Wer die griechische Misere verstehen will, mache sich auf die Suche nach dem Katasteramt. Diese Odyssee sagt mehr über das Land als alle Troika-Berichte
Vangelis Samaras, 75, stämmig, Hände wie Schaufeln, sitzt unter dem Feigenbaum und schaut zu, wie Mais und Bohnen auf seiner Parzelle wachsen. Die Bewässerungsanlage zischt, alles sprießt auf dem Acker unweit seines Hauses in Krieza, einem 500-Seelen- Dorf auf der Insel Euböa. Acker hat Samaras viel. Land, auf dem er Gemüse anbaut, auf dem Olivenbäume und Wein wachsen, Land, das wie Saatkorn verstreut auf Hügeln, in Tälern, am Meer und auf einem Berg liegt, wo er, Vangelis Samaras, Ex-Bauunternehmer und heute Rentner, Gott zu Ehren eine Kapelle erbauen ließ. Es ist Land, das er geerbt und im Laufe der Zeit hinzugekauft hat. Insgesamt fünf Hektar, vielleicht auch mehr, so genau weiß das Vangelis Samaras nicht.
Auch in Athen hat er Grund und Boden. Es ist ein Grundstück im Stadtviertel Egaleo, 400 Quadratmeter groß. „Ich fuhr nach Egaleo, um darauf ein Haus zu bauen und kam aus dem Staunen nicht heraus“, erzählt er. Auf seinem Grundstück, das jahrelang brachlag, hatte ein Nachbar einen Zaun gezogen, zehn Meter lang, zwei Meter breit, weil er Platz für seine Hühner brauchte. Nun beanspruchte der Nachbar den Streifen für sich. Streit brach aus. Die Polizei wurde gerufen. „Zum Glück ersannen die Beamten eine findige Lösung“, sagt Vangelis Samaras. Sie schlugen ihm heimlich vor, ihn und den Nachbarn anderntags zu verhaften, sodass die Bauarbeiter in Ruhe den Hühnerzaun niederreißen und das Fundament für das Haus legen können. Das war 1966. Geändert hat sich seither wenig.
[gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus zwei Jahren Eurokrise]
Ein Heer von Rechtsanwälten, Notaren und Richtern beschäftigt sich mit Streitigkeiten um Grund und Boden. Das Dickicht aus Besitztitel, Erwerb von Immobilien, Bau- und Immobilienrecht ist so verworren wie die griechische Mythologie. Hinzu kommt die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Kirche. Vor einigen Jahren besuchten zwei Mönche aus dem Kloster Vatopedi die Chefetage des Finanzministeriums. Sie wollten einen angeblich vor tausend Jahren von byzantinischen Kaisern vermachten, heute wertlosen See gegen teure staatliche Grundstücke in Athen tauschen (Cicero 12/2011). Trotz erheblicher Zweifel an der Urkunde klappte der Deal. Die Mönche gründeten einen Immobilienfonds. Aus dem Nichts sackten sie zig Millionen Euro ein, während der Staat das Nachsehen hatte.
Nahezu jeder Grieche besitzt ein Grundstück, ein Haus, eine Wohnung. Ein Eigenheim ist so selbstverständlich wie die Taufe. Doch Griechenland ist der einzige Staat innerhalb der EU, in dem es nach wie vor kein flächendeckendes Kataster gibt, also eine Liegenschaftskarte sämtlicher Immobilien und Flurstücke eines Landes. Größe, Lage, Nutzung, Art, Eigentümer, alles ist bis ins letzte Detail erfasst und kartografiert. Es ist die Bemessungsgrundlage der Grundsteuer. Es ist die Voraussetzung einer urbanen und ruralen Entwicklung eines Staates. Es dient der Nutzung und dem Schutz von Wald, Seen, Flüssen. Es bewahrt vor Willkür und Korruption. Ohne ein Kataster investieren keine Unternehmen. Ohne ein Kataster fließen keine Agrarsubventionen. Es ist die Bedingung für eine funktionierende Marktwirtschaft. Gut 20 Prozent des Bruttosozialprodukts hängen unmittelbar mit Grund und Boden zusammen.
Seit 1830, seit der Anerkennung seiner Souveränität, hat Griechenland keinen Überblick darüber, was sein ist. Größe und Wert seines Staatseigentums verlieren sich im Ungefähren. Es kennt nicht seinen Grund und Boden, nicht seine Küste, Berge, Seen, nicht seine Gebäude und auch nicht seinen Wald, obgleich die Verfassung ein Waldkataster vorschreibt. Es weiß nicht, wo sein Eigentum beginnt und wo es endet. Immer wieder wurde versucht, das Land zu kartografieren. Man vermaß Ländereien, Weinfelder, ein paar Waldgebiete. Aber immer wieder stockte die Arbeit und blieb liegen. Einzig auf den Dodekanes gibt es ein Kataster. Die Inseln waren in italienischer Hand. Die Geschichte des griechischen Katasterwesens ist die Geschichte eines Staates, der geformt wurde von Abertausenden Einzelinteressen, die sich wie Bäche zu einem Mahlstrom vereinten und alles mit sich rissen, was auf dem Weg lag.
Seite 2: Auf eine Million wird die Zahl der Schwarzbauten geschätzt











3 Kommentare