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Weltbühne

Tourismus und MenschenrechteDas schlechte Gewissen im Gepäck

Interview mit Heinz Fuchs24. Mai 2012
picture alliance
Kinderarbeit,Menschenrechte,Umweltverschmutzung,Ressourcen,Tourismus
Kinderarbeit
Schrift:

Reisen auf Kosten von Mensch und Natur? Cicero Online sprach mit Tourism-Watch-Leiter Heinz Fuchs über die menschenrechtliche Sorgfaltsfplicht touristischer Unternehmen, Nachhaltigkeitsstrategien und den Boykott der Fußball-EM

Seite 1 von 3

Herr Fuchs, wohin ging Ihre letzte Reise?
In den Bayrischen Wald.

Hier hatten Sie wohl kaum mit der Menschenrechtsfrage zu tun…
Nun ja, der Bayrische Wald ist nicht weit entfernt von der deutsch-tschechischen Grenze, wo Kinderhandel oder auch Prostitution mit Minderjährigen nach wie vor ein Problem sind. Es gibt wohl kaum ein Reisegebiet, in welchem man sich vollkommen frei von der Menschenrechtsfrage bewegt.

Müssen wir also unsere Wahrnehmung schulen?
Man muss zumindest offen sein gegenüber dieser Dimension des Reisens und sich mit den Regionen, in die man reist, genau beschäftigen. Es sind nicht immer nur Menschenrechtsfragen im engeren Sinne: Manche Menschen boykottieren ein Land, weil es in den Walfang verstrickt ist.

Halten Sie touristischen Boykott denn für sinnvoll?
Nur dann, wenn die Boykottaufrufe aus dem Land selbst kommen, von der Opposition, der Exilregierung oder starken gesellschaftlichen Kräften wie es in Myanmar oder Südafrika der Fall war, die damit eine politische Strategie zur Veränderung verfolgten. Es ist nicht unser Anliegen, zum Boykott aufzurufen. Ich halte es  grundsätzlich für sinnvoll, dass Urlauber mit den Menschen vor Ort in Kontakt treten, den Dialog suchen und so vielleicht zu einer politischen Veränderung beitragen.

Bildergalerie: Vergessene Kinder – Wenn Tourismus zum Täter wird

Vor Kurzem geriet die ukrainische Regierung massiv in Kritik aufgrund der Inhaftierung Timoschenkos und der menschenunwürdigen Behandlung, zu der es im Gefängnis gekommen sein soll. Joachim Gauck sagte daraufhin seinen Besuch in der Ukraine ab und es gab den Aufruf zum Boykott der Fußball-Europameisterschaft. Nun hat sich die Ex-Regierungschefin selbst zu Wort gemeldet: Sie hält den EM-Boykott für eine schlechte Idee.
Wir sollten nicht in eine Debatte verfallen, in der wir einzelne Reisende mit solchen Entscheidungen überfordern. Hingegen müssen Reiseveranstalter, Unternehmen und im konkreten Fall insbesondere die UEFA in die Pflicht genommen werden. Man spricht hier auch bei touristischen Unternehmen von due diligence, von der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht, wenn es um die Entwicklung und Vermarktung von Reiseprodukten geht. Ähnlich der Verbraucherinformation sollten Reiseveranstalter nicht nur über die Produktqualität, sondern auch über Hintergründe informieren. So prüft beispielsweise Stiftung Warentest mittlerweile Regenjacken nicht mehr nur auf ihre Wasserundurchlässigkeit, sondern auch auf die Produktionsbedingungen in den Fertigungsanlagen in Asien.

Eine Woche Kluburlaub in Tunesien für 199 Euro inklusive Flug kann nicht kostendeckend sein. Hier müssten doch eigentlich beim Anbieter als auch beim Reisenden die Alarmglocken schellen!?
Bei solchen Angeboten sollten alle auf den ersten Blick merken, dass hier keine angemessene Kostenerstattung erfolgt, geschweige denn entsprechende Löhne  bezahlt oder Gewinne erwirtschaftet werden, um Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Wie jedes Schnäppchen auf dem Ramschtisch führen solche Dumpingreisen zu ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, die keine soziale Sicherheit garantieren und auf Niedringstlohn-Niveau rangieren. Auch Umweltschutzmaßnahmen oder die Wasserfrage dürften hier – wenn überhaupt – nur unzureichend geklärt sein.

Seite 2: Von Menschenrecht und Menschenwürde

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