Hohe Verluste - Rettet die Deutsche Bank!

Nie hätte ich mir träumen lassen, die Deutsche Bank öffentlich in Schutz zu nehmen. Doch heute ist es an der Zeit. Unsere Politiker sind drauf und dran, erneut dem Standort Deutschland zu schaden

Die Filialen müssten schneller schließen

Autoreninfo

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein neues Buch „Das Märchen vom reichen Land – Wie die Politik uns ruiniert“ erscheint im September.

So erreichen Sie Daniel Stelter:

Martin Schulz, gelernter Buchhändler und Berufspolitiker weiß es mal wieder besser:

„Überall schließen Bankfilialen, Kunden verlieren ihre Berater, Berater ihre Jobs. Wenn in dieser Situation Boni in Höhe von einer Milliarde Euro ausgeschüttet werden, dann verliert ein Unternehmen nicht nur an Ansehen. Das schadet insgesamt unserer Solidargemeinschaft.“

So ließ sich der SPD-Vorsitzende in der Bild-Zeitung zitieren. Klar, Schulz selber angeschlagener Chef einer Partei, die Gefahr läuft, in Kürze so viele Stimmen wie die Grünen oder die AfD zu bekommen, sucht verzweifelt nach einem Gewinnerthema. Und was bietet sich in Deutschland besser an, als den Neid zu befeuern?

Das Problem mit dem Verhalten von Schulz (und allen anderen Politikern, die auf denselben Zug gesprungen sind) ist, dass dies nicht nur der Deutschen Bank schadet, sondern dem Standort insgesamt. Wenig tröstlich, dass es in das Bild einer Politikerkaste passt, die sich schon lange am vermeintlichen „Reichtum“ unseres Landes begeistert, ohne das geringste dafür zu tun, diesen Reichtum zu sichern.

Boni trotz Verlust? – natürlich!

Zunächst mal die Klärung der Frage, weshalb es absolut richtig ist, Boni für Mitarbeiter auszuzahlen, obwohl das Unternehmen insgesamt Verlust gemacht hat. Zunächst erscheint das wirklich ungehörig. Doch man muss genauer hinsehen.

Da ist zunächst die Frage nach der Quelle der Verluste. Die Verluste sind die Folge von Sünden der Vergangenheit – in Form von Gerichtsprozessen und Strafzahlungen – und der veränderten Steuergesetze in den USA. Dortige Verlustvorträge aus den vergangenen Jahren werden weniger Steuerersparung bringen, weil die Steuersätze gesunken sind. Dies alles hat herzlich wenig mit den Aktivitäten im abgelaufenen Jahr zu tun. Vor allem ist es nicht von den Mitarbeitern zu vertreten, die jetzt die Bonuszahlungen erhalten. 

Vergleichen könnte man es mit einem Feuerwehrteam, welches versucht ein Wohnhaus zu löschen, dabei aber nicht verhindern kann, dass einige Wohnungen ausbrennen. Würde man den Feuerwehrleuten deshalb das Gehalt kürzen? Natürlich nicht. 

Sind Boni überhaupt gerechtfertigt?

Womit wir uns der Frage stellen müssen, ob denn die Mitarbeiter einer Bank so viel Geld verdienen müssen. Schließlich geht es um rekordhohe Gehälter, anders als im Beispiel der Feuerwehrleute. Die klare Antwort darauf lautet: nein. Die Mitarbeiter im Investmentbanking leisten überwiegend keinen Beitrag zum Wachstum von Volkswirtschaften. Im Gegenteil ist ein Teil der Aktivitäten so gefährlich, dass sie das weltweite Finanzgefüge zum Einsturz bringen können – siehe Finanzkrise.

Problematisch ist jedoch, dass Investmentbanker wie nur wenige Berufsgruppen international mobil sind. Wie Söldner ziehen sie zu dem jeweils am besten bezahlenden Anbieter. Will man als Bank an dem Spiel mitmachen, so bleibt einem keine andere Wahl als bei den Gehältern mitzumachen. Gewinn hin oder her. 

Solange also die Deutsche Bank an dem Spiel der großen mitspielen will, muss sie auch diese Gehälter zahlen. Gerade in den USA verdienen die Banken nach erfolgreicher Sanierung und Neuausrichtung wieder richtig Geld und locken entsprechend die besten Mitarbeiter an. Richtig unter Druck dürften die Gehälter der Banker erst in der nächsten Krise kommen, die nur eine Frage der Zeit ist. 

Muss die Deutsche Bank denn mitspielen?

Natürlich könnte man argumentieren, die Deutsche Bank sollte sich aus diesen Geschäftsaktivitäten zurückziehen. Immerhin hat der IWF ausgerechnet der Deutschen Bank den Titel der gefährlichsten Bank der Welt verliehen. Ein geradezu ungeheuerlicher Vorgang in einer Branche, die von nichts so sehr abhängt wie von Vertrauen. Das Problem damit ist, dass die deutsche, exportorientierte Industrie sehr wohl einen Partner braucht, der die eigenen Firmen weltweit unterstützt.

Viele der Aktivitäten der Investmentbanker haben einen im Kern wichtigen Nutzen für diese Unternehmen und damit die ganze deutsche Volkswirtschaft. Dass dieser Nutzen überlagert wird von Zocker-Aktivitäten darf über diese volkswirtschaftlich wichtige Rolle nicht hinwegtäuschen. 

Die Deutsche Bank muss also mitspielen. Doch muss sie das deutlich besser tun als in der Vergangenheit. Niedrigere Kosten, mehr Transparenz, keine kriminellen Aktivitäten mehr. Die Hausaufgabenliste ist lang und es wäre an den Politikern, diesen Wandel zu begleiten, statt dem Image des Instituts zusätzlich zu schaden. 

Zinsumfeld könnte helfen

Wie angesprochen, sind die US-amerikanischen Wettbewerber signifikant profitabler als die Deutsche Bank. Neben hausgemachten Problemen hat das auch mit der unglücklichen Rolle der Politiker im Zuge der Finanzkrise zu tun. Statt wie in den USA die Banken zwangsweise neu zu kapitalisieren – ein übrigens gutes Geschäft für den amerikanischen Steuerzahler – wurde in der Eurozone auf Krisenverschleppung gesetzt.

Immer noch sitzen europäische Banken auf Bergen fauler Kredite, was den Markt gesamthaft belastet und ein wesentlicher Grund für die Tiefzinspolitik der EZB ist. Letztere wiederum untergräbt die Profitabilität der europäischen Banken und eben auch der Deutschen Bank. Sollten die Zinsen nun steigen, dürfte auch die Deutsche Bank wieder mehr Gewinn machen. Damit wäre Zeit gewonnen für den weiteren Umbau.

Zersplitterte deutsche Bankenlandschaft

Während andere Länder – wie die USA aber auch Frankreich – einige nationale Champions im Bankwesen haben, ist der deutsche Bankenmarkt stark zersplittert. Dies ist aus Sicht der Kunden gut, führt allerdings zu geringeren Gewinnen der Banken, was sie wiederum anfälliger für Krisen macht. Nun kann man – und ich würde das eigentlich tun – dafür plädieren, dass kleinere Banken kein Erpressungspotential für die Politik haben und deshalb zu einem stabileren Bankensystem führen. Solange aber in anderen Ländern auf Größe gesetzt wird, sollten und müssen wir in diesem Spiel mitmachen. Was immer getan werden kann um der Deutschen Bank dabei zu helfen, sollten wir tun.

Filialen schneller schließen

Unsere Banken – nicht nur die Deutsche – passen sich viel zu langsam an den technologischen Wandel an. Neue Technologien ermöglichen es Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und Vermögensverwaltung deutlich kostengünstiger abzuwickeln, als dies derzeit bei den Banken der Fall ist.

Wer braucht schon noch eine pompöse Bankenfiliale, die mit ihren Säulen an die Wechselstuben in den Tempeln des Altertums erinnert? Wer will schon Cappuccino und Kekse, wenn er den gleichen Anlageerfolg deutlich günstiger über einen Internetanbieter realisieren kann? Die Banken mit ihren erheblichen Überkapazitäten und veralteten Geschäftsmodellen trifft das hart. Wie schon in anderen Branchen dürften auch hier die Verteidiger des Alten gegenüber den neuen Angreifern den Kürzeren ziehen. Die Banken können gar nicht schnell genug ihre Kostenbasis und Struktur an die neue Welt anpassen. 

Insofern ist Martin Schulz ein konsequenter Politiker: früher für die Kohlekumpel, heute für den Bankberater. Letztere wird es auch bald nicht mehr geben. Wollen wir, dass unsere Banken in der Zukunft noch existieren, fördern wir den Wandel statt zu jammern. 

Plädoyer für eine starke Deutsche Bank

So nehme ich die Deutsche Bank in Schutz. Natürlich ist es nicht klug in einer Welt mit zu vielen Schulden und einem völlig überdehnten Finanzsektor ein großes Rad zu drehen. Natürlich ist es nicht klug, den Titel als „gefährlichste Bank“ zu führen. Natürlich hätte die Bank schneller und gründlicher die Altlasten bereinigen müssen. Natürlich gehen die Kostensenkungen viel zu langsam von statten. Natürlich ist es ein kommunikatives Desaster, Milliardenboni und Verluste zugleich zu kommunizieren.

Doch nichts wäre schlimmer, als wenn das einzige deutsche Bankinstitut von internationalem Rang von einem Ausländer aufgekauft wird. Die chinesische HNA Group ist bereits Großaktionär. Käme es zu einem Ausverkauf an Ausländer dürften die Kapazitätsanpassungen – also die Entlassungen – in Deutschland deutlich schneller erfolgen. Sicherlich wird ein Martin Schulz – sollte ihm überhaupt noch jemand zuhören – dann wieder laut jammern. Dabei hätte ausgerechnet er mit seiner unnötigen Neiddiskussion dazu beigetragen.