Ungarns rechtsextreme Politiker hetzen gegen „Zigeuner“, Ungebildete und Juden. Die Regierung nimmt sich dieser Rhetorik an, um den Aufstrebenden Einhalt zu gebieten. Der Preis ist gering: Die EU hat andere Probleme und die eigene Jugend glaubt den einfachen Parolen.
Das Baby weint. Der junge Vater steht am Fenster und wiegt es sanft im Arm. Das Kindermädchen hat abgesagt, deshalb ist das Töchterchen nun beim Interview dabei. Die junge Mutter schaut kurz lächelnd zu ihrem Mann und ihrem Kind, dann antwortet sie wieder konzentriert auf die Fragen.
Im Gespräch geht es um die bürgerliche Demokratie, ein System, von dem die Mutter und ihr Mann sagen, es sei „gescheitert". Es geht um die „Vorteile autoritärer Regime", um das „Opfer-Business der Juden", um „Zigeunerkriminalität" und die „überproportionale Vermehrung" der Roma. Die junge Mutter sagt, dass „Zigeunerkinder in Erziehungsheime” kommen müssten, und sie plädiert dafür, Ungebildeten das Wahlrecht zu entziehen. Der Vater spricht über einen angeblichen jüdischen Ritualmord im Jahre 1882 und den „Ausverkauf Ungarns an israelische Investoren". Zwischendurch weint das Baby. Die jungen Eltern trösten es zärtlich.
Besuch bei Elöd Novák und Dóra Dúró im ungarischen Parlament. Novák, 32, ist stellvertretender Vorsitzender der rechtsextremen Partei Jobbik, die 25-jährige Dúró Sprecherin der Partei. Die beiden Abgeordneten sind Aushängeschilder des Rechtsextremismus in Ungarn, und das Gespräch mit ihnen ist ein Lehrstück in Jobbik-Ideologie. Sie ist nicht einfach nur antiziganistisch, antisemitisch und antieuropäisch. Mitunter bekennt sich die Partei offen zum nationalsozialistischen Rassenwahn, so wie Ende November vergangenen Jahres, als der stellvertretende Jobbik-Fraktionsvorsitzende Márton Gyöngyösi im Parlament forderte, die „in Ungarn lebenden Juden in Listen zu erfassen" und zu prüfen, „welche Juden ein Sicherheitsrisiko darstellen".
In der Regel treten Jobbik-Anführer bei ihrem Rückgriff auf den Nationalsozialismus nicht auf wie dümmliche Ewiggestrige. Im Gegenteil: Noch nie war Rechtsextremismus in Europa so modern, so smart und so mittelklassekompatibel wie in Ungarn. Auch dafür sind Elöd Novák und Dóra Dúró ein Paradebeispiel.
In der Öffentlichkeit inszenieren sich die beiden als Traumpaar der ungarischen Rechtsextremen. Sie sind gebildet, erfolgreich und nutzen begeistert die sozialen Netzwerke im Internet. Bilder und Videos auf Partei-Webseiten zeigen sie mal Rücken an Rücken sitzend, im Schoß jeder einen Laptop, mal in Designer-Volkstrachten, mal als glückliche Eltern, die sich umwelt-, ernährungs- und bildungsbewusst geben und sich gleichberechtigt um ihr Kind kümmern.
„Die Jobbik-Leute sind keine Verlierer und verbitterten Proletarier“, sagt der ungarisch-jüdische Schriftsteller György Dalos, „sie gehören zur jungen Mittelschicht.“ Studien belegen das: Jobbik hat nach einer Erhebung des Budapester Tárki-Instituts die meisten Wähler in der Gruppe der unter 35-Jährigen, die Mehrheit von ihnen ist gebildet und materiell relativ gut abgesichert.
Ihren politischen Durchbruch erlebte die 2003 gegründete „Bewegung für ein besseres und rechteres Ungarn“, wie Jobbiks vollständiger Name lautet, bei den Europawahlen im Juni 2009, als 15 Prozent der ungarischen Wähler für die Partei stimmten. Im Jahr darauf, bei den Parlamentswahlen vom April 2010, waren es bereits 17 Prozent. Jobbik etablierte sich damit als drittstärkste politische Kraft in Ungarn – nur knapp hinter den wendekommunistischen Sozialisten.
Vom friedlichen Musterreformland zu einer Hochburg des Rechtsextremismus in Europa – es ist ein weiter Weg, den Ungarn in den vergangenen zwei Jahrzehnten zurückgelegt hat. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht nahezu aller ungarischen Experten in erster Linie die unbewältigten Probleme des Transformationsprozesses und das Versagen der politischen Elite bei der Modernisierung des Landes.
Seite 2: Die Spaltung der Gesellschaft macht Ungarn anfällig für rechte Polemik











7 Kommentare