Deutsche Finanzhilfen für Türkei - Besser an Deutschland denken

Andrea Nahles' Vorschlag, die Türkei finanziell zu unterstützen, ist wirtschaftlich sinnlos und politisch fragwürdig. Stattdessen müsste die Regierung Deutschland stärken: Denn die Krise der Türkei ist ein Vorbote für größere Probleme, die auch wir bald haben könnten

Offene Arme für deutsch-türkische Wähler: Andrea Nahles / picture alliance

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Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein neues Buch „Das Märchen vom reichen Land – Wie die Politik uns ruiniert“ erscheint im September.

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Andrea Nahles (SPD) hatte deutsche Finanzhilfen für die Türkei ins Spiel gebracht und rudert nach heftiger Kritik inzwischen bereits zurück. Wundern kann das nur den nicht-politischen Beobachter. Politiker hingegen wissen, dass die türkischstämmigen Bürger eine immer wichtigere Rolle bei den Wahlen spielen. Nimmt man noch die breite Unterstützung für die AKP in Deutschland bei den jüngsten Türkei-Wahlen hinzu – was nicht unbedingt dieselben Wahlberechtigten sein müssen – so liegt es nahe, sich bei dieser Wählerschicht beliebt zu machen.

Leider ist das aber ein erneutes Beispiel dafür, wie unsere Politiker in der Fehleinschätzung, ein „reiches Land“ zu regieren, unsere knappen Mittel für ein Projekt ausgeben wollen, welches wirtschaftlich sinnlos und im konkreten Fall auch politisch höchst problematisch ist.

Boom auf Pump

Schauen wir uns genauer an, was in der Türkei passiert ist, so stellen wir den typischen Verlauf einer Krise in den Schwellenländern fest. Zunächst kam es unter Präsident Erdogan zu einer Stabilisierung der Wirtschaft und zu einem zunehmenden Vertrauen der Akteure im In- und Ausland. Die Wirtschaft entwickelte sich positiv und Inflation und Zinsen gingen zurück. Umstände also, die für eine weitere gute Entwicklung des Landes sprachen. Idealer Nährboden aber auch für eine Entwicklung, die den Keim für die erneute Krise in sich trug. Diese lief so ab:

•    Künstlicher Boom
Die hohen Wachstumsraten der Wirtschaft, die rückläufige Inflation und das sinkende Zinsniveau befeuerten eine gute Stimmung von Unternehmen und Investoren. Immer mehr Projekte wurden gestartet, gerade auch von staatlicher Seite, um das Land zu modernisieren. Viele dieser Projekte dienten zudem dazu, das Prestige des Landes zu heben. Dazu gehörten Infrastrukturinvestitionen wie der Bau von Großflughäfen, Brücken und Tunnels.  Auch die Förderung bestimmter Branchen war Teil des Programms.

•    Auf Schulden gebaut
Dieser Boom war aber zunehmend mit Krediten finanziert. So stieg die Verschuldung von Unternehmen und privaten Hauhalten in der Türkei deutlich von rund 130 Prozent des BIP 2013 auf über 180 Prozent heute. Schon immer ist ein deutlicher Anstieg der Verschuldung ein Indikator für künftige Krisen gewesen. So auch in diesem Fall. Das liegt daran, dass hohes Kreditwachstum immer mit einer unproduktiven Verwendung der Mittel einhergeht. Konsum und Spekulation dominieren.

•    Großes Handelsdefizit
Ein solcher Boom überstieg bei weitem die inländischen Kapazitäten. In der Folge begann das Land mehr zu importieren als zu exportieren. Im konkreten Fall der Türkei liegt das Defizit bei rund sechs Prozent des BIP. Die Türkei importiert also erheblich mehr als sie exportiert. Ein solches Defizit geht immer auch mit einem Finanzierungsdefizit einher. Die Türkei muss also Auslandsinvestitionen anlocken und Schulden im Ausland machen, um dieses Defizit zu finanzieren.

•    In Dollar finanziert
Die Auslandsschulden der Türkei sind in den vergangenen Jahren in Folge der anhaltenden Defizite förmlich explodiert. Da die türkische Lira schon vor dem Einbruch der vergangenen Wochen eine wenig attraktive Währung war, sind diese Kredite aus dem Ausland vor allem in US-Dollar gegeben worden. Die Verschuldung in Fremdwährung liegt in der Türkei bei fast 70 Prozent des BIP. Der Großteil entfällt auf Unternehmen und Banken.

•    Mit kurzlaufenden Krediten
Angesichts des tiefen Zinsniveaus in der Welt – eine Folge von Finanz- und Eurokrise – war es für die türkischen Schuldner sehr verlockend, sich überwiegend kurzfristig zu finanzieren. Hinzu kommt das immer noch bestehende Defizit von rund sechs Prozent in der Handelsbilanz, welches ebenfalls finanziert werden will. Das Land ist also darauf angewiesen, dass die ausländischen Kreditgeber bereit sind, die bestehende Kredite zu verlängern und zusätzliche zu gewähren.

•    Konsum und Prestigeprojekte
Sobald Zweifel entstehen, dass die Mittel in Projekte mit fragwürdiger Rendite geflossen sind und damit die Fähigkeit der Schuldner beeinträchtigt ist, auch in Zukunft ihren Verpflichtungen nachzukommen, sinkt naturgemäß die Bereitschaft der Geldgeber, die Kredite zu verlängern. Treten dann die ersten Zahlungsschwierigkeiten ein, sehen das die Kreditgeber als Bestätigung ihrer Zweifel und ziehen sich noch mehr zurück. Die Panik beginnt, wie auch jetzt im Fall der Türkei.

•    Steigende US-Zinsen
Verstärkt wird diese Entwicklung durch die steigenden Zinsen in den USA. Die US-Notenbank Fed hat in den letzten Monaten damit begonnen, die geldpolitischen Zügel anzuziehen. Zum einen wurden die Leitzinsen erhöht, zum anderen reduzierte sie den Bestand an Wertpapieren, den sie im Zuge der Finanzkrise aufgebaut hatte. Da die US-Regierung unter Donald Trump gleichzeitig das Staatsdefizit deutlich ausbaut, verstärkt sich der Trend zur Zinserhöhung. Dies trifft vor allem jene Schuldner, die über keine so gute Bonität verfügen. Bei ihnen steigen die Zinsen überproportional. So gesehen, war die Krise der Türkei nur eine Frage der Zeit.

•    Steigender US-Dollar
Damit nicht genug. Steigen die Zinsen, gewinnt normalerweise auch die Währung des Landes an Wert. Das war auch beim US-Dollar so, allerdings gebremst durch die Zweifel an der Politik der Regierung Trump. Doch schon dieser Anstieg kann für Schuldner, die keine US-Dollar verdienen, sondern andere Währungen – in diesem Fall türkische Lira – ein Problem sein. Nicht nur wird die Finanzierung immer teurer. Auch die Schulden wachsen in eigener Währung immer schneller an, je mehr die Währung an Wert gewinnt, in der man sich verschuldet hat.

•    Tödliche Spirale
Damit haben wir das perfekte Szenario für eine Krise. Steigende Zinsen und steigender US-Dollar führen zu explodierenden Finanzierungskosten, während die Fähigkeit der Schuldner Geld zu verdienen, geringer ist als ursprünglich angenommen und durch eine sich anbahnende Rezession zusätzlich unterminiert wird. Eine Flucht der ausländischen Kreditgeber aus dem Land setzt ein, was den Absturz der Heimatwährung und den Zinsanstieg verstärkt. Damit wachsen die Zweifel erneut und es läuft auf eine Währungskrise hinaus. Am Ende stehen Pleiten, eine tiefe Rezession und vor allem die Erkenntnis, dass der vorangegangene Boom ein Scheinboom war – angefacht von (zu) billigem Geld.

Man kann es nicht deutlich genug sagen: Die Türkei lebt seit Jahren über die eigenen Verhältnisse und hat mit ausländischen Krediten einen Scheinboom kreiert. Nur eine Rosskur deutlich höherer Zinsen, eine Bereinigung der Fehlinvestitionen durch Pleiten und eine Beschränkung der Verschuldung kann hier eine Stabilisierung herbeiführen. Doch genau das will die türkische Politik – aus nachvollziehbaren Gründen – nicht. Wer sich aber nicht selber helfen will, dem sollte man schon gar keine Hilfe aus Deutschland gewähren. So kann eine „Rettung“ ohnehin nicht funktionieren.

Krise der Schwellenländer

Die Türkei steht nur symptomatisch für ein generelles Problem in den Schwellenländern. Als Nebenwirkung der Politik des billigen Geldes in den Industrieländern ist die Verschuldung förmlich explodiert in den Schwellenländern. Seit 2007 haben sich die Schulden mehr als verdoppelt. Auch hier spielt die Verschuldung in US-Dollar eine immer größere Rolle – stehen doch alleine die Unternehmen der Schwellenländer für rund ein Drittel der weltweit fast elf Billionen US-Dollar Kredite an Schuldner außerhalb der USA.

Spitzenreiter der Verschuldung in Fremdwährung ist die Türkei mit fast 70 Prozent des BIP. Weitere Länder mit hoher Auslandsverschuldung und zugleich anhaltend hohen Handelsdefiziten sind unter anderem Südafrika, Argentinien, Kolumbien und Indonesien. Aber auch Länder, die nur hohe Auslandsschulden haben und zurzeit kein nennenswertes Defizit im Außenhandel aufweisen, sind mit steigenden Zinsen gefährdet. Das sind Brasilien, Indien, Russland – aber auch unser Nachbarland Polen.  

So gesehen ist die Krise der Türkei der sprichwörtliche Kanarienvogel in der Kohlemine: der Indikator für kommende Probleme auch in anderen Ländern. Setzen sich Zinsanstieg und Dollaraufwertung fort, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch in den anderen Ländern kracht. Die US-Notenbank scheint darauf bei ihrer Politik keine Rücksicht zu nehmen. „America first“ gilt auch hier. Allerdings nicht erst seit heute. Auch frühere Krisen in den Schwellenländern, sei es Südamerika in den 1980er Jahren oder die Asienkrise Ende der 1990er Jahre hatten ihren Ursprung in steigenden US-Zinsen.

Was nach dem deutschen Scheinboom kommt

Ein bekanntes Muster also. Die Türkei ist nur dahingehend anders, dass wir es mit einer Politik zu tun haben, welche die Besorgnis der ausländischen Investoren durch aggressive Außenpolitik zusätzlich anheizt und gar nicht erst geneigt ist, vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen. Allein schon unsere Selbstachtung verbietet es, hier helfend zu intervenieren. Abgesehen davon, dass es ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen ist.

Statt also deutsche Steuergelder im Ausland zu versenken, sollte Andrea Nahles und mit ihr die gesamte Bundesregierung sich darum kümmern, unser Haus wetterfest zu machen. Es zeichnet sich ab, dass auch unser Scheinboom bald ein Ende findet. Denn er ist getragen von billigen Zinsen und der zunehmenden Verschuldung unserer Kunden in aller Welt. Dann wird schmerzhaft deutlich werden, dass auch wir nicht so reich sind, wie wir denken – und vor allem, dass wir nicht ausreichend vorgesorgt haben.