Proteste im Iran - „Dieses Feuer brennt alles nieder“

Im Iran versammeln sich Menschen zu wütenden Protesten. Mehrere von ihnen wurden offenbar getötet, hunderte verhaftet. Was steckt dahinter? Ein Journalist aus dem Nord-Westen des Landes gibt Auskunft – anonym

Proteste im Iran: „Zum Glück noch nicht bewaffnet“

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Chiara Thies studiert Journalistik und arbeitet für Cicero Online.
Foto: Emine Akbaba

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Was passiert gerade im Iran?
In Teheran und anderen Städten im Westen und Osten gibt es seit vier Tagen Demonstrationen gegen das herrschende Regime. Es kam zu Festnahmen und den ersten Toten. Diese Gewalt wird in den kommenden Tagen wahrscheinlich noch zunehmen. Neu an diesen Protesten ist die Größenordnung, in welcher die Menschen Regierungsgebäude, muslimische Schulen und Büros der Abgeordneten angreifen.

Wie kam es zu den Protesten?
Proteste gegen den Präsidenten haben wir jährlich. Im Iran haben wir einen Obersten Religionsführer, Ajatollah Ali Khamenei, der eigentlich keine Autorität haben dürfte, sie aber hat. Und einen Präsidenten, Hassan Rohani, der laut Verfassung Autorität haben sollte, defacto aber keine Macht besitzt. Kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu Protesten, wurden die Präsidenten entweder unter Hausarrest gestellt oder ins Exil verbannt. Dieses Mal gehen die Menschen jedoch gegen den Obersten Führer und das Regime als Ganzes auf die Straße. Mit den Demonstrationen hatten Radikale begonnen, um die Regierung um den Präsidenten zu schwächen. Die haben im Verlauf die Kontrolle verloren und jetzt breiten sich die Proteste landesweit aus.

Wer sind die Radikalen?
Sie stehen dem Obersten Religionsführer und dem Militär nahe. Die iranische Börse ist zusammengebrochen. In den Geldwechselstuben herrscht hier ein Wechselkurs von einem Euro zu 5350 Toman. Vor zwei Wochen wurde der neue Budgetplan für das Land vorgestellt. Die Preise für Öl und Gas sollten um 50 Prozent steigen. Es gingen sogar Gerüchte um, dass Sozialleistungen für circa 20 Millionen Menschen gestrichen werden sollen. Außerdem sollten Gelder für religiöse Einrichtungen gekürzt werden, die sich für eine Ausbreitung des schiitischen Islam in der Welt einsetzen. Am ersten Tag richteten sich alles Slogans gegen Rohani und die Polizei hat sich nicht blicken lassen. Da sich die wirtschaftliche Situation aber weiter verschlechtert hat, haben sich die Proteste ausgeweitet. Von da an war dann auch die Polizei vor Ort. Daran lässt sich erkennen, dass die Radikalen die Kontrolle verloren haben.

Wer ist nun auf der Straße?
Überwiegend die junge Generation, die keine Lust mehr auf die Armut und die grausamen Gesetze hat. Natürlich sind auch Arbeitslose dabei. Andere haben bei den Wahlen Anfang des Jahres für Rohani gestimmt und können keine seiner versprochenen Besserungen erkennen. In den vergangenen Jahren sind auch immer mal wieder Banken oder Fabriken pleite gegangen, die dann kein Geld mehr ausgezahlt haben. Da gibt es immer noch wütende ehemalige Angestellte.

Wie organisiert sich die Bewegung?
Größtenteils über den Messengerdienst Telegram. Dort gibt es den Kanal „Amadnews“, der das Regime ausgespäht hat und geheime Dokumente veröffentlicht. Etwa 1,5 Millionen Menschen folgen dem Kanal. Vor zwei Tagen bat die iranische Regierung Telegram den Kanal „Amadnews“ zu blocken. Der Messengerdienst kam den Wunsch nach. Sofort wurde der Kanal ein zweites Mal erstellt und hatte nach 2 Stunden erneut eine Million Menschen hinter sich. „Amadnews“ wurde erneut geblockt und wieder neu erstellt. Mittlerweile folgen 1,1 Millionen Menschen dem Kanal. Sie teilen Videos, Statements, Fotos und organisieren sich zu den Protesten. Die iranische Regierung hat zwar zwischenzeitlich Instagram, Telegram und Whatsapp geblockt. Das konnte man jedoch mit einem VPN, einem virtuellem privaten Netzwerk, umgehen.

Wie geht die Regierung noch vor?
Anfangs hat sie die Demonstrationen unterschätzt. Jetzt setzt sie aber die Geheimdienste und Anti-Demonstrations-Kräfte ein. Der nächste Schritt werden dann Panzer und das Militär sein. Und wie immer schieben die Regierenden die Schuld an den Protesten den USA und Israel in die Schuhe. Auf diese Weise können sie gewaltsamer gegen die Menschen auf der Straße vorgehen.

Wie wird es weitergehen? 
Es wird zu mehr Toten und Festnahmen kommen, das Regime wird verschiedene Repressionsmethoden anwenden. Es werden unschuldige Menschen zu Schaden kommen. Nach einer Weile wird überall wieder Routine einkehren.

Also werden die Demonstranten keine Änderung bewirken?
Totalitäre Regime akzeptieren keinen Wandel.  

Als es 1979 zur iranischen Revolution kam, war die wirtschaftliche Situation für viele im Land ebenso schlecht wie sie es jetzt ist. Der Schah wollte damals auch keinen Wandel akzeptieren. Sind diese Proteste die Fortsetzung des arabischen Frühlings?
Ich hoffe nicht. Im Iran leben verschiedene Nationen und Stämme beisammen. Diese Leute haben aufgrund des jeweiligen Nationalismus tiefe Konflikte miteinander. Sollte es zu diesem Frühling kommen, bedeutet das einen Bürgerkrieg. Die Fundamente des Landes werden zerstört, Unschuldige getötet. Der ganze Nahe Osten würde mit in den Konflikt gezogen werden. Zum Glück sind die Protestler noch nicht bewaffnet. Das wäre ein Wendepunkt des Konflikts.

Ist es wahrscheinlich, dass das geschieht? 
Wenn es so weitergeht, dann ja. Innerhalb von vier Tagen gab es bereits zehn Tote. Und im Vergleich zu vergangenen Protesten ist das Militär jetzt ebenfalls nicht zufrieden mit den herrschen Umständen. Die schlechte wirtschaftliche Lage setzt ihnen ebenfalls zu.

Wo könnten die Waffen herkommen? 
Es gibt verschiedene Terroristengruppen: Die Balutschen in Pakistan, die Kurdengruppen im Irak, Araber und viele andere. Reagiert das Regime weiterhin mit Gewalt, werden die Waffen geladen werden. Was nicht vergessen werden darf: Alle Länder im Nahen Osten sind Feinde des Irans. 

Also fällt der Iran, tut es der Nahe Osten ebenfalls?
Ja! Sollte es zu Aufständen kommen, werden die verschiedenen Volksstämme wie Türken, Kurden, Araber, Balutschen und Perser aneinander angreifen. Schon jetzt herrschen große Spannungen zwischen ihnen im Iran. Da alle Nachbarstaaten Feinde des Iran sind, würden sie dann in den Konflikt eingreifen, um ihre Stammesleute zu beschützen. Dieses Feuer brennt alles nieder. Der Nahe Osten würde sich von Israel bis Russland im Krieg befinden. 

Unser Interviewpartner möchte seinen Namen nicht im Internet sehen, weil er dann in Gefahr kommen könnte. Er ist der Redaktion bekannt. Seit 2009 hat er manchmal Probleme mit seiner linken Hand, weil er mit dieser einen Schlagstock abgewehrt hat.