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Salon

Monika MaronDurchlässig für das Unmögliche

Von Monika Maron20. August 2012
Jürgen Bauer
Monika Maron
Monika Maron wurde 1941 in Berlin geboren. Ihr erster Roman «Flugasche» erschien 1981. Für ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet, ihr vorerst letzter Roman war «Ach Glück»
Schrift:

Eine alte Schuld, eine optische Irritation und ein Park voller Toter und Lebender. Schriftstellerin Monika Maron verrät uns, woran sie gerade schreibt

 

Eigentlich sollte ich über den Inhalt eines Buches, dessen Aus-, ja, nicht einmal Fortgang ich noch gar nicht kenne, besser nicht sprechen, geschweige denn schreiben. Aber gut, es ist bisher so: Ruth, eine Frau jenseits der Jugend, will zu einer Beerdigung fahren. Die Tote ist Olga, deren Schwiegertochter sie einmal für kurze Zeit war, später jahrzehntelang ihre Freundin. Ruth erwacht schon beladen mit einem schlechten Traum, an den sie sich aber nicht erinnert.

Die bevorstehende Begegnung mit Olgas Sohn, dem Vater ihrer Tochter, bereitet ihr Unbehagen. Eine alte Schuld belastet sie. Mit der letzten Tasse Kaffee geht sie auf den Balkon, sieht den Wolken zu, ein einziger kleiner Wolkenfetzen fliegt plötzlich rückwärts. Eine optische Täuschung oder ein unbekanntes Strömungsphänomen, denkt Ruth. Sie sieht so lange in das gleißende Licht, bis die Welt vor ihren Augen flirrt wie ein impressionistisches Gemälde.

Die optische Irritation bleibt, Ruth gewöhnt sich daran, findet es sogar reizvoll, macht sich trotzdem mit dem Auto auf den Weg zum Friedhof am östlichen Stadtrand. Die Stadt erscheint ihr verändert, schöner. Unterwegs streitet sie mit Stefan, der Stimme ihres Navigators, sie verfährt sich, findet den Friedhof nicht und landet stattdessen in einem Park, in dem ihr Tote und Lebende erscheinen und die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmilzt. Ein Selbstgespräch in Szenen und Bildern.

Sie begegnet dem Ehepaar Honecker, das einsam durch den Park irrt und Obdach sucht, sie trifft auf ihren Mörder, der sie nur nicht ermordet hat, weil sie an diesem Tag zu spät oder zu früh nach Hause kam und er sie darum verfehlt hat. Eine andere Frau musste statt ihrer sterben. Ein Hund schließt sich ihr an. Und immer ist die tote Olga an ihrer Seite.

Es wird weniger konfus, als es jetzt wahrscheinlich klingt. Es geht um die Verhältnisse, in die hinein wir geboren werden und denen wir nicht entkommen können, um Entscheidungen, die wir in der Jugend treffen und vor deren Brutalität uns im Alter graust, obwohl wir dankbar sind, dass wir sie getroffen haben. Es geht um verschiedene Frauengenerationen, die einander bewundern und auch beneiden, weil der Preis für das eigene Leben jeweils der Verzicht auf ein anderes Lebensideal war.

Am Abend wird Ruth die Welt wahrscheinlich wieder so fest und klar erscheinen wie immer, für diesen einen Nachmittag aber ist sie durchlässig für das Unmögliche, Irrationale, das Dunkles erhellt und Gewohntes ins Absurde verkehrt.

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