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Salon

Medien in der KriseSechs Gebote für besseren Journalismus

Von Alexander Kissler21. August 2012
picture alliance
Kissler, Medien, Schirrmacher, Steinfeld, Cicero-Empfehlung
Mit ethischen Regeln gegen die Medienkrise
Schrift:

Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im August:

Den Medien geht es schlecht. In der Tagesschau wird mehr kommentiert, denn informiert. Das Ego von Chef-Feuilletonisten wächst in unermessliche Höhen und das Privatfernsehen hat längst jede Skrupel verloren. Höchste Zeit für einen medialen New Deal

Seite 1 von 3

Die Medien stecken in einer Identitätskrise. Das hat nicht nur, aber vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Auflagenzahlen der allermeisten Zeitungen und Zeitschriften befinden sich im kontinuierlichen Sinkflug. Als Gegenmittel greifen selbst Qualitätsmedien zum Holzhammer, entdecken die Lust am Krawall. Die „Süddeutsche Zeitung“ keilte jüngst trotz dünner Faktenbasis gegen Günter Wallraff. Zuvor hatte ihr eigener Star-Autor Heribert Prantl eine Szene mit dem angeblichen Salatdressingliebhaber Andreas Voßkuhle so trickreich imaginiert, dass der falsche Eindruck entstand, Prantl selbst sei in die Küche des Verfassungsgerichtspräsidenten geladen gewesen. War er aber nicht. Voßkuhle ließ öffentlich dementieren. Nun hat SZ-Feuilleton-Chef Thomas Steinfeld unter falschem Namen einen Roman geschrieben („Der Sturm“), in dem ein Journalist bestialisch zu Tode kommt. Das Opfer weist große Ähnlichkeiten auf mit Steinfelds Ex-FAZ-Vorgesetztem Frank Schirrmacher. Zudem wurde das Buch mit offenbar falschen Lobhudeleien der Schriftsteller Orhan Pamuk und Hakan Nesser beworben. Was läuft da schief?

Im Fernsehen kriseln derzeit die Einschaltquoten sonst zuverlässiger Erfolgsgaranten. Die „Topmodels“ und „Superstars“ haben ihre beste Zeit hinter sich. Umso hektischer werden neue Formate ausprobiert („Unsere Platte“, „We love Lloret“, „Familien in Geldnot“), die desto derber, desto greller daherkommen und den Zynismus zur Geschäftsgrundlage erhoben haben. Dass sie dabei in Grenzbereiche der Menschenwürde geraten, nehmen die Macher billigend in Kauf. Zeit für eine Besinnung. Zeit für sechs medienethische Gebote.

1. Legt den Werkzeugkasten weg!

Die Menschenwürde ist laut Immanuel Kant „über allen Preis erhaben“. Sie ist kein Tauschobjekt zu anderen Zwecken. Deshalb muss der Mensch „jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden“, ist er nie nur Mittel. In den Medien aber werden Menschen oft verzweckt und instrumentalisiert. Gerade dort, wo es „menschelt“, schwindet die Menschenwürde. Dann werden aus Menschen Objekte zur Herstellung von Emotionen, „greift“ man Momente der Rührung „ab“, führt stressige, gefährliche, rührende Situationen herbei, um den Zuschauer zu fesseln und vom Umschalten abzuhalten. Der abgefilmte Mensch dient als reines Werkzeug zur Quotenmaximierung. Das Interesse am lebenden Gegenüber erlischt sofort, wenn die Kamera ausgeschaltet ist. Viele Menschen werden in den audiovisuellen Medien zum bloßen Augenfutter, zur Gefühlsattrappe oder gar zum derb vorgeführten „Ekelpaket“. Eine solche Verzweckung kann sowohl in den unsäglichen Reality-Formaten geschehen als auch bei den so beliebten „Straßenumfragen“, wenn Passanten mit ernsten oder albernen Fragen überrumpelt werden. Ein derart instrumentelles Verhältnis zur Wirklichkeit bereitet den Boden für die Verletzung der Menschenwürde. Die Medien laufen Gefahr, sich als Zampanos zur Beugung der Realität misszuverstehen.

Auf der folgenden Seite: Gebote 2 und 3 weniger Meinung, weniger Ego 

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Sehr richtig!

Ein sehr guter und wichtiger Artikel zur richtigen Zeit! Es gibt auch andere Versuche, neue Gebote für sozial verantwortlichen Journalismus zu zu postulieren: Mir fällt dazu das Buch "Medienethik in der Praxis" von Peter F. Jedlicka ein.

O. Treichl

  • Antworten
Oliver Treichl21.08.2012 | 11:45 Uhr

wenn Informationen fehlen ...

es fehlt ein wesentlicher Kritikpunkt. In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass bei fehlenden Informationen (die Runde tagt noch - bisher ohne verlautbarte Ergebnisse)der nächste Journalist um seine Einschätzung gebeten wird. Uns das wird uns dann als Information präsentiert.

  • Antworten
Willy Ehrlich21.08.2012 | 13:11 Uhr

Aufmerksamkeitsökonomie

Ja, eigentlich sollte der Journalist ein externer Beobachter sein, der stellvertretend für andere beobachtet (Ereignisse) und beschreibt-natürlich auch arbeitsteilig. Das hat zunächst einmal nichts mit Literatur oder Kunst zu tun. Eigentlich ist der Journalismus sogar eindeutiger und dokumentarischer, doch auch ereignisbezogene Medienaussagen werden nicht mehr nüchtern zurückhaltend manifestiert, sondern alltagsmäßig inszeniert. Beim Kampf um die Köpfe werden inzwischen alle ästhetischen Mittel und Formen eingesetzt. Sie reichen von der Macht der schnell geschnittenen Bilder, bis hin zu unerträglichen marktschreierischen gehobenen Stimmlagen, die auf eine Emotionalisierung und Empörung des Publikums abzielen, bis hin zu Märchenstundentonlagen in Nachrichtensendungen. In den audiovisuellen Medien scheinen die dafür Verantwortlichen ein falsches Bild vom Rezipienten zu haben und merken nicht einmal mehr, wie geschmacklos und lächerlich inzwischen diese Darstellungsformen wirken. Geht es um soziale „Unterschichten“, so werden diese inzwischen menschenverachtend inszeniert vorgeführt. Auf der anderen Seite existieren bei den sogenannten öffentlich-rechtlichen Programmgestaltern die engsten Beziehungen zu anderen Machteliten der Gesellschaft (politisch besetzte Intendantenstellen). Die Medien bilden nicht mehr ab, sondern sie konstruieren. Papa, wenn im Wald ein Baum umgefallen ist und die Medien waren nicht dabei, um darüber zu berichten, ist er dann wirklich umgefallen? Dabei geht es auch immer um „bad news are good news“, wobei ich mich immer öfter frage, war das jetzt ein Kommentar oder die Berichterstattung? Die Übergänge in den Gattungen sind fließend geworden. Presse-Freiheit scheint mit Beliebigkeit verwechselt zu werden. Sicher gibt es auch Unterschiede im Rollenbild der Journalisten. Die einen fühlen sich eher als „Anwalt“, die anderen eher als „Unterhalter“. Und jetzt kommen wir sicher zum maßgeblichen Teil der Krise in der Medienlandschaft. Zu berücksichtigen sind immer auch die Arbeitsbedingungen, unter denen Journalisten arbeiten müssen. Der Medienbereich kann nicht mehr losgelöst von den wirtschaftlichen Fundamenten einer Gesellschaft gesehen werden, vielmehr ist er auf das Engste damit verwoben. Jedoch haben z.B. Verlage auch zurückliegend große Fehler begangen, nämlich journalistische Beiträge von Anfang an nicht kostenpflichtig online zu stellen. Aber das scheint zu kommen.

P.S.: Ich bin nicht in der Medienbranche tätig

  • Antworten
bernhard jasper21.08.2012 | 14:20 Uhr

Journalismus

Sachverstand tut not !

Es gibt viele Gründe. Vielleicht sind alle menschlich, nur zu
menschlich.

Hier zwei:
1) Ein guter Journalist zeichnet sich nicht in erster Linie dadurch aus, daß er eloqent schreiben kann. Sondern dadurch, daß er von der Sache, über die er schreibt, was bis hinreichend viel versteht. Im Idealfall mehr als der Minister, Präsident, Professor, "Experte", den er vielleicht gesprochen, beobachtet hat. Wenn ein Journalist von der Sache tatsächlich hinreichend viel versteht, kann er sich auch eine offene kritische Berichterstattung über die genannten Perdsönlichkeiten - auch über Anzeigenkunden - erlauben. Denn eine sachliche Kritik ist für den Kritsierten oft weniger ärgerlich als vielmehr hilfreich. Hier mangelt es, so daß manches Elite-Medium tatsächlich längst zur "Bild-Zeitung" für Intelektuelle verkommen ist. Wenn kein sachlicher Inhalt, dann Zeilen oder Kolportage.
2) Es wird zu viel geschrieben. Eine Zeitung ist doch nicht ein bedrucktes Blatt Papier. Und ein Journalist sollte auch nicht danach bezahlt werden, wie viele Zeilen er abliefert. Und wenn die Seite nicht voll ist: Noch ein paar Nichtigkeiten. Und ob er jeden zweiten Tag auf Seite 4, oben, als Ober-Innen-Außen-Wirtschaft-Rechts-Überexperte prangt. Vielleich sollten manche mal einige Tage überhaupt nicht schreiben - müssen, weil der Verleger das so verlangt -, sondern lernen - in der Sache. Damit sie ggf. einmal selbst politische kreativ aktiv werden könnten. Nicht nur Pressepsrecher von Mutti. Zu viele Journalisten schreiben nicht, weil es sie drängt, zu helfen Probleme wirklich zu lösen sondern weil sie - redlich schon, so ist das eben - das Haushaltsgeld verdienen müssen. Vom Lernen - siehe vor - kann man ja nicht leben.

Kompromiß: Wenigstens etwas mehr Sachverstand gegen etwas weniger ... na ja, wir verstehen uns schon, oder ?

Günter Woltmann-Zeitler
A:NP ARBEITSGEMEINSCHAFT : NEUE POLITIK

  • Antworten
Günter Woltmann-Zeitler21.08.2012 | 14:21 Uhr

Ein Berufsstand im Niedergang

"Unlängst wurde der neu ernannte Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, in den Radionachrichten des Bayerischen Rundfunks als „Hardliner“ bezeichnet."

Dieser Satz spießt das Unvermögen deutscher Journalisten nur allzu genau auf. Das eigene Weltbild fließt in die Nachricht ein. Wahrscheinlich merken die Herrschaften dies gar nicht. Gab es früher nicht verantwortliche Redakteure, die Beiträge abnahmen?

Als ein weiteres Beispiel für unseriösen Journalismus empfinde ich die inszenierte Realität in den Nachrichtensendungen. Da schlendern scheinbar zufällig Politiker an einer Kamera vorbei - und Schnitt. Nach dem Schnitt stehen dieselben Politiker plötzlich vor einem Mikrofonständer und äußern sich zu einem Thema. Einfach nur grotesk. Absurd ist nicht nur, daß Journalisten meinen, ihren Zuschauern diese albernen Auftritte bieten zu müssen, sondern auch, daß Politiker aller Couleur mitspielen.

Man schaue sich auch einmal das Regional- bzw. Lokalprogramm des WDR-Fernsehens an: Journalismus auf Kindergartenniveau in einem beklagenswerten Ausmaß. Und das jeden Werktag.

Oder: Wundert sich eigentlich niemand, daß für deutsche Journalisten die Abschaffung des Adels 1919 anscheinend nie stattgefunden hat? Da wird von Baronen, Grafen und Fürsten fabuliert als seien die Nachfahren der ehedem Adligen immer noch in Saft und Kraft ihres Standes. Gewiß eine Marginalie. Dennoch kennzeichnend für die Geisteshaltung der Journalisten, für die republikanische Errungenschaften offenbar nicht mehr zählen.

  • Antworten
Wolfgang Schäfer21.08.2012 | 15:11 Uhr

dazu ein Beispiel

"...Da schlendern scheinbar zufällig Politiker an einer Kamera vorbei - und Schnitt..."
Ja, dafür gibt es sogar einen offiziellen Journalisten-Begriff (wer kann weiterhelfen?)... So ähnlich wie Anbahner... Hab ich selbst erlebt: als Panorama vom NDR eine Diffamierungs"reportage" über Christen machte, rief mich eine Redakteurin an, um mich als Interviewpartner bzw. Statementgeber zu "benutzen". Dabei wurde mir ein völlig falsches Sendungsziel vermittelt (ich wurde einfach belogen). Ich wurde dann bei der Aufnahme auch gebeten, etwas Typisches für meinen Hintergrund zu tun, nämlich in den Kirchenraum herein zu kommen und am Altar Kerzen anzuzünden. Danach saß ich dem Fragesteller und der Kamera gegenüber. In der späteren Sendung kam ich dann doch nicht vor, weil das, was ich zu sagen hatte, nicht in das ideologische Konzept der Sendungsmacher passte. Der mir angekündigte (moderate) Bischof Huber (EKD) war dann auch nicht mit von der Partie, dafür aber die feministische Jepsen. Ein Sektenbeauftragter wurde falsch zitiert, das Blog wurde später massiv zensiert... und und und... Und die Aufzeichnungen meiner "Sitzung" habe ich bis heute nicht zu Gesicht bekommen. ...

  • Antworten
Jens-Uwe Hensel21.08.2012 | 17:01 Uhr

Hardliner?

Ein seltsames Beispiel, das mit Bischof Gerhard Ludwig Müller. Was wäre ein Kirchenmann anderes, der alle Laien in seiner Diözese entmachtet und mundtot macht und am Liebsten wieder die Heilige Römische Inquisition mit Ketzerverbrennung einführen will?

  • Antworten
Kater Karlo21.08.2012 | 18:23 Uhr

Ja, ja, ja!

Exzellent treffend beschrieben! Aber es wird sich nichts ändern. Was sollte denn die Selbstdarsteller und selbsternannten Moralapostel dazu bringen, umzukehren?! Leser- und Publikumsmeinungen werden geflissentlich ignoriert, z.B. nach dem Motto "...wir danken Ihnen für die Rückmeldung; aber der von Ihnen kritisierte Fehler wiegt weniger schwer, weil der Kollege bei einem Großteil des Publikums anerkannt ist..." Innerredaktioneller Druck existiert offensichtlich nicht - jedenfalls nicht hinsichtlich des Wertmaßstabes "Qualitätsjournalismus". Ein Journalist fliegt heute nicht wegen schlechter Recherche oder schlechtem Text sondern aufgrund von Tabuübertretungen wie der Benutzung der Redewendung "Arbeit macht frei" oder der positiven Erwähnung der Mutterrolle in einem politischen deutschen System vor über 70 Jahren... Und immer noch oder wieder gilt, was Peter Hahne im Buch "Die Macht der Manipulation" einst schrieb: "Nichts ist subjektiver als das Objektiv einer Kamera"!

  • Antworten
mehlboggxer21.08.2012 | 16:29 Uhr

Besserer Journalismus

Ich stimme vollkommen zu - bis auf den Punkt, der YouTube betrifft. Fernsehen lebt von bewegten Bildern, und wenn sie ohne das eigene Leben oder das von anderen auf's Spiel zu setzen nur auf diesem Wege zu bekommen sind, dann sollte man sie benutzen. Die Einordnung und nicht immer nachprüfbare Authentizität der Bilder ist umso notwendiger. Aber wer kann denn schon garantieren, dass die Bilder namhafter Agenturen oder sonstiger Zulieferer nicht auch gelegentlich manipuliert und inszeniert sind? Solche Fälle gibt es schließlich zu Hauf.

  • Antworten
Gregor Rabe21.08.2012 | 18:11 Uhr

Daraus sollten Sie eine Serie machen!

Mir ist Ähnliches wiederholt aufgefallen, z.B. am 16.2. Der DLF berichtete, laut Medienberichten habe die Zahl der Patienten, die durch Ärztepfusch sterben, von 2009 auf 2010 von 1272 auf 1712 zugenommen. Der WDR hatte eine andere Nachricht: Immer mehr Menschen stürben an Ärztepfusch, wie die Bild-Zeitung berichte, die sich auf die Antwort einer kleinen Anfrage der Grünen an die Bundesregierung berufe.

Wenn man 2 derartige Jahreswerte hat, ist die Folgerung des DLF richtig, die des WDR aber unbewiesen und unbeweisbar. "Immer mehr sterben" bedeutet einen monotonen Anstieg (x1 < x2 => f(x1) <= f(x2)) oder suggeriert gar streng monotonen Anstieg (x1 < x2 => f(x1) < f(x2)) auch bei Zwischenwerten, also gestern weniger gestorben als heute, vorgestern weniger als gestern. Das kann man gar nicht wissen, vermutlich schwanken aber die Zwischenwerte und es gab Tage mit vielen Toten, die den Jahreswert hochtrieben (relative Maxima)

Schlechter Journalismus ist auch, sich auf die Bildzeitung, die die Zahlen bereits wertend unter das Volk brachte, zu berufen, wenn man nur die Veröffentlichung der vermutlich aussagekräftigeren Antwort der Bundesregierung als Bundestagsdrucksache warten muß, um dann selbst Schlüsse daraus zu ziehen.

Ob der neue Leiter der Glaubenskongregation ein Hardliner ist oder nur innerkirchlich von vielen als solcher bewertet wird oder bloß normal fromm, kann ich nicht beurteilen. In diesem Grenzfall zwischen Tatsachenbehauptung und Meinung mag eine vorsichtigere Formulierung besser sein. Aber darf man dann Rechtsradikale nicht mehr als solche bezeichnen, weil sie selbst lieber eine andere Bezeichnung hören?

Oder anders: Warum werden FreidemokratInnen als "Liberale" bezeichnet? Die haben doch längst die Partei verlassen (außer Baum und Hirsch). Da heißt ja nicht mal die Partei so. Bei "Sozialdemokrat" weiß ich inzwischen, daß damit meist nur die Parteimitgliedschaft gemeint ist, denn auch diese politische Richtung ist in der zum Verwechseln einladenden Partei kaum noch zu finden.
Schlimmer als die Tagesschau ist Heute, wo unverholen Werbung für andere Sendungen im ZDF-Programm betrieben wird (man denke an Rudi Assauers Alzheimererkrankung).

Es wäre auch nötig, ist mir jetzt aber zu anstrengend, den Verfall von Phoenix kritisch zu analysieren. Gerade in der Sommer"pause" kann man den täglich überprüfen.

Statt nichtssagender Bilder könnten Grafiken manches besser erklären, aber nicht solche, die gerne in Tagesschau genommen werden: Anstieg oder Rückgang mit immer den gleichen schrägen Pfeilen ohne Skalen, Vergleiche zu falsch gewählten Daten (bei Arbeitslosigkeit oder Inflation nicht zum Vorjahr, sondern zum Vormonat) usw. Mehr dazu kann man bei Gerd Bosbach: "Lügen mit Zahlen" nachlesen.

Darüber hinaus sollte man Geld nur noch in Mega-Euro angeben, damit die wirkliche Bedeutung klarer wird. Der amtierende Bundespräsident und seine noch lebenden Vorgänger bekommen demnächst je 0,017 M€ mehr als im Vorjahr, durch das Urteil des BVerfG kosten die Asylbewerber die öffentliche Hand rund 140 M€ mehr (weniger als 2 Euro je BürgerIn, aber man fordert schon die Beschleunigung des Verfahrens, um schneller abschieben zu können) und die erste Rate der Spanienhilfe, für die der Bundestag aus den Ferien kommt, kostet 100.000 M€. Bei "einhunderttausend Mega-Euro" merkt man eher als bei "100 Milliarden", daß das viel ist.

  • Antworten
Norbert Schnitzler21.08.2012 | 20:12 Uhr

infantilisierung

herr kissler erwähnte in seinem ausgezeichneten artikel, die infantilisierung des ZDF-heutejournals. darüber hinaus werden durch ständige " sport-extra "-sendungen, polit-formate, wie das magazin
frontal21, verdrängt. auch heute abend wieder. die ARD ist bei der versportisierung des programms aber auch durchaus aktiv. und erst diese ehemaligen sportreporter, die sich für entertainer halten...
dazu kommt ein nahezu zwanghafter jugendwahn: neulich wurde der neue
darsteller des " alten "(ZDF-krimiserie) präsentiert. der mann ist 49!

  • Antworten
fritz fr. illing21.08.2012 | 23:15 Uhr

Runterbrechen ist radebrechen

Alles wahr, alles richtig.
Das Handwerk ist unverzichtbar - auf die Haltung kommt es an.
Die (wohl vorschnelle) Abkehr von vormaligen Hohepriestern der Branche wie Hajo Friedrichs und Wolf Schneider brachte zwar auch die befreiende Subjektivität eines Constantin Seibt oder Stefan Niggemeier; aber auch die befindet sich damit nolens volens im Kielwasser des Kostendrucks. Und dessen Spardiktat wiederum gebiert - statt tragfähiger Erlösmodelle - beinahe täglich neue kopfscheue Entscheider (schnell) und Entscheidungen (billig).

  • Antworten
bildblogleser22.08.2012 | 10:28 Uhr

"Sechs Gebote für besseren Journalismus"

Sehr geehrter Herr Kissler!

Warum sind Ihre "Sechs Gebote" so langatmig?
Ist es nicht das Kennzeichen von "Geboten"/Regeln, knapp formuliert zu sein?

Regelbeispiele für JournalistInnen (und nicht nur für die):

1. Sei unabhängig oder lass das Schreiben.
2. Benutze keine Begriffe, die du selbst nicht verstehst oder die unbestimmt sind.
3. Trenne streng die Meldung von Fakten von der Darlegung bloßer Meinung.
4. Schmücke dich bei deiner Meinungsäußerung nicht durch die Erwähnung "großer" Namen - bringe besser eine eigene Meinung zum Ausdruck.

Mit freundlichem Gruß

Bert Steffens
Freier Philosoph
Andernach

  • Antworten
Bert Steffens22.08.2012 | 11:12 Uhr

Sehr geehrte Herr Steffens,

Sehr geehrte Herr Steffens,
die Gebote, denke ich, sind nicht langatmig. Sie bestehen aus sechs Sätzen/Appellen. Dass diese aber etwas ausgeführt und erläutert werden müssen, scheint mir evident. Inhaltlich sind ihre vier Regelbeispiele natürlich nicht zu beanstanden.
Mit freundlichem Gruß!

  • Antworten
Alexander Kissler22.08.2012 | 13:01 Uhr

Das unmündige Publikum gibt es nicht

Natürlich haben Sie Recht, wie auch nicht? Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, wird regelmäßig zur Reflexion geblasen. Kaum eine Berufsgruppe kritisiert sich selbst so gern und unablässig wie die der Medien. Und als Totschlagargument wird immer wieder das mündige Publikum bemüht, das von den Medienmachern nicht ernst genommen wird. Was macht denn dieses mündige Publikum? Abschalten? Weiterzappen? Abo kündigen? Zeitung verweigern? Mitnichten, denn sonst würden diese Medien längst zurückkehren zu klassischen Darstellungsweisen oder nach neuen Wegen suchen. Letzteres wird zumindest immer wieder versucht, wenn auch - und da bin ich ganz bei Ihnen - mit programmatischer Gewissenlosigkeit: Tabubrüche sind selten geworden. Weil kaum noch etwas wirklich schockiert. Weil sie der Tabubruch selbst zum Mittel geworden ist. Aber noch einmal: Wer schaltet weg? Wer kündigt sein Abo? Wer demonstriert sein Bedürfnis nach Inhalt und objektiver Berichterstattung? So lange die Mehrheit bei heute journal oder Fußball hängen bleibt, wird genau das im Hauptprogramm stattfinden. Und bei aller Sehnsucht nach der besseren Vergangenheit: schauen Sie sich einfach einmal die Nachrichten der 80er an - es ist wohl allein der Abwesenheit des Privatfernsehens zu verdanken, dass seinerzeit regelmäßig mindestens die Hälfte aller TV-Geräte um 20Uhr die Tagesschau empfing. An der zuverlässig aufbereiteten Berichterstattung lag es ganz bestimmt nicht.

  • Antworten
runword22.08.2012 | 17:16 Uhr

Stimmt ...

leider alles bis auf den letzten Punkt, wie ich als Journalist im Öffentlich-Rechtlichen bestätigen kann. Leider ist hier aber keinerlei Einsicht in die Notwendigkeit der genannten Veränderungen zu erkennen, nirgendwo. Lasset alle Hoffnung fahren ...

  • Antworten
Dr. Seltsam23.08.2012 | 17:13 Uhr

Zahlungsbereitschaft

"schwindende Bereitschaft zur angemessen Bezahlung"? Nun, ich würde ja gerne Zahlen, aber man lässt mich ja nicht. flattr-Buttons gibt es entweder nicht, oder sie werden nach ein paar Monaten wieder ausgebaut, weil nicht genug Leute zahlen. Klar, wenn sich niemand drum kümmert, mal die Position der Buttons zu optimieren. Bei Werbung oder der Wikipedia-Spendenkampagne wird doch auch optimiert wie verrückt.

  • Antworten
Daniel27.08.2012 | 18:30 Uhr

Zu wohlfeil

Dieser Artikel ist doch hoffentlich ein Witz! Mit der für uns Journalisten typischen Alleswisser-Haltung fordert er nichts anderes als eine Rückkehr in die Zeiten, in denen es noch kein Fernsehen gab. Misstraut den Bildern! Worte statt Bilder! Nichts populäres! Kein Humor!

Wenn die Redaktionen umsetzen würden, was der Artikel fordert, landeten sie sehr schnell bei einer besonders schrecklichen Ausgabe der "Aktuellen Kamera". Ohne Emotionen, ohne lebendige Momente, ohne Zuschauer.

Die Stärke des Fernsehens ist das Bild, die Lebendigkeit, die Gleichzeitigkeit. Wie viele starke, große, berührende Momente hat es jedem von uns schon geliefert? Auf die Idee, auf eine Ver(w)ortung zu setzen, kann echt nur ein Zeitungsredakteur kommen.

Fernsehen ist ein ANDERES Medium. Und schon deshalb verbietet es sich, für Zeitungen und Fernsehen gleiche Regeln aufstellen zu wollen. Dass vieles auf dem Bildschirm besser, sorgfältiger, nachgeprüfter, sachlicher und ausgewogener sein müsste: Sehr wahr. Aber Fernsehen wird immer in erster Linie das BILD bleiben, unterstützt von Worten, gelenkt von guten oder schlechten Regisseuren.

Was ist gegen die Kraft einer emotionalen Fernsehreportage einzuwenden, die den Zuschauern Fremdes, Nahes, Herrliches oder Schreckliches näherbringt? Was spricht dagegen, die Wucht von Bildern zu nutzen, um zum Beispiel die Schönheit der Natur oder die Zerbrechlichkeit unseres Planeten zu schildern? Verraten Gestik, Mimik und Sprachfarbe nicht viel mehr über Politiker, Sportler, Künstler, als es die meisten Zeitungsartikel vermögen?

Bilder sind ebensowenig schlecht wie Worte gut sind. Es kommt einzig und allein auf den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen an.

  • Antworten
Steven31.08.2012 | 17:30 Uhr

Beitrag zu Medien in der Krise

Sehr geehrte Kollegen bei Cicero, sehr geehrter Herr Kollege Kissler.
Keine Einwände, aber zwei Hinweise zu dem Beitrag "Medien in der Krise"! und den Kommentaren:
Es sind nicht die Medien in der Krise, das wäre ein wirtschaftliches Thema. Nein, es ist der Journalismus in einer existenziellen Krise. Nur zei kleine Beispiele: Prantls Lüge (auch wenn wir sagen: Vortäuschung, wird es nicht besser) auf der Seite 3 der SZ im liebedienerischen Artikel über den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Voßkuhle; die Berichte in ARD, ZDF (vor allem den Morgenmagazinen) über die Sportlerin Drygulla, die währene der Olympischen Spiele aus London abreiste, weil ihr Freund (früher) bei der NPD war und sie deswegen von den Journalisten übereifrig und unreflektiert in Gesinnungshaftung genommen wurde, trotz ihres Dementis. Es werden dies nun einige nicht gerne lesen: aber das war auch Goebbels Vorgehensweide: erst denunzieren, dann falsch zitieren, irgend etwas wird hängen bleiben. Die Kette ließe sich beliebig erweitern, sagen wir mal bis zu Sebnitz Mitte der Neunziger, wo Bild und die SZ (Prantl) die seltsam gleiche unrühmliche Rolle spielten, wo im Gleichklang Vorurteile und Falsches verbreitet wurden. . .
In einem Satz nach den zwei von mögliuhen zwei Dutzend Beispielen: Wir haben eine existenzielle Vertrauenskrise des Journalismus zu beklagen. Die wenigsten Journalisten aber werden dies sehen, einsehen, begreifen, ändern. Danke auch.

  • Antworten
Norbert Rheiner, Ulrich Schulze02.09.2012 | 20:47 Uhr

Nur eine Krise des Journalismus? / Schlechte Kapitelüberschrift

Dass immer mehr Journalisten ihr Handwerk nicht mehr zu verstehen scheinen, ist leider sehr wahrscheinlich. Aber dann stört mich die Zwischenüberschrift: "Legt den Werkzeugkasten weg". Das täte kein vernünftiger Handwerker. Es geht doch darum ihn richtig einzusetzen, oder?
In gewissem Sinne kann man den Journalisten sogar gar nicht mal so viel Vorwerfen, wenn überall ein Werteverfall stattfindet, angefangen von "Birnes" Ehrenwort, dass ihm wichtiger war, als der Amtseid bis hin zu Guttenbergs und Co. Journalisten, die sich da System-konform verhalten - und das bedeutet statt zu recherchieren sich ein paar Bilder oder Ö-Töne zu holen, die die eigenen Meinung belegen, bringt auch mehr Verdienst bei weniger Arbeit - passen sich eben an, wie normalerweise die Mehrheit verfährt. Dass das nicht mit der Rolle der Medien in eine Demokratie vereinbar ist, wenn stört das den noch?
Trotzdem tragen Journalisten, die sich anpassen, oder aus Mangel an Honoraren meinen sie müssten so handeln, erheblich mit zum Vertrauensverlust in der gesamten Gesellschaft bei. Auch, wenn sie vielleicht nicht dessen Urheber sind.
Ich arbeite seit fast 40 Jahren in diesem Beruf und bin immer wieder erstaunt, dass selbst gestandene Redakteure den Unterschied zwischen Interview und Bericht nicht kennen, oder Meinung und Nachricht vermengen. Zugleich stelle ich fest, dass der Markt für Journalisten, die sich Mühe geben enger wird, denn wer Aufwand treibt, muss den auch bezahlt bekommen, wenn er davon leben will.
Ich schätze, dass bei einigen öffentlich rechtlichen Sendern ein bis zwei Drittel der Freien Mitarbeiter nur für den Sender arbeiten können, weil sie sich selbst ausbeuten und durch ein zweites Standbein über Wasser halten. Wie soll da Unabhängigkeit und Qualität entstehen?
Und wenn man schon Fakten und Meinung in einem Beitrag haben will, dann sollte man das doch wenigstens klar kommunizieren: "Auf Grund der geschilderten Fakten, meine ich...." Da weiß der Rezipient Bescheid und hat die Wahl: Glauben, oder sich eine andere Meinung bilden.

  • Antworten
Cajo Kutzbach07.09.2012 | 13:12 Uhr

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Wulf Schmiese

Leicht gesagt. Die Mittwochskolumne von Wulf Schmiese

Von der Volks- zur 20-Prozent-Partei

SPD-Chef Gabriel auf der Pressekonferenz zum Parteijubiläum

Ist alt, sieht auch so aus: Cicero-Kolumnist Wulf Schmiese über den 150. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands


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