In der Wüste Gobi liegt das größte unerschlossene Kohlevorkommen der Welt. Neben Kupfer, Gold und Uran verfügt die Mongolei auch über reichlich Eisenerz, Wolfram, Silber und Seltene Erden. Das macht das Land zu einem Objekt der Begierde – besonders für seine rohstoffhungrigen Nachbarn Russland und China
Renchin Natsagdash blickt in ein schwarzes Loch. Staub steigt daraus empor, riesige Kipplaster schrauben sich auf breiten Rampen hinein und wieder heraus. Nur 15 Minuten brauchen sie für die Runde zwischen dem Loch und den zwei daneben angehäuften Halden, sagt Natsagdash. Auf der einen schütten die Kipper das überflüssig gewordene Erdreich aus. Auf der anderen stapeln sie den wertvollen Rohstoff: Kohle, die hier in der südmongolischen Wüstenregion Tawan Tolgoi schon ab 50 Meter Tiefe nutzbar ist. „Traditionelle Bergbauarbeiter brauchen wir hier nicht“, sagt Natsagdash. „Nur Fahrer.“ Solche, die auch Ungetüme mit einem Reifendurchmesser von 3,50 Metern steuern können.
Natsagdash ist der Manager der Grube, ein erfahrener Bergbauingenieur, seit 30 Jahren im Geschäft mit dem schwarzen Gold. Aber das hier ist auch für ihn etwas Neues. Etwas Großes. Unter Tawan Tolgoi liegt das größte unerschlossene Kokskohlevorkommen der Welt. Natsagdashs Firma, der mongolische Staatskonzern Erdenes Tawan Tolgoi, hält Lizenzen für 95 Prozent der hier lagernden Kohle – und beginnt gerade erst, diese Vorräte auszubeuten. „Allein an diesem Loch können wir 50 Jahre graben“, sagt Natsagdash. 72 Meter ist es jetzt tief, 300 Meter tief soll es einmal werden und deutlich breiter. Und dann zeigt der Ingenieur auf die steinige Ebene hinter einem dünnen Zaun. „Auch dort liegt überall Kohle. Das werden wir schrittweise alles aufgraben, auf einer Fläche von 20 mal 30 Kilometern.“ Die gesamte Kohle gehe über die 250 Kilometer entfernte Grenze nach China. Um den Rohstoffhunger des südlichen Nachbarn zu stillen, werden Minenlaster und Bagger hier in den nächsten Jahren riesige Löcher in den Wüstenboden der Gobi reißen.
Tawan Tolgoi und die benachbarte Kupfermine Oyu Tolgoi haben die Mongolei zu einer Nation von geostrategischer Bedeutung werden lassen. Ein Land, das zwar riesig, aber fast menschenleer ist. Weniger als drei Millionen Menschen leben dort, davon rund 700 000 als Nomaden. Oyu Tolgoi im Südosten der Mongolei gehört zu den fünf größten Kupfervorkommen der Welt. Dort finden erste Erdarbeiten statt, ab 2013 soll Kupfer abgebaut werden. Und bald auch Gold.
Seit der Entdeckung dieser Riesenvorkommen wird die Mongolei zu den sieben rohstoffreichsten Ländern der Welt gezählt. Neben Kohle, Kupfer und Gold liegen auch Uran, Eisenerz, Molybdän, Wolfram, Silber, Türkis und Seltene Erden unter der Wüste Gobi. Auf diese Bodenschätze werfen ausländische Regierungen und Unternehmen begehrliche Blicke. Im Oktober 2011 reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel eigens nach Ulan Bator und unterschrieb dort eine Rohstoffpartnerschaft mit der Mongolei, die bereits deutschen Unternehmen nützt: BBM Operta bekam gemeinsam mit dem australischen Konzern Macmahon von Erdenes Tawan Tolgoi den Zuschlag für die Erdarbeiten. Siemens wird Gasturbinen für ein späteres Kraftwerk an der Mine liefern.
Durch den Rohstoffboom stehen der Mongolei enorme Umwälzungen bevor. Getrieben vom hohen Tempo des Minenbaus muss die Regierung schnell definieren, was für ein Land die Mongolei sein soll – welche Rechte sie etwa Investoren, Arbeitern oder dem Naturschutz einräumen will. Die nötige Gesetzgebung hinkt den Entwicklungen im Rohstoffsektor hinterher.
Für das Land spricht, dass es eine der wenigen Demokratien Zentralasiens ist. Doch die ist nicht perfekt: Zwei Parteien beharken einander bis aufs Blut – die Demokraten von Präsident Tsakhia Elbegdorj und die postkommunistische Volkspartei seines Vorgängers Nambaryn Enkhbayar. Letzterer steht zurzeit unter Korruptionsverdacht. Und er ist nicht der Einzige: Auf dem Korruptionsindex der Organisation Transparency International belegt die Mongolei unter 182 Staaten den wenig ruhmreichen Rang 120; bei Wahlen ist häufig von Betrug die Rede.
Daher ist noch völlig unklar, wie gut das Land die aus dem Rohstoffboom entstehenden Herausforderungen in den Griff bekommen wird. Ob es etwa das Gespenst einer Rohstoffökonomie besiegen kann, da diese Form der Wirtschaft einseitig von Ressourcen abhängt und zu wenig in andere Branchen investiert. Zudem treibt das aus den Rohstoffexporten ins Land fließende Kapital leicht Inflation und Wechselkurs nach oben. Profitiert die Bevölkerung nicht vom Rohstoffboom, drohen Konflikte zwischen Arm und Reich – in einem Land, in dem nach Angaben der Weltbank noch ein Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Und die Regierung muss die richtige Balance zwischen Bergbau und Naturschutz finden.











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