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Hamed Abdel-Samad „Religionen sind grundsätzlich nicht demokratiefähig“

Interview mit Hamed Abdel-Samad29. März 2011
picture alliance
Hamed Abdel-Samad: „Die Religion ist ein Teil des Problems“
Hamed Abdel-Samad: „Die Religion ist ein Teil des Problems“
Schrift:

Der Autor Hamed Abdel-Samad debattiert am Sonntag, den 3. April im Berliner Ensemble mit Cicero-Chefredakteur Michael Naumann und dem Journalisten Frank A. Meyer über die politischen Umbrüche in der arabischen Welt. Vorab sprach er mit Cicero Online über den Geburtsfehler im Islam, die fehlende Trennung von Religion und Staat und das unanständige Verhalten der deutschen Regierung im Libyen-Konflikt.

Seite 1 von 2

Herr Abdel-Samad, Sie sind mit 23 Jahren nach Deutschland gekommen, waren nach eigenen Aussagen latent antisemitisch und dem Westen gegenüber mehr als kritisch eingestellt. Wie kam es zu diesem Wandel vom Westen-Hasser zum Islam-Kritiker?
Es war ein sehr langer Weg, ein mühsamer Prozess. Ich war meinem Gastland gegenüber feindlich gesinnt, was dazu führte, dass ich mich auch in meiner eigenen Haut nicht wohl fühlte. Ich projizierte innere Konflikte auf das Land, in dem ich lebte und machte es für eigene Probleme verantwortlich. So verpasste ich die Chance zu erkennen, was bei mir selbst, was bei meiner eigenen Kultur schief läuft. Irgendwann erkannte ich dieses Spiel. Dieser Identitätspoker, den ich lange gespielt habe, hat mir geschadet. Schließlich habe ich mich entschieden, ehrlicher mit mir und meiner Kultur umzugehen. So kam es zu meiner ganz persönlichen Transformation.

Auch ihr Bild vom Islam transformierte sich. Sie sind ein scharfer Kritiker des Islam geworden. Sie stellen u.a. die These auf, dass der Islam als politische und gesellschaftliche Idee, als Kultur untergehen wird. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem Geburtsfehler im Islam. Was genau ist der Geburtsfehler?
Die früheren politischen Erfolge des Islam haben dazu geführt, dass sich Religion und Staat vermischt haben. Der Prophet galt nicht nur als geistiger Anführer, sondern war gleichzeitig Feldherr und Gesetzgeber. Das ist in der Seele des Islam verankert und erschwert heutige Säkularisierungsbemühungen...

... und gleichzeitig auch Demokratisierungsbemühungen? Wie sieht es mit der Demokratiefähigkeit des Islam aus? Geraten Demokratie und Religion nicht immer dann in einen Konflikt, sobald Gott als Souverän gilt und nicht die Bevölkerung?
Ich spreche grundsätzlich jeder Religion die Demokratiefähigkeit ab. Wann immer die Religion das Sagen in der Gesellschaft hat, gibt es keine Demokratie. Der Vatikan hat sich nicht demokratisiert, sondern er wurde von der Politik entmachtet. Soweit ist der Islam noch nicht. In den meisten islamisch geprägten Gesellschaften gibt es diese Skepsis gegenüber der Religion nicht. Es ist richtig, dass alle Religionen im Grunde archaischer, patriarchischer Natur sind, aber es geht letztlich um die Frage, was die Menschen daraus machen. Zumindest in Europa erkämpften die Menschen die Trennung von Religion und Staat. Diese Trennlinie gibt es in vielen islamischen Ländern nicht. Viele Menschen sagen, die Religion sei ein Teil der Lösung in diesen Gesellschaften. Ich sage, die Religion ist ein Teil des Problems.

Sehen sie diese fehlende Skepsis gegenüber der Religion auch bei liberaleren Kräften des Islams? Haben die liberalen islamischen Kräfte den Absolutheitsanspruch abgelegt? Anders gefragt: Sind liberalere Formen des Islam fähig, demokratische Strukturen, weltliche Wahrheiten zu akzeptieren?
Die sogenannten liberaleren Strömungen haben entweder mit der Religion nichts zu tun oder sie versuchen einen Spagat, der nicht funktionieren kann. Sie betonen die demokratietaugliche Seite des Islam und verschweigen die grausame Seite, weil sie sowohl von zivilgesellschaftlicher Seite als auch vom Westen anerkannt werden wollen. Letzten Endes bedeutet liberal aber eine totale Trennung von Religion und Staat. Es bedeutet, dass die Gesetzgebung nicht von Gott, sondern von den Menschen kommt und zwar durch Verhandlung, nicht durch göttliche Botschaften. Würden diese Prinzipien von liberaler Seite anerkannt, wäre der politische Islam im Kern bereits diskreditiert.

Schaut man sich demokratische Prozesse an, bedarf es eigentlich immer einer Mittelschicht, einer Zivilgesellschaft. Wo sehen sie diese Institutionen in der islamischen Welt?
Es gibt zumindest neue Ansätze einer Mittelschicht, in Ägypten, in Tunesien, in Syrien, sogar in Pakistan gibt es diese Ansätze einer zivilen Gesellschaft. Sie braucht aber wirtschaftliche und politische Unterstützung, braucht Institutionen damit diese Strukturen gedeihen und sich zu einer fähigen Demokratie entwickeln können. Aber es gibt ein grundsätzliches Tauziehen zwischen dieser zivilen Gesellschaft und den Islamisten, die immer versuchen diese Prozesse rückgängig zu machen.

Wie sehen sie vor diesem Hintergrund die Entwicklungen im Nahen Osten, in Nordafrika. Haben wir es dort mit einem demokratischen Aufbegehren zu tun, oder wäre es falsch und kontraproduktiv, die Ereignisse gleich mit einem solchen Etikett zu versehen?
Was wir dort erleben ist eine junge Generation, die nicht einverstanden ist mit den alten Garden, mit den alten Strukturen, mit dem alten System. Sie wollen Selbstbestimmung, sie reden von Freiheit und benutzen auch den Begriff Demokratie. Nicht alle, aber die meisten von Ihnen. Wie sie sich diese Demokratie vorstellen, wird in einem nächsten Schritte zu klären sein. Es geht nicht nur darum, einen Diktator loszuwerden, sondern darum Strukturen aufzubauen, die eine Perspektive bieten können. In Ägypten und Tunesien besteht die Hoffnung, dass sich diese zivilen Gesellschaften etablieren. Ich weiß nicht, ob in Libyen oder Jemen ähnliche Prozesse zu erwarten sind. Die Strukturen sind dort andere und die Mentalitäten auch. Vermutlich wird es in Teilen der islamischen Welt zum Aufbruch kommen und in anderen Teilen zum Zusammenbruch.

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sehr geehrter hr. stein,
das ist ein sehr gutes und auch wertvolles gespräch. ich habe heute hr. abdel-samad bei klipp u. klar gesehen u. wünschte mir, er hätte mehr gesagt als er konnte. ich wollte zu ihm kontakt aufnehmen, was aber nicht funktionierte im netz. darf ich sie fragen, ob die veranstaltung am 3.04.2011 freien eintritt hat ? für ihre infos, wäre ich ihnen sehr dankbar. ihnen noch eine gute woche, mfg. hr. sibler

  • Antworten
thomas sibler29.03.2011 | 00:00 Uhr

Ich empfehle dringend den Besuch einer Synode. Da kann man etwas über Demokratie lernen

  • Antworten
Ulrich Kasparick30.03.2011 | 00:00 Uhr

Dass Demokratie als eine der schlechtesten Staatsformen gilt liegt mit in der Tatsache dass konservative Kräfte jede gesellschaftliche Veränderung zu verhindern suchen. Haben
Staaten meines Erachtens nur die Möglichkeit aus dem selben konservativen Interesse diese Kräfte gewähren zu lassen. Das stellt den Konservatismus auf die Probe, ob er den Säkularismus als Brücke für die Gesellschaft erkennt, die Ideale jeder Religion individuell zu verstehen und zu nutzen. Der Souverän steht vor der Frage für welche Herrschaft er sich entscheidet. Dies wiederum ist Grundfest der Demokratie und als Bewegung in Religion vorhanden. Möchte ich mich nicht einer Meinung anschliessen die das Aushalten von Widersprüchen als Signum unsere Zeit versteht. Dies ist nur scheinbar so, da dies gegen die Existenz von Demokratie spräche und Diktatur als beste Herrschaftsform der Religion gleichsetzt. Somit keinerlei Trennung der bekannten Machtformen ermöglicht.

Schoenes Interview, vielen Dank.

  • Antworten
Achim Boos30.03.2011 | 00:00 Uhr

SgH Timo Stein, diesen hochbegabten Autor sollten Sie für Cicero engagieren.
Eine so ehrliche Autobiografie
wie "Mein Abschied vom Himmel" habe ich noch nicht
gelesen. Hamed Abdel-Samad
übernimmt gerade in der jetzigen Zeit eine wundervolle Aufgabe als kompetenter Vermittler zwischen den Kulturen, wie aus Ihrem Interview hervorgeht.
Ausgezeichnet.

  • Antworten
G.Hummert30.03.2011 | 00:00 Uhr

Abdel-Samad scheint ein kluger Kopf zu sein - aber in diesem Punkt irrt er. "Ich spreche grundsätzlich jeder Religion die Demokratiefähigkeit ab."
Man soll eine Religion nach dem beurteilen, was der Stifter gesagt und getan hat und nicht Geschichte mit Theologie vermengen. Der christliche Glaube ist deshalb mit einer modernen Demokratie kompatibel, weil Jesus schon die Trennung von Glaube und Staat wollte: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist". Nur seine Stellvertreter auf Erden haben das zeitweise vergessen und ein Bündnis von Krone und Altar geschmiedet. Der wichtigste Satz in diesem Zusammenhang von Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt".

  • Antworten
PeterSchwempel30.03.2011 | 00:00 Uhr

So ist es, Religionen haben den Anspruch im Besitz der allein Seligmachenden Wahrheit zu sein. Sie sind daher nicht Demokratiefähig.

  • Antworten
Jürgen Großheim30.03.2011 | 00:00 Uhr

Kluger Mann!

.

Der weiss von was er redet!

.

  • Antworten
David_30.03.2011 | 00:00 Uhr

ein wohltuendes Interview, das zur Pflichtlektüre für jeden Bürger ernannt werden sollte. Vor allem der Passus mit der Demokratiefähigkeit..

  • Antworten
Rubin, Peter31.03.2011 | 00:00 Uhr

das proplem nicht in der islam oder relegion, sondern im Herr Abdel-Samad, er glaubt nicht an die reglionen. das ist dein proplem. Der Islam ist eine Religion des Lebens.

  • Antworten
amar31.03.2011 | 00:00 Uhr

Herr Abdel-Samad,

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing".

  • Antworten
Dresdener31.03.2011 | 00:00 Uhr

Herr Abdel-Samad, vielen Dank für das Gespräch.
In einer aufgeklärten Demokratie kann Religion uns Empfehlungen geben aber keine sakrosanten Befehle. Und das ist gut so.

  • Antworten
Hilmar von Wersebe31.03.2011 | 00:00 Uhr

Solange die Religionen am Inspirationsdogma festhalten verhindern die Religionen eine Demokratisierung. Somit ist die Überzeugung, in der Thora, in der Bibel, im Koran usw. irrtums- und fehlerloses und damit absolutes Wort Gottes erhalten zu haben, das grösste Hindernis für jede jede Demokratie und damit auch für einen umfassenden Weltfrieden.
gerhard.ingold@bluewin.ch

  • Antworten
Gerhard Ingold-Kaissa31.03.2011 | 00:00 Uhr

Ein bemerkenswertes Interview. In einem allerdings möchte ich widersprechen. Nach Studium des Koran bin ich zu der Auffassung gelangt, dass dieses Werk nie als nur geistliche Lebenshilfe gedacht war, sondern von vornherein als Manifest eines arabischen Imperialismus angelegt wurde, das in der Idee des Kalifats ebenso wie in panarabischen Vorstellungen seine aktuelle Fortsetzung findet. Als solches ist der Islam ebenso wie das Judentum des Tanach oder der pseudo-christliche Fundamentalismus in manchen US-Kirchen ebenso wie ein nicht politisch ausgebremster Vatikan nicht in unserem Sinne demokratiefähig.
Es sollte allerdings unterschieden werden zwischen dem Sinngehalt einer Religion und seiner machtpolitischen Fehlinterpretation. Folglich muss Abdel-Samads These, Religion sei grundsätzlich nicht demokratiefähig, nicht richtig sein.
Der Islam hat insofern nur zwei Möglichkeiten: Entweder er geht den Weg des bis in die Neuzeit machtpolitisch missbrauchten Christentums und unterwirft sich einer säkularisierenden gesellschaftlichen Aufklärung, oder er wird ein Antikörper zu den säkularisierten
Kulturen bleiben. In diesem Falle werden die bestehenden Konflikte kaum friedlich zu lösen sein, sondern irgendwann zu einer gewaltsamen Lösung streben. Für die Anhänger Muhamads, aber auch für uns, bleibt deshalb nur zu hoffen, das die Islamischen Nationen zu einer ähnlichen inneren Erneuerung fähig sind, wie dieses die christlich-jüdisch geprägten waren. Die aktuellen Revolutionen könnten ein Weg in diese Richtung - aber zwingend ist dieses nicht.

  • Antworten
Tomas Spahn02.04.2011 | 00:00 Uhr

Hamed Abdel Samad geht zu weit, wenn er den Religionen Demokratieunfähigkeit bescheinigt. Demokratieunwilligkeit der Religionen ist das zutreffender Urteil. Im Kern geht es darum, dass auch von den Religionen erwartet werden muß - und kann, dass sie die unversalen und unteilbaren Menschenrechte als normativ anerkennen. Dies ist ihnen nämlich zumutbar und auch möglich. Wo ihrer Meinung nach nicht, könnten sie ja auf eine Veränderung des Weltgesellschaftsvertrages über die MR, hinwirken.
Übrigens: auch Deutschland müßte endlich einmal die Menschenrechts-Vertragssystem und dessen Rechtsnormen als normativ nd rechtsdogmatisch verbindlich für die Auslegung des Grundgesetzes und der Einzelgesetze anerkennen; der status quo ist, dass Deutschland unter dem dünnen Firn politischer Rhetorik diese ablehnt.

  • Antworten
Heribert Süttmann05.04.2011 | 00:00 Uhr

Religionen seien also prinzipiell nicht demokratiefähig resp. in Demokratien gesellschaftlich nicht integrierbar, so Hamed Abdel-Samad. Vor dem Hintergrund seiner Biographie ist dessen generalisierende Einschätzung durchaus nachvollziehbar. Dies wird man jedoch auf Islamkonferenzen insonderheit verständlicherweise nur ungern vernehmen - und Wolfgang Schäuble nach dessen jüngst verlautbarten Ansicht, der Islam sei gesellschaftlich weitgehend integriert, d. h. "Teil unseres Landes", erst recht. Was könnte der ehemalige Innenminister - möglicherweise sekundiert von Bundespräsident Wulff - dem bei Gelegenheit entgegensetzen? Anregungen finden sich beispielsweise hier:

http://www.institutfuerglaubeundwissenschaft.de/texte/Gottesformel-1.pdf

  • Antworten
Eule07.04.2011 | 00:00 Uhr

Für die weitere Entwicklung zum Besseren wäre der Einbezug der Frauen
unumgänglich. Und da davon auszugehen ist dass in die Machtvakuume Islamisten
springen werden oder zumindest zukünftig erheblich Mitbestimmen werden, ist
nicht damit zu rechnen dass sich diese Länder weiterentwickeln bzw. Frauen je entscheidend mitreden werden. Der Islam und seine Strukturen werden das
verhindern. Auch der Nichteinbezug der Frauen wird dafür verantwortlich sein
dass das Grundproblem dieser Länder, die Überbevölkerung, nicht gelöst wird.

  • Antworten
B.KERZENMACHER11.04.2011 | 00:00 Uhr

Sie sind im Zweifel vom Himmel kann man keinen Abschied nehmen!!

Im Namen Allahs, des Allerbarmer, des Barmherzigen! Ha Mim.(1)
Bei dem deutlichen Buche!(2)Wahrlich, Wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt- wahrlich, Wir haben damit gewarnt(3); in dieser Nacht wird jegliche weise Sache entschieden()auf Grund Unseres Befehls. Wahrlich, Wir haben Gesandte geschickt()als eine Barmherzigkeit von deinem Herrn; Er ist der Allhörende, der Allwissende(), der Herr der Himmel und der Erde und all dessen, was zwischen beiden ist, wenn ihr nur Gewissheit im Glauben hättet.()Es ist kein Gott außer Ihm. Er macht lebendig und lässt sterben- Er ist euer Herr und der Herr eurer Vorväter.() Doch sie sind im Zweifel

  • Antworten
R.Muslim08.04.2012 | 02:31 Uhr

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