Kinder werden in Deutschland immer noch nach den gleichen Methoden unterrichtet wie vor 50 Jahren. Unsere Schulen zerstören die angeborene Neugier. Eine Revolution muss her, auf die Barrikaden!
Kinder, die heute eingeschult werden, gehen im Jahr 2070 in Rente. Welche Bildung werden sie für ihr Leben brauchen? Was müssen sie wissen, und was müssen sie können? Welche Herausforderungen werden sie in ihrem Zusammenleben meistern müssen und welche in ihrem Berufsleben?
So naheliegend es ist, sich diese Fragen zu stellen, und so wichtig es ist, sie zu beantworten, so wenig beschäftigen sich unsere Schulen, unsere Lehrer und unsere Bildungspolitiker damit. Kinder lernen heute nahezu das Gleiche in der Schule wie die Generation ihrer Eltern und Großeltern. Die alten Sprachen sind etwas unwichtiger geworden, die Fremdsprachen wichtiger, der Biologie-Unterricht enthält heute mehr und anderen Stoff – aber das sind auch schon die wichtigsten Unterschiede. Selbst die Schullektüre gleicht fast durchgehend der von vor 40 Jahren: Goethes „Werther“, Max Frischs „Homo faber“, Friedrich Dürrenmatts „Physiker“. Aber behandeln diese Bücher wirklich die Probleme, die Sorgen, die Ängste, Träume und Sehnsüchte unserer Kinder?
Die „Bildungshochstapler“, wie der Psychologe Thomas Städtler sie nennt, packen im Zweifelsfall immer mehr Stoff in die Lehrpläne, ohne dabei den alten Stoff auszumisten. Die Folge ist das, was der Bildungsexperte Reinhard Kahl als „Bulimie-Lernen“ bezeichnet: schnell füttern, schnell wieder in Klausuren von sich geben und danach schnell vergessen. Mehr als 100 000 Stunden geht ein deutsches Kind bis zum Abitur zur Schule – aber bis dahin hat es bereits den überwiegenden Teil des Gelernten vergessen. Noch verheerender sieht die Bilanz einige Jahre später aus. Welcher Erwachsene kann heute noch den Stoff, den er mit 13 gelernt hat? Wovon handelt das ohmsche Gesetz? Was ist der Inhalt der „Goldenen Bulle“? Wer kann als Erwachsener noch den „Höhensatz“ in der Geometrie anwenden?
In der O
ktoberausgabe
berichtet Cicero, warum Steinbrück Angela Merkel herausfordern soll
und welche Chancen er hat. Cicero-Chefredakteur Christoph
Schwennicke zeichnet in seiner Titelgeschichte nach, wie die
K-Frage für Peer Steinbrück selbst von einer ungeheuerlichen Idee
zur Tatsache wurde und welches Kalkül des Parteichefs Sigmar
Gabriel hinter der Entscheidung steckt. Das Magazin ist im
Online
Shop oder am Kiosk erhältlich.
Gewiss, all dies ist wichtiger Bildungsstoff. Doch so wie er an unseren Schulen gelehrt und gelernt wird, bleibt im Regelfall kaum etwas davon hängen. Denn, wie bereits Konfuzius wusste: „Das, was man erklärt bekommt, vergisst man. Das, was einem vorgemacht wurde, daran erinnert man sich. Nur das aber, was man selber gemacht hat, kann man.“ Selber machen, das heißt bezogen auf den Schulstoff, mit Neugier und Begeisterung ausführen, nicht aber aus Pflicht repetieren.
Welchen Sinn macht es, 100 000 Stunden zu lernen, wenn so wenig davon in Erinnerung bleibt? Welche ungeheure Verschwendung von Zeit und Energie liegt hier vor? Wie viel angeborene Neugier wird dabei von der Schule zerstört? Wären unsere Schulen Unternehmen, sie wären längst pleite. Sie sind viel zu ineffizient. Wären unsere Schulen Staaten, wären sie längst implodiert. Gescheitert am Widerstand ihrer Bürger.
Die Anforderungen der zukünftigen Lebens- und Arbeitswelt verlangen nach kreativen Problemlösern und nicht nach Köpfen, die wie Aktenordner mit totem Wissen angefüllt sind. Doch statt Kinder als individuelle Rennpferde zu behandeln, schulen wir sie zu geduldigen Postpferden, wie der Mathematiker und Managementberater Gunter Dueck anmahnt. Unsere Schulen bereiten nicht nur schlecht auf das Leben vor, sie zerstören sogar gezielt jene Potenziale an Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Kreativität, die später für ein erfülltes Leben gebraucht werden.
Seite 2: „Leben ist mehr als die Vorbereitung auf ein Examen“












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