Integration - „Die Toleranz der Linken hat zu Parallelgesellschaften geführt“

Die Vorfälle in Chemnitz haben gezeigt, dass die Politik keine Konzepte zur Integration hat, sagt der Psychologe Ahmad Mansour. Statt Zugewanderten deutsche Werte zu vermitteln, sei die Linke vor deren patriarchalen Kultur eingeknickt

Großer Bahnhof für syrische Flüchtlinge – aber wer hilft ihnen, anzukommen? / picture alliance

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Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

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Der deutsch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour, 42, ist ein begehrter Interviewpartner, wenn es um Themen wie Terrorismus oder Kriminalität unter Zuwanderern geht.  Mansour ist selbst Moslem. Als Jugendlicher hat er die islamische Szene kennengelernt. Inzwischen hat er sich einen Namen als Brückenbauer zwischen den Kulturen gemacht. Gerade ist sein neues Buch erschienen: „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache.“ 

Herr Mansour, in Ihrem Buch fordern Sie „Klartext zur Integration“. Erleben wir gerade in Chemnitz, was dabei herauskommt, wenn man dieses Thema jahrelang schleifen lässt? 
Ja, absolut. Was wir in Chemnitz erlebt haben, ist das Ergebnis einer permanenten Moralisierung der Debatte, die nur im Modus ‚entweder oder’ geführt wird. Entweder sind die Menschen rechts – und damit gegen Flüchtlinge oder Zuwanderer. Oder sie sind links – und damit moralisch auf der Seite der Flüchtlinge. 

Der mutmaßliche Totschlag an einem 35-jährigen Deutsch-Kubaner durch einen Iraker und einen Syrer wird in Chemnitz gerade von der AfD und gewaltbereiten Rechten instrumentalisiert, um die Zuwanderung als solche in Frage zu stellen. Was denken Sie als zugewanderter Moslem, wenn Sie Videos sehen, die zeigen, wie Rechte Jagd auf ausländisch aussehende machen und den Hitlergruß zeigen?
Das ist absolut inakzeptabel, und zwar nicht nur für jemanden wie mich, sondern für alle Demokraten im Land. Auf der anderen Seite müssen wir sehr vorsichtig mit Schuldzuweisungen sein. Nicht alles, was als rechts bezeichnet wird, ist auch rechts. Zwar gibt es diese Gruppe in Chemnitz und anderswo in Deutschland, und  die müssen wir auch klar und deutlich benennen. Es gibt aber auch andere Menschen, die auf die Straße gegangen sind, weil sie Angst davor haben, dass der Rechtsstaat die Kontrolle über kriminell gewordene Zuwanderer verliert. Und die müssen wir ernst nehmen.

In Chemnitz waren die Ausländerfeinde bis zu dem Konzert #wirsindmehr zahlreicher als die Menschen, die gegen Rassismus auf die Straße gehen. Kommen Sie mit Ihrem Buch nicht zu spät? 
Nein, ich glaube, wir können die Situation noch retten. Dazu brauchen wir aber nicht nur Bücher, wir brauchen auch ein Bewusstsein für diese Probleme. Was wir jetzt tun müssen, ist um die Mitte zu kämpfen. Solange die Politik in ihrem Schwarz-Weiß-Denken verharrt, wird sich nichts ändern. Die Gesellschaft bleibt gespalten in Rechts- und Linksradikale. Jede Seite beansprucht die Deutungshoheit für sich. 

In Sachsen sah es bis gestern eher so aus, als würde nur die AfD davon profitieren. Die ist in Umfragen so stark wie noch nie.
Darauf habe ich immer wieder hingewiesen. Und was ist passiert? Ich wurde von Linken wie Jakob Augstein als Rechter bezeichnet. Die Bundeskanzlerin hat es mit ihrer Politik nicht geschafft, die Bevölkerung mitzunehmen. Die Unzufriedenheit darüber spiegelt sich in den guten Wahlergebnissen und Umfragewerten für die AfD wieder. 

Sie kennen die Probleme von Migranten, weil Sie selbst zugewandert sind. Wie schwer war es für Sie, Ihren Platz in Deutschland zu finden? 
Ich habe mich sehr schwer damit getan, die Sprache zu lernen und mich in die Kultur einzuleben. Aber ich habe es geschafft. Am schwersten war aber, emotional hier anzukommen, die Werte dieser Gesellschaft als Chance für mein Leben zu begreifen. Das war und ist ein langer Prozess.

Wenn es Ihnen schon so schwergefallen ist, wie sollen es dann andere erst schaffen? 
Wir brauchen Konzepte für die Integration. Es reicht nicht, am Bahnhof Teddybären an Flüchtlinge zu verteilen und denen zu erklären, wie der Laden hier läuft. Wenn wir die Leute erreichen wollen, müssen wir uns auf Augenhöhe begegnen. Wir müssen den Leuten klarmachen: Eure Integrationsbemühungen werden belohnt. Aber wenn Ihr Euch nicht an unsere Regeln haltet, wird Euer Verhalten sanktioniert. 

Passiert das nicht längst? 
Nein, derzeit lässt die Politik Zugewanderte im Stich. Die Leute sind auf sich allein gestellt. Dann müssen wir uns aber auch nicht wundern, wenn sie in Parallelgesellschaften flüchten. 

Immerhin übernimmt der Staat ihren Lebensunterhalt und sorgt für ihre Unterbringung. Davon konnten Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg nur träumen. 
Dieser Vergleich hilft uns hier nicht weiter. Integration ist und bleibt die Bringschuld der Migranten. Dafür müssen wir ihnen klarmachen, was Integration bedeutet. Die wird nur funktionieren, wenn wir den Menschen selbstbewusst und entschieden begegnen. Es funktioniert nicht, wenn Flüchtlinge auf eine unsichere Gesellschaft treffen und wenn Deutschland als Selbstbedienungsladen wahrnehmen. 

In Ihrem Buch fordern Sie, der Staat müsse Zugewanderten Mentoren an die Seite stellen, um sie besser auf das Leben vorzubereiten. Ist das nicht ein bisschen viel der Fürsorge?
Nein, so macht das Kanada auch, und wir sehen ja, was passieren kann, wenn das nicht passiert. Wir müssen emotionale Zugänge zu unserer Gesellschaft schaffen, und ein Schlüssel dafür sind Begegnungen. Diese Aufgabe darf nicht Radikalen überlassen werden.  

Die Debatte über „Integration“ krankt daran, dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was das überhaupt ist. Wie definieren Sie dieses Wort? 
Eine gute Frage. Ich habe darüber in den vergangenen Jahren oft mit Politikern gesprochen. Ich habe den Eindruck: Integration ist für sie Sprache plus Arbeit minus Kriminalität. Das ist mir zu wenig. 

Ihr Buch ist ein Plädoyer gegen falsch verstandene Toleranz. Inwiefern hat die dazu beigetragen, dass Parallelgesellschaften wie in Berlin-Neukölln entstanden sind? 
Die Art und Weise, wie Linke oft mit diesem Thema umgegangen sind, hat erst zu diesen Parallelgesellschaften geführt. Wenn die Politik Zugewanderte nicht zwingt, ihre patriarchale Kultur abzustreifen, dann werden sich diese Menschen häuslich darin einrichten. Wohin das führen kann, haben wir zuletzt im Ramadan erlebt. Da ist ein Kind vor Durst fast umgekippt, und die Lehrerin hat es aufgefordert, etwas zu trinken. Das Kind erzählt das seinen Eltern, und die Schulaufsichtsbehörde mahnt die Lehrerin in ihrem Namen ab. Sie möge bitte die Religionsfreiheit des Kindes beachten. Das ist falsch verstandene Toleranz! 

Sie fordern eine deutsche Leitkultur, die Zuwanderern Orientierung gibt. Wie soll die aussehen? 
Ich weiß nicht, ob Leitkultur der richtige Begriff ist. Ich bin aber dafür, Werte zu benennen, die sich aus dem Grundgesetz ableiten. Unsere Verfassung ist großartig, aber abstrakt. Wenn wir davon reden, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, dann muss das auch für Mädchen gelten. Sie dürfen mit achtzehn ihr eigenes Leben führen. Sie dürfen Sex haben, mit wem sie wollen. So etwas muss in den Integrationskursen klar kommuniziert werden.

Sie klingen fast wie Thilo Sarrazin (SPD). Der hat schon in seinem 2010 erschienen Bestseller davor gewarnt, Deutschland schaffe sich ab, wenn es von muslimischen Zuwanderern kein klares Bekenntnis zum Rechtsstaat fordert. 
Ich bin nicht Thilo Sarrazin. Ich setze mich aber mit ihm auseinander. Ich finde es gut, dass wir durch seine Thesen gezwungen werden, Stellung zu beziehen und wieder Probleme diskutieren, die sich durch Tabuisierung oder Nichtbenennung nicht lösen, sondern zu einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft führen.

Teilen Sie auch seine Einschätzung, dass der Islam Europa unterwandert?
Nein, diese These ist absurd. Nicht jeder Moslem ist ein Anti-Demokrat. Ich muss mir oft anhören, ich ließe mich von Rechten instrumentalisieren. Aber ich stehe zu dieser Meinung. Wenn man aus Angst vor Rechten bestimmte Themen tabuisiert, dann überlässt man den Rechten das Feld.

Sie haben sogar schon Morddrohungen bekommen. Empfinden Sie den Spagat zwischen der arabischen und der deutschen Kultur als Zerreißprobe? 
In manchen Fällen ja. Wir liberalen Muslimen werden von manchen Linken als Kollateralschaden gesehen. Wir sind eigentlich zum Abschuss freigegeben im Namen der Toleranz. Denn wenn man uns unterstützt, so der Vorwurf, schüre man Angst und unterstütze die Rechte. 

Wo verläuft denn die Grenze zwischen sachlicher Kritik an der Integrationspolitik der Bundesregierung und Panikmache?
In dem Moment, wenn wir pauschal von den Flüchtlingen sprechen. Oder wenn jetzt wie in Chemnitz Jagd auf Menschen mit anderer Hautfarbe gemacht wurde. Das hat mit sachlicher Kritik nichts mehr zu tun. 

Krankt die ganze Integrationsdebatte nicht daran, dass man nur über Menschen redet, die zugewandert sind – und kaum mit den Menschen selbst? 
Nein, das glaube ich nicht. Wir müssen in den Integrationskursen mit den Menschen reden. Aber wir müssen ihretwegen nicht unsere Werte neu definieren. 

Als Dialogforum hat das Innenministerium 2006 die Deutsche Islamkonferenz geschaffen. Warum hat die nicht schon längst Konzepte für eine Integration gefordert, wie Sie sie in Ihrem 10-Punkte-Plan in Ihrem Buch vorgelegt haben? 
Weil sich die muslimischen Verbände dieser Debatte verweigert haben. Die haben ein sehr konservatives Islamverständnis, und in dem Moment, wo das in Frage gestellt wird, fühlen sie sich auch selbst in Frage gestellt. Ich glaube, dass ein Dialog mit den Verbänden nicht zielführend ist. 

Das hat auch der Innenminister erkannt. Statt der Verbände will er jetzt Einzelpersonen einladen. 
Mal schauen. Die konservativen Muslime sind schlauer geworden. Sie organisieren sich auch außerhalb der Verbände. Aber ihr Islamverständnis ist dasselbe geblieben. Wenn nicht endlich liberale Muslime wie Seyran Ates eingeladen werden, wird dieses Trauerspiel vier Jahre lang weitergehen. 

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