Das Ende des Euro rückt näher. Er treibt die Völker wieder auseinander. Neid, Missgunst, Verachtung, selbst Hass sind wieder lebendig geworden. Ludwig Poullain über Erlebtes und Wahrgenommenes, Gedachtes und Empfundenes und ein hieraus erwachsenes Stoßgebet
Ich bin ein Unstudierter. So sehr ich auch in meinem langen Leben akademisches Wissen schmerzlich vermißt habe, in diesen Zeiten bin ich glücklich, in meinem Denken nicht durch Ballast behindert zu sein. Eine solch chaotische Phase wie die jetzige durchlebte die Menschen Mitteleuropas wohl noch nie. Drum kann auch über die Beherrschung einer solchen Krise nichts im Lehrbuch stehen.
Für mich gilt als Gesetzmäßigkeit, dass verschiedenartige Volkswirtschaften nicht unter dem Dach einer gemeinsamen Währung leben können. Also wird der Euro einem ständig wachsenden Druck der sich hieraus entwickelnden zentrifugalen Kräften ausgesetzt sein. Ihm wird er nicht standhalten. Sein Ende rückt näher.
Die These
der Kanzlerin, das Scheitern das Euros würde das Ende Europas zur
Folge haben, hat sich im Gedächtnis ihres Volkes festgesetzt. Mit
der in ihrer so genannten Regierungserklärung eingebundenen
Beförderung des Euro vom Zahlungsmittel zum Symbol eines
vereinigten Europas hat sie eine weitere Pirouette in ihrer Kunst,
Spuren zu verwischen, gedreht. Mich erschreckt, zu welch simplen
Tricks sie inzwischen glaubt greifen zu müssen.
Mit der Übermittlung der Nachricht an einen Zahlungsunfähigen, er, sein Gläubiger, würde ihn vor der Insolvenz bewahren, stattet er ihn mit einem unbegrenzten Erpressungspotential aus. (Schäuble, Minister der Finanzen, Singapur, Oktober 2012: „I think there will be no Staatsbankrott in Greece“) Vor seiner Abreise ist er noch vom Gegenteil ausgegangen. Hierzu passt Peter Sloterdijk: „Prinzipien sind drehbare Geschütze, mit denen man in jede Richtung schießen kann“.
Die aus Abgestellten der EZB, des IWF und der Brüsseler Behörde gebildete Troika hat sich in Athen festgesessen. Ihre Arbeiten werden sie längst abgeschlossen haben, wie auch deren Ergebnisse – sie können nicht anders als schlecht bis verheerend lauten – feststehen dürften. Derweil verkünden ihre Auftraggeber, nicht eher über die nächste Tranche für Griechenland entscheiden zu können, bis ihnen der Bericht der Troika vorliegt. Es liegt nicht an der Postverbindung, dass sie ihn noch nicht zur Kenntnis genommen haben. Vielmehr werden sie einen ihnen günstig erscheinenden Zeitpunkt abwarten, um der Troika das von ihnen für ihre Zwecke passend gemachte Ergebnis als das Resultat ihrer vor Ort angestellten Recherchen aufzuerlegen. Dieses wird zwar nicht der Wirklichkeit entsprechen, jedoch die Spender legitimieren, den Griechen weiteres Geld zum Versenken zu überweisen.
Ich denke, alle Klarsichtigen dieses Landes wissen, dass Griechenland nie und nimmer die ihm zugeflossenen Hilfsmittel zurückzahlen kann. Zählen die uns Regierenden nicht zu diesem Kreis, oder handeln sie vorsätzlich gegen ihr besseres Wissen? Oder wollen sie sich damit Zeit kaufen, etwa bis zur nächsten Bundestagswahl, auf dass das tumbe Volk nicht vorher durch die Offenbarung effektiver Verluste aus seiner Starre aufgeschreckt wird?
Unsere Gesellschaft ist bequem, sie lässt sich in ihren Lebensgewohnheiten, sei es Alltagstrott oder Highfidelity, nicht stören. Nebenher schleppt sie eine panikartige Angst vor dem Ungewissen mit sich, jedoch ist sie zu feige, ihr zu begegnen. Dies kommt in dem von Allensbach erfragten Umfrageergebnis zum Ausdruck, dass 69 Prozent unserer Bevölkerung nichts von der Staatenschuldenkrise verstehen. Etwa gleich hoch ist der Beliebtheitsgrad der Kanzlerin im Volke. Für mich besteht zwischen beiden Werten ein kausaler Zusammenhang.
Kürzer und präziser als Ökonomen dies vermögen, können Philosophen die Verfassung unseres Kontinents beschreiben. Noch einmal Peter Sloterdijk: „Die Flutung der Geldmärkte ist erfolgt. Die Entwässerung scheitert wie gewohnt.“ Schon vor dreißig Jahren hat Johannes Groß diesen hohen Pegelstand prophezeit: „Das Hauptproblem der Weltwirtschaft wird der Mangel an Knappheit sein. Den hat die Menschheit noch nie gekannt.“ Die in diesem genialen Gedankensplitter versteckte Warnung hat sie nicht verstehen wollen. Politiker und Notenbänkler haben die hieraus zu ziehende Konsequenz sogar auf den Kopf gestellt. Hieraus, wiederum, haben Finanzjongleure ihren Profit ziehen können.
Seite 2: Unsere Politiker handeln frei nach dem Werbeslogan eines mittelalterlichen Ablasspredigers











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