Streit um Cicero-Kolumnistin

Geradewegs unter jede Gürtellinie

Cicero-Kolumnistin Amelie Fried war für einen Text über das Verhältnis von Flüchtlingen und Aufnahmegesellschaft scharf von zwei „Welt“-Journalisten kritisiert worden. Christoph Schwennicke mahnt mehr gute Sitten im Umgang unter Kollegen an

Amelie Fried hat sich auch selbst in der „Welt“ zu den Vorwürfen geäußert.
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Es ist höchste Zeit für einen neuen kategorischen Imperativ, einen kategorischen Imperativ des Kommunikationsverhaltens im Zeitalter der schnellen Schriftlichkeit. Dieser Imperativ orientiert sich in Geist und Ton am alten Königsberger und geht ungefähr so: Schreibe in Mails, Foren, sozialen Netzwerken oder Online-Plattformen nur so, wie du es der betreffenden Person auch ins Gesicht sagen würdest! Denn es hat sich dort eine Form von Unflätigkeit und Verrohung breitgemacht, die unselige Auswirkungen hat.

Leider auch auf den Ton und die Sitten im Journalismus und den Umgang von Kollegen untereinander. Es geht zu wie beim Kickboxen. Und die Anwürfe richten sich nicht mehr auf die Sache selbst, sondern sind ad hominem, mit der Absicht der persönlichen Abwertung, wie Arthur Schopenhauer in der „Kunst, Recht zu behalten“ schreibt. Es geht also geradewegs unter jede Gürtellinie. Ganz persönlich hatte ich in diesen rauen Zeiten zuletzt das Missvergnügen, von zwei Kollegen, die ich persönlich kenne, in der Flüchtlingsthematik einmal als angstzerfressener alter weißer Mann schubladisiert zu werden, das nächste Mal in recht illustrer Gesellschaft zu jenen Männern gerechnet zu werden, die gegenüber Angela Merkel einen Ödipuskomplex mit sich herumtragen.

Broder stellt Frieds Kolumne in den Kontext der Köln-Vorfälle
 

Nicht eben das, was der kategorische Imperativ oben anmahnt. Aber geschenkt. Staunen. Kopfschütteln. Weitermachen.

Jetzt geht es aber um den Fall einer Kolumnistin von Cicero, den man nicht unkommentiert stehen lassen kann. Amelie Fried hat in der Dezemberausgabe des Cicero in ihrer regelmäßigen Kolumne „Frau Fried fragt sich....“ über eine Gitarre geschrieben, die ihr bei einem Weihnachtsfest offenbar von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen geklaut worden war. Sie hat sich erst über diesen Diebstahl geärgert, dann hat er sie etwas gelehrt. Und sie hat sich Gedanken über die Motive für diesen Diebstahl gemacht, ohne die Tat selbst zu rechtfertigen.

Daraufhin nahm sich Henryk M. Broder Amelie Fried zur Brust und setzte ihre milde und verständnisvolle Sicht auf die Flüchtlinge in harscher und hämischer Weise in den Kontext der Vorgänge von Köln. Zitaten aus diesem Text möchte ich hier keinen Raum geben. Man kann ihn nachlesen, um sich ein Bild zu machen.

Amelie Fried rechtfertigt sich in der „Welt“
 

Niemand will dem notorischen Provokateur Broder dessen Recht zur Zuspitzung nehmen. Es ist sein Markenzeichen. Und man liest ihn deshalb. Erlaubt sei aber doch der Hinweis, dass es bei der Autorin in vielerlei Hinsicht verstiegen ist, sie in einen Kontext mit „Judenhassern“ zu stellen. Vor allem aber ist es schlicht schlampig oder vorsätzlich ignorant, ihre Kolumne von der geklauten Gitarre als Text zu Köln hinzustellen. Die Januar-Ausgabe des Cicero erschien am 17. Dezember. Die Vorgänge von Köln trugen sich in der Silvesternacht zu. Deshalb ist es keine Frage von Interpretation. Sondern eine Tatsache: Amelie Frieds Text KANN nicht im Eindruck von Köln geschrieben worden sein. 

Amelie Fried durfte in der „Welt“ schließlich eine Erwiderung an Henryk M. Broder schreiben und klarstellen, dass sie die Kölner Exzesse nie beschönigt habe.

Andere Standpunkte muss man aushalten
 

Was dann allerdings wiederum vom Kollegen Alan Posener noch einmal niederkartätscht wurde. Und wieder wurde ihre Gitarre wahrheitswidrig in den Kölner Kontext gestellt.

Amelie Fried hat in der Flüchtlingsfrage einen anderen Standpunkt als ich. Dennoch lege ich großen Wert darauf, dass sie ihre Meinung in ihrer Kolumne vertritt. Das verstehe ich unter einer respektvollen Debatte. Was die beiden grundsätzlich geschätzten Kollegen gemacht haben, verstehe ich ausdrücklich nicht darunter und verwahre mich zugunsten unserer Autorin dagegen.

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