Generation Y - Sternzeichen Schneeflocke

Generation Y, so nennt man die heute 18-33-Jährigen. Gute Worte hat man selten für sie übrig: kein Selbstwert, keine Ideen und keine Entscheidungsstärke, lauten die Vorwürfe. Wie unfair und unsinnig. Denn wir Millennials haben längst gelernt aus Fehlern älterer Generationen

Millennial liegt in der Sonne: Ob sie heute noch Entscheidungen trifft? / picture alliance

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Tobias Maydl studiert Philosophie und Sprechwissenschaft und schreibt für Cicero Online.

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Wir Millennials haben viele Gesichter und Namen. „Generation Y“ ist der wohl bekannteste für die Kohorte der zwischen 1985 und 2000 Geborenen. Man kennt sie auch als „Digital Natives“, wenn sie von Dax-Unternehmen oder der Bundesregierung eingeladen werden, um aus dem digitalen Nähkästchen zu plaudern. Dann ist da aber noch der Titel „Generation Snowflake“ für sie reserviert – Schneeflocken, die bei der leisesten Kritik schmelzen und mit dem Erwachsenwerden heillos überfordert sind. Spricht man Generation Y auf Englisch aus („Generation Why“), erhält man sogleich deren Signatur: Die Ypsiloner fragen angeblich ständig nach dem „Why“, dem Warum. Aber nicht aus idealistisch-kritischer Motivation heraus, sondern aus Vorsicht: Lieber zweimal überlegen.

Gründe gibt es dafür schon. Die Ypsiloner sind aufgewachsen in Zeiten globaler Krisen. Der Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001, ständige Umweltkatastrophen (Höhepunkt: Fukushima 2011) und die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007. Die Krise ist ihre Lehrmeisterin: Nichts ist mehr sicher, but life goes on. Schließlich will man nicht zu den Verlierern gehören, der sogenannten „Generation Chips“. Das seien die Ypsiloner, die adipös sind, zu viele Medien konsumieren oder von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossen sind. Die jungen „Abgehängten“ sozusagen. Trotz guter Gründe für ihre Vorsicht befinden sich die Millennials regelmäßig in der Schusslinie vernichtender Kritik. Was wirft man ihnen genau vor?

Ein Blick in den Mängelkatalog

Weil wir trotz aller Krisen relativ behütet aufgewachsen seien, uns also jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde und unsere Eltern lausig waren in der Erziehung, kommt der amerikanische Buchautor und Unternehmensberater Simon Sinek zu einer vernichtenden Diagnose: Ypsiloner haben ein geringes Selbstwertgefühl, können mit Stress nur schlecht umgehen, versagen in sozialen Beziehungen, sind ungeduldig, wollen ihre Bedürfnisse immer sofort befriedigen, finden dadurch aber kein Glück im Leben und haben keinerlei Ideen für die Zukunft, da ihr Blick ständig am Smartphone hängt.

Einen drauf setzte erst kürzlich Milosz Matuschek in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung. Dort vergleicht er die Millennials mit abgerichteten Elefanten, die zwar locker ausbrechen könnten aus ihrer Komfortzone, es aber aus Gewohnheit und vor allem aus Angst vor Entscheidungen nicht täten. Das haben dann auch alle Mängelkataloge gemein: Es grassiert die Angst unter den jungen Erwachsenen, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Nach dem Motto: Aus Angst, am Leben zu zerbrechen, lässt man sich lieber freiwillig verdinglichen. Die Millennials seien dann selbst schuld, wenn sie, wie Matuschek schreibt, „über eine Standardeinstellung modelliert und mit Substituten“ abgespeist würden: „Bullshit-Jobs statt Berufung, wohlklingende Diplome statt Bildung, Tinder-Hopping statt Liebe, App-Kasino im Kopf statt Glücksempfinden.“

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Welche Entscheidungen?

Gleichwohl ist es wenig hilfreich, zu sagen, die Millennials müssten lediglich die richtigen Entscheidungen treffen, um dieser sozialen „Standardeinstellung“ zu entkommen. Bei einer Schul- und Hochschulpolitik, die echte Bildung immer mehr zum Verschwinden bringt, sind es immer weniger die eigenen Entscheidungen, die über einen guten Beruf entscheiden, sondern immer mehr Vermögen und Herkunft der Eltern. Bei der Liebe geht es eigentlich um glückliche Zufälle. Und das App-Kasino? Natürlich kann man zum Hammer greifen und auf sein Smartphone einschlagen. Ob man damit klug handelt? Zweifel.

Entscheidungsschwäche wäre ohnehin keine Krankheit der jungen Generation allein. Sobald der Millennial in die Arbeitswelt eintritt, bekommt er vermittelt: Der aufrechte Gang ist nicht karrierefördernd. Seit 13 Jahren regiert in Deutschland eine Kanzlerin, deren Regierungsstil glatt von einer Y-Dreißigjährigen stammen könnte: „Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden.“ Klare Kante und Entscheidungen, das vermeidet sie und mit ihr zahlreiche weitere Politiker.

Die Millennials werden’s richten

Wenn man über die Generation Y klagt, sollte man fairerweise auch erwähnen, dass die Regierung derzeit wenig in deren Zukunft investiert. Digitalisierung, Bildung und Umweltschutz – alles Themen, die der jungen Kohorte am Herzen liegen. Stattdessen herrscht Investitionsstau in Milliardenhöhe. Und eine hohe Anspruchshaltung gegenüber den Millennials. Sie sollen die Rentner- und vor allem Pensionärsarmee der kommenden Jahre finanzieren und einen Generationenvertrag mittragen, für den, würde er heute neu geschlossen, nicht einmal ein Donald Trump notwendig wäre, um festzustellen: bad deal.

Selbstverständlich will keiner seine Eltern auf Pfandflaschensuche schicken. Aber die Ypsiloner dürfen sich darauf freuen, dass Deutschland wohl über kurz oder lang Belgien den ersten Platz streitig machen wird im europäischen Länderranking mit der höchsten Steuer- und Abgabenlast. Damit nicht genug: Die Generation Schneeflocke soll, wenn es nach Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) geht, der Gesellschaft etwas zurückgeben, den sozialen Zusammenhalt stärken und sich deswegen auch noch ein Jahr zum Dienst melden. Da darf sie sich dann zu Dumpinglöhnen durch den Schlamm wälzen oder im Krankenhaus die Betten schieben.

Ein Blick in die Sterne

Aber all das macht uns Millennials nicht zu Pessimisten, sondern offenbar zu unideologischen Pragmatikern. Und die Angst vor Entscheidungen? Problematisch finde ich eher eine mangelnde Achtung vor seinen eingegangenen Pflichten. Dass man Verabredungen kurz vorher absagt aus einer Laune heraus, dass man Sachen verspricht, die man eh nicht hält und man dabei Dinge und Menschen verwirft, ohne jeden Respekt vor dem anderen und sich selbst. Sich selbst Gesetze und Werte geben – das scheint mir ein relevanteres Entwicklungsfeld der Millennials zu sein.

Aber eben auch nur mir. Und das zeigt die ganze Problematik mit den sogenannten „Generationengestalten“. Sie sind empirisch schwer fassbar, schnell schert man alle über einen Kamm, oft existieren mehrere Generationengestalten nebeneinander, und nicht einmal die Altersgrenzen sind einheitlich geregelt. Es ist daher nicht nur unfair, sondern auch schlichtweg unsinnig, Generationen zu diskreditieren oder zu glorifizieren. Denn um den Wahrheitswert dieser Großkonzepte ist es im Grunde nicht besser bestellt, als um den eines gut gemachten Horoskops: Mit genügend Aufmerksamkeit findet man durchaus Anhaltspunkte, aber gleichzeitig können die Dinge ganz anders kommen.

Generation Y: Angst- und Sehnsuchtsort

Generationskonzepte wie die Generation Y finden aber genau vor diesem Hintergrund ihre Berechtigung: Sie machen eine ungewisse Zukunft ein wenig vertrauter, indem sie versuchen, die nachrückenden Generationen zu charakterisieren. Und genau wie Horoskope spiegeln die Generationsgestalten Sorgen und Ängste vorangegangener Generationen wider – und deren Sehnsüchte und Wünsche.

Fragt man Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, danach, was sie in ihrem Leben am meisten bedauern, dann sind es immer wieder folgende Themen: aufgegebene Freundschaften, zu viel Arbeit und mangelnder Mut, die eigenen Gefühle auszudrücken. Ein Glück, dass es genau diese Werte sind, die den Ypsilonern am meisten bedeuten. Darauf ein Yolo!