Chaos im Weißen Haus - Hahnenkämpfe auf dem Misthaufen

Nur zehn Tage lang konnte sich Anthony Scaramucci als Kommunikationschef im Weißen Haus halten. Die kurze Episode verdeutlicht die chaotischen Zustände unter Donald Trump. Und sie zeigt, wo die wahren Interessen des Präsidenten liegen

Kurze Karriere im Weißen Haus: Anthony Scaramucci / picture alliance

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Constantin Wißmann leitet Cicero Online.

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John Kelly, der neue Stabschef des US-Präsidenten Donald Trump, ist ein ehemaliger Vier-Sterne-General mit langjähriger Erfahrung im Irak. Er weiß also, wie man mit einer Regierung umgehen muss, die aus einer wilden Mischung sich gegenseitig bekämpfender Fraktionen und schwer durchschaubaren Allianzen besteht. Eine solche Chaostruppe regiert aber zurzeit das mächtigste Land der Welt. Vielleicht zum ersten Mal hat Donald Trump mit Kelly den richtigen Mann für einen Job gefunden. 

Anthony Scaramucci war es sicher nicht. Zehn Tage nur war Scaramucci als Kommunikationschef im Amt, und doch reichte die Zeit, sich einen ewigen Platz in der Geschichte der USA zu ergattern. Keinen ruhmreichen. Der ehemalige Banker von der Wall Street kam wie ein Bulldozer ins Weiße Haus und fegte den Pressesprecher Sean Spicer und Kellys Vorgänger Reince Priebus hinaus. Alles, davon muss man ausgehen, auf ausdrücklichen Wunsch des Präsidenten.

Ein verhängnisvoller Anruf

Unvergesslich bleibt aber vor allem der Anruf bei Ryan Lizza, dem erfahrenen Washington Korrespondenten des Magazins New Yorker. Scaramucci wollte Lizza dazu bringen, seine Quellen zu verraten, damit die zahlreichen Lecks des Weißen Hauses gestopft werden könnten. Als sich Lizza wenig überraschend weigerte, legte Scaramucci los: „Ich werde sie alle feuern, das gesamte Team“, sagte er Lizza. Warum er glaubte, dass das Schicksal von Mitarbeiten des Weißen Hauses einen Reporter schrecken sollte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Scaramucci machte einfach weiter. „Weißt du, was ich am liebsten tun werde? Ich würde alle Leaker verfickt noch mal töten. Damit wir die Agenda des Präsidenten wieder in die richtige Bahn bringen.“ Genug Obszönitäten? Nicht für Scaramucci: „Ich bin nicht Steve Bannon (Anm. der Red.: der Berater des Präsidenten). Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen.“ Reince Preibus nannte er einen paranoiden Schizophrenen dessen Ziel es gewesen wäre, ihn, Scaramucci, im Zaum zu halten. Das ist eine harmlose Übersetzung. Im Original klang das so: „Reince is a fucking paranoid schizophrenic, a paranoiac“, der sich gesagt hätte „let me leak the fucking thing and see if I can cock-block these people the way I cock-blocked Scaramucci for six months’’. Zur Erklärung: Weil Scaramucci im Wahlkampf viel Geld für Trump eintreiben konnte, hatte dieser ihm einen Job in der Regierung versprochen. Aber Priebus hatte das bisher verhindert.

Nun wäre das alles nicht an die Öffentlichkeit gelangt und Scaramucci wohl im Amt geblieben, hätte er noch einen Satz mehr gesagt: „Off the record.“ An die mit diesen Worten getroffene Vereinbarung, das Gesagte nicht zu veröffentlichen, halten sich Journalisten in der Regel, da sie andernfalls in der gesamten Branche als nicht mehr vertrauenswürdig gelten würden. Ein elementarer Bestandteil der Politikberichterstattung, der dem Kommunikationschef des mächtigsten Landes der Welt offenbar nicht bekannt war. Doch entscheidend ist nicht die Inkompetenz Scarmuccis, sondern die Tatsache, dass Donald Trump ihn als hervorragend geeignet für das Amt gehalten hat.

Ein Präsident, der Pfadfindern peinlich ist

Überraschend ist das jedoch nicht. Denn, wie unzählige Tonbandaufnahmen, Interviews und Reden gezeigt haben, ist auch Trumps Sprache von Obszönität und Verachtung geprägt. Welcher vorherige Präsident hätte vor den ehrwürdigen Pfadfindern von Amerika eine mit solch politischer Galle angefüllte Rede abgeben können, dass die es danach für nötig hielten, sich bei jedem zu entschuldigen, der sich davon beleidigt fühlte?

Außerdem scheint Trump Scaramucci vor allem deshalb eingestellt zu haben, um diejenigen Leute im Weißen Haus kalt zu stellen, die für seine Wahl mitentscheidend waren, aber nun, da er Präsident geworden ist, seinen Interessen und denen seiner Familie entgegenstehen. Das sind vor allem Steve Bannon, der als Chef der rechtslastigen Webseite breitbart.com kontinuierlich für Trump trommelte, und Reince Priebus, das Bindeglied zu den klassischen Republikanern. In der Regierung galten sie vor allem als Gegenspieler der Trump Tochter Ivanka und ihrem Ehemann Jared Kushner. Der 36-jährige Kushner, der bisher in New York mit mittelmäßigem Erfolg als Makler tätig war, ist unter Trump unter anderem für die Diplomatie mit China zuständig, soll das Justizsystem reformieren und den Nahost-Konflikt lösen. Wenn's weiter nichts ist.

Das Wichtigste für Trump ist Trump

So verdeutlicht die kurze Scaramucci-Episode vor allem, wo der Fokus des Präsidenten liegt: bei sich und seiner Familie und deren Weiterleben im bekanntesten Haus der Welt. Alles andere – eine vernünftige Gesundheitspolitik; eine rationale Klimapolitik; eine Außenpolitik, die über militärische Machtdemonstrationen hinausgeht – steht hintenan. Und so mag die Ernennung des Ex-Generals Kelly ein richtiger Schritt sein, um den Hühnerstall im Weißen Haus, voll von politischen und persönlichen Konflikten, in den Griff zu bekommen. Und auch, dass ein Gockel wie Scaramucci vom Hof gejagt wurde, könnte vorerst für mehr Ruhe sorgen. Der oberste Hahn aber sitzt weiter oben auf dem von ihm selbst angerichteten Misthaufen. Und kräht.