Mauerbau in Berlin vor 60 Jahren - Ein Ring um West-Berlin

Weite Bevölkerungskreise im SED-Staat reagierten auf den Mauerbau am 13. August 1961 mit Wut, Verbitterung oder Verzweiflung. Der ihr durch geheime Informationsberichte gemeldeten Unruhe begegnete die Parteiführung rasch. Sicherheitskräfte und Justiz sollten hart durchgreifen, es wurde zum „sozialistischen Faustrecht“ aufgerufen. Ein Rückblick.

Volkspolizisten am 13. August 1961 beim Errichten von Stacheldrahtsperren am Potsdamer Platz / dpa
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Autoreninfo

Klaus Schroeder (Foto dpa) ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat. Seine Forschungsschwerpunkte sind das geteilte und wiedervereinigte Deutschland, der rechte und linke Extremismus sowie der Sozialstaat. Vor Kurzem erschien sein Buch „Kampf der Systeme“ (Olzog edition, Reinbek).

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Entsprechend der marxistisch-leninistischen Ideologie war die kommunistische Partei SED davon überzeugt, dass die „kapitalistische Bundesrepublik“ nach dem Muster der Weimarer Republik in wirtschaftliche und soziale Krisen geraten und der kleinere deutsche Teilstaat an Anziehungskraft gewinnen würde. Diese Erwartung gipfelte 1958 auf dem V. Parteitag der Staatspartei in dem Anspruch, den materiellen Lebensstandard der Bundesrepublik in wenigen Jahren zu überbieten. Gleichzeitig startete die SED eine erneute deutschlandpolitische Initiative. Ganz im Sinne ihrer auf „Konföderation“ fortbestehender Teilstaaten zielenden Strategie forderte sie eindringlich die „Normalisierung“ des Verhältnisses von West-Berlin zur DDR und die Einstellung der angeblich in West-Berlin stattfindenden „Wühltätigkeit gegen die DDR“.

In einer auf Anregung Moskaus verfassten Note an die Siegermächte vom September 1958 wiederholte die Regierung ihren Vorschlag, Beratungen über einen „Friedensvertrag“ mit Deutschland aufzunehmen; parallel dazu schlug sie der Bundesrepublik vor, eine entsprechende Kommission beider deutscher Staaten zu bilden. Allerdings – so die Bedingung der SED – müsse eine mögliche Verbindung von Bundesrepublik und DDR die Übertragung der Staats- und Gesellschaftsordnung des einen Staates auf den anderen ausschließen. Die SED-Herrschaft sollte sakrosankt bleiben.

Frei oder vogelfrei?

Kurze Zeit später forderte Nikita Chruschtschow ultimativ den Abzug der alliierten Truppen aus Berlin, den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland und die Umwandlung West-Berlins in eine „freie und entmilitarisierte Stadt“. Sollten die Westmächte hierauf nicht eingehen, drohte er mit einem separaten Friedensvertrag mit der DDR.

Während der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt die von sowjetischer Seite angebotene „freie Stadt“ eine „vogelfreie Stadt“ nannte, schwankte die US-Außenpolitik zwischen Härte und Konzessionsbereitschaft, und auch die Briten zeigten sich sehr kompromissbereit. Beide Staaten wollten wegen Berlin keinen Krieg riskieren, sondern hatten durchaus Interesse an einem weiterhin geteilten und damit geschwächten Deutschland. Der im November 1960 neu gewählte US-Präsident John F. Kennedy präzisierte die amerikanische Position zu Berlin im Kontext eines globalen Status quo im Kalten Krieg. Im Mai 1961 übernahm die Nato seine drei Essentials, die nur noch die Freiheit des Westteils von Berlin garantierten. Neben der deutschen wurde jetzt auch die Berliner Teilung als gegeben hingenommen. Unnachgiebig sollte nur der politische, militärische und juristische Status quo in West-Berlin verteidigt werden. Kennedy signalisierte Chruschtschow im Sommer 1961 mehrfach, dass die USA sowjetische Entscheidungen in deren Interessenssphären respektieren würde.

1960/61 stiegen die Flüchtlingszahlen

Die SED-Führung drängte auf eine Lösung des Berlin-Problems in ihrem Sinne, nicht zuletzt aufgrund der sich 1960 verschärfenden innenpolitischen Krise. Tempo und Ausmaß der mit allen Mitteln erzwungenen Kollektivierung auf dem Land und partiell im Handwerk hatten zu einem Wiederanschwellen der Fluchtbewegung sowie zu Versorgungsengpässen und allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten geführt. In zwei alarmierenden Briefen an den sowjetischen Parteichef 1961 verwies der erste Mann der SED, Walter Ulbricht, insbesondere auf den in Berlin ausgetragenen „Wettbewerb zwischen den beiden Systemen“. Er behauptete, die offenen Grenzen zwängen die DDR, den Lebensstandard schneller zu erhöhen, als es volkswirtschaftlich geboten sei. Freilich verschwieg er, dass die DDR-Wirtschaft noch immer unter den hohen Kosten für die Machtsicherung sowie für die Apparate von Parteien und Massenorganisationen und die Subventionierung der Lebenshaltung litt. Der Anteil dieser „unproduktiven Ausgaben“ lag 1959/60 zwischen 25 und 30 Prozent der Staatsausgaben. Die Wohlstandsdifferenz gegenüber der Bundesrepublik erhöhte sich weiter.

1960/61 stiegen die Flüchtlingszahlen durch die letzte verbliebene offene Grenze in Berlin wieder stark an. Von Januar 1961 bis zum Beginn des Mauerbaus flohen knapp 160.000 Personen aus der DDR – allein im Juli 1961 kamen knapp 31.000 Flüchtlinge nach West-Berlin –, im Jahr zuvor waren es insgesamt etwa 200.000. Angesichts dessen war das Überleben des SED-Staates ernsthaft gefährdet.

Was hatte Ulbricht bezweckt?

Für die Sowjetunion nahm die vollständige Sperrung der Berliner Sektorengrenze als ebenso wirksame wie militärisch vergleichsweise ungefährliche Aktion Konturen an, um ein „Ausbluten“ der DDR und eine Niederlage im Kampf der Systeme zu verhindern. Der Sowjetunion ging es dabei ums Ganze, da die DDR als westlicher Vorposten des sozialistischen Lagers eine besondere Bedeutung hatte, wie der stellvertretende sowjetische Ministerpräsident Anastas Mikojan im Juni 1961 äußerte: „Die DDR, Deutschland, ist das Land, in dem sich entscheiden muss, dass der Marxismus-Leninismus richtig ist, dass der Kommunismus auch für die Industriestaaten die höhere, bessere Gesellschaftsordnung ist (…) Wenn der Sozialismus in der DDR nicht siegt, wenn der Kommunismus sich nicht hier als überlegen und lebensfähig erweist, dann haben wir nicht gesiegt.“ Zu diesem Zeitpunkt ging es realiter jedoch nicht um den Sieg des Sozialismus, sondern um sein Überleben. 

Am 15. Juni 1961 antwortete Walter Ulbricht auf die Frage einer Journalistin zu möglichen Maßnahmen in Berlin: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Diese Äußerung, vor dem 13. August in der westdeutschen Presse kaum zur Kenntnis genommen, wurde erst nach dem Beginn der Schließung der Sektorengrenzen und dem Mauerbau Gegenstand von Spekulationen. Was hatte Ulbricht bezweckt? Wollte er die Sowjetunion drängen, endlich die Erlaubnis zum Mauerbau zu geben? Oder wollte er Fluchtwillige animieren, das Land zu verlassen, um hierdurch die Sowjetunion unter Druck setzen zu können?

Die Operation „Rose“

Nachdem informelle Kanäle der Westmächte signalisiert hatten, es werde bei einer vollständigen Abriegelung der DDR gegenüber dem Westen nicht zu einer militärischen Konfrontation zwischen den Blöcken kommen, gab Chruschtschow Ulbricht im Juli 1961 sein Einverständnis, die Grenzen in Berlin vollständig zu schließen. Das genaue Datum, an dem Moskau die Ampel auf Grün stellte, ist in der Forschung umstritten, da Zeitzeugen unterschiedliche Tage als Termin nennen. Auf einer Politbüro-Sitzung am 7. August verkündete Ulbricht den führenden Genossen, die Schließung der Grenze stehe unmittelbar bevor. Die Vorbereitung für den Mauerbau traf die SED in einem kleinen Kreis um den ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, Erich Honecker. Am 12. August erläuterte Ulbricht führenden Staats- und Blockparteifunktionären, die Operation „Rose“, wie das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die Aktion nannte, werde in einigen Stunden beginnen. Widerspruch gab es nicht.

Kurz nach Mitternacht am 13. August 1961 verlegten Grenz- und Volkspolizisten gemeinsam mit Mitgliedern der sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse, gedeckt von Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA), Stacheldraht und sicherten die Grenzanlagen an der innerstädtischen Sektorengrenze. Sowjetische Truppen standen dahinter bereit, um mögliche Eskalationen im Keim zu ersticken. Erst einige Tage später begann der eigentliche Bau der Mauer. Der von der DDR errichtete Ring um West-Berlin hatte schließlich eine Gesamtlänge von 155 Kilometern, davon 43,1 Kilometer zwischen den beiden Teilen der Stadt. Der zwischen 15 und mehr als 150 Meter breite Todesstreifen bestand neben den Mauersegmenten aus Kfz-Sperren, Kolonnenwegen, Beobachtungstürmen, Grenzsignalzäunen und Hinterlandmauern. Im innerstädtischen Bereich ließ die SED, anders als bei der innerdeutschen Grenze, weder Erdminen verlegen noch Selbstschussanlagen montieren. Sie fürchtete um ihren Ruf in der Weltöffentlichkeit, die immer ein besonderes Auge auf Berlin richtete.

Wut, Verbitterung, Verzweiflung im SED-Staat

Wie von der Sowjetunion einkalkuliert, reagierten die Westmächte zurückhaltend. Insgeheim versprachen sie sich wohl von der Zementierung der deutschen Teilung mehr Stabilität in Europa und die westdeutsche Anerkennung des nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Status quo.

Weite Bevölkerungskreise im SED-Staat regierten auf den Mauerbau mit Wut, Verbitterung oder Verzweiflung. Der ihr durch geheime Informationsberichte gemeldeten Unruhe in der Bevölkerung begegnete die Parteiführung rasch und heftig. Sicherheitskräfte und Justiz sollten hart durchgreifen, und es wurde zum „sozialistischen Faustrecht“ aufgerufen. Mit sogenannten Provokateuren sollte nicht diskutiert werden, sondern diese erst verdroschen und dann den staatlichen Organen übergeben werden. Die Mehrheit der Bevölkerung reagierte auf die „Einbetonierung“ ihres Landes angesichts solcher Repressionen nicht mit lautstarken Protesten, sondern nahm sie eher mit stiller Verbitterung oder Resignation hin. Zustimmung fand der Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die SED die Mauer nannte, bei vielen Literaten und Kulturschaffenden, die sich eine grundlegende Reform des Sozialismus erhofften, denn dieser könne sich nun freier entfalten.

Lautstarke Proteste in West-Berlin

In West-Berlin gab es dagegen lautstarke Proteste. Der Regierende Bürgermeister Brandt appellierte in einer Rede vor dem Rathaus Schöneberg an die Grenzpolizisten, sich nicht zu Lumpen machen zu lassen und auf eigene Landsleute zu schießen. Er wertete das Verhalten der SED-Führung als Eingeständnis des Versagens: „Eine Clique, die sich Regierung nennt, muss versuchen, ihre Bevölkerung einzusperren. Die Betonpfeiler, der Stacheldraht, die Todesstreifen, die Wachtürme und die Maschinenpistolen, das sind die Kennzeichen eines Konzentrationslagers.“

Ida Siekmann, die aus einem Fenster in der Bernauer Straße in die Freiheit springen wollte, war das erste Todesopfer wenige Tage nach der Grenzschließung. Zwei Tage später erschossen DDR-Grenzer im Humboldt-Hafen hinterrücks den 24-jährigen Günter Litfin bei seinem Versuch, schwimmend West-Berlin zu erreichen. Das DDR-Grenzregime kostete insgesamt etwa 800 Menschen das Leben, davon etwa 140 in Berlin.

Die Abriegelung der Berliner Sektorengrenze und der Bau der Mauer waren für die Sowjetunion und die DDR zwar nur die zweitbeste Lösung, aber hiermit konnte der SED-Staat sein Leben um 29 Jahre verlängern. Auch wenn sich die meisten Menschen an die Mauer und das Grenzregime gewöhnten, blieben beide Symbole für diese menschenverachtende sozialistische Diktatur auf deutschem Boden.

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