischen Grundüberzeugungen“ von Juden und Christen bekräftigt, und wenn die Kanzlerin die „immerwährende Verantwortung“ Deutschlands „nach dem Zivilisationsbruch der Shoa“ erneuert. Wo aber waren die Muslime?

Die Kundgebung am Brandenburger Tor wurde offiziell von allen im Bundestag vertretenen Parteien unterstützt, auch vom Deutschen Fußballbund, dem Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Keine muslimische Organisation findet sich auf der Liste. Der Zentralrat der Juden hatte seinerseits auch keine Redebeiträge von Muslimen angefragt. Das mag ein Zeichen sein, wie schwer die Sprachlosigkeit zwischen den Religionen zu überwinden ist, in beide Richtungen. Weshalb aber waren, wie eine Berliner Zeitung schreibt, „weit und breit“ – von einzelnen Vertretern abgesehen – keine muslimischen Organisationen zu sehen? „Kein arabischer oder türkischer Verein schwenkte seine Fahne.“

Aus welchen Gründen auch immer wessen Empfindlichkeiten auch immer berührt worden sein mögen: Es bleibt beschämend. Christen solidarisieren sich mit Juden, wenn diese von Muslimen attackiert werden. Auch das ist in Deutschland nicht selbstverständlich und stimmt hoffnungsfroh. Aber ohne das klare öffentliche Bekenntnis der Muslime wird es keinen Religionsfrieden geben. Warum fällt das so schwer? Es sollte ein Leichtes sein, folgt man den Worten Aiman Mazyeks, des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime: „Der Islam ist, wie alle anderen abrahamitischen Religionen, im innersten Kern antirassistisch. Wer Muslim ist, kann kein Antisemit sein.“ Warum dann kein islamisches Shalom am Brandenburger Tor?

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) hat am Dienstag zu einer Aktion gegen Hass und Rassismus aufgerufen. Die bundesweite Aktion soll am 19. September stattfinden. Nach Angaben des KRM werden sich rund 2000 Moscheen beteiligen.

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