Tierrechtsbewegung - Moralische Fundamentalisten bedrohen die Wissenschaft

Kolumne: Grauzone. In Tübingen muss sich ein Labor des Max-Planck-Instituts den Vorwürfen und Beleidigungen von Tierrechtsaktivisten stellen. Die Kampagne zeugt von Hass, Gewaltbereitschaft und vor allem Desinformationen

Seit Monaten Wissenschaftler eines renommierten Forschungsinstitutes bedroht.
picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

So erreichen Sie Alexander Grau:

Er ist die am schnellsten wachsende Glaubensüberzeugung unserer Zeit: der Fundamentalismus.

Für jede Region und jede Kultur hat er etwas Passendes im Angebot. Militante Abtreibungsgegner und Evangelikale in den USA, Pfingstkirchler in Südamerika, Salafisten in europäischen Großstädten. Und für den neuheidnischen Westeuropäer gibt es fanatische Nichtraucherorganisationen, dogmatische Naturschutzverbände und eifernde Veganerinitiativen.

In Deutschland ist eine weitere Konfession des Fundamentalismus durchaus beliebt: die Tierrechtsbewegung. Der Tierrechtsbewegung geht es nicht um Tierschutz. Tierschutz ist aus Sicht der Tierrechtsbewegten Tierdiskriminierung. Oder wie es in diesem Milieu heißt: Speziesismus.

Wie diese Tierrechtsbewegung tickt, kann man seit September letzten Jahres in Tübingen beobachten. Dort werden seit Monaten Wissenschaftler eines renommierten Forschungsinstitutes bedroht, Mitarbeiter wurden beschimpft und beleidigt, und das Institut muss von einem Wachdienst geschützt werden. Was war passiert?

Gestrickte Kampagne aus Desinformationen
 

Im September letztes Jahr filmte ein als Tierpfleger eingeschleuster Tierrechtsaktivist des Augsburger Vereins „SOKO Tierschutz“ mit versteckter Kamera Versuchsaffen im Labor des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik. Die heimlich gedrehten Aufnahmen wurden publikumswirksam zurechtgeschnitten, mit emotionalisierender Musik unterlegt und mit einem unsachlichen, reißerischen Kommentar versehen, so dass der unkundige Zuschauer den Eindruck haben musste, in dem Tübinger Labor herrschten sadistische Zustände.

So richtig ins Rollen geriet die Kampagne, als Stern TV unter dem Vorwand des kritischen und investigativen Journalismus die von den Tierschützern wie beschrieben tendenziös montierten Aufnahmen zeigte.

Was folgte, war absehbar: Empörung, Beschimpfung, Entrüstung. Da half es auch nicht mehr, dass der Leiter des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, Prof. Stefan Treue, das Tübinger Labor überprüfte und Entwarnung gab: Es gäbe keine Hinweise auf eine Vernachlässigung der Tiere, diese würden professionell und mit großer Sorgfalt behandelt.

Selbstredend gab auch der – international hoch angesehene – Institutsleiter Nikos Logothetis eine ausführliche Erklärung ab, in der er die Vorwürfe der Tierrechtsaktivisten detailliert aus dem Weg räumte und als Desinformationskampagne entlarvte.

Höhere Wahrheit ohne Schattierungen
 

Doch durch Fakten und Aufklärung lassen sich Fanatiker naturgemäß nicht überzeugen. Für Fundamentalisten gelten nur die Tatsachen, die sie sich selber geschaffen haben – und sei es mit manipulativen Mitteln, es dient ja der höheren Wahrheit.

Daher greifen auch die bei diesen Debatten immer wieder vorgebrachten Argumente nicht: Etwa, dass ohne Tierversuche viele gravierende Fortschritte in der Medizin unmöglich gewesen wären oder dass die in Tübingen praktizierte Grundlagenforschung hilft, neuronale Erkrankungen besser zu verstehen.

Stimmt alles. Nur: In solchen Nützlichkeitsargumenten sieht der Tierrechtsaktivist eine Bestätigung seiner Position, zeigen sie doch, dass Tiere instrumentalisiert werden, um Menschen zu helfen. Das aber darf nicht sein. Deshalb muss Spitzenforschung in Deutschland unmöglich gemacht werden.

In der gedanklichen Welt des Tierrechtsaktivisten gibt es keine Schattierungen, keine Differenzierungen, keine Halbheiten. Dass man Tiere etwa ethisch angemessen und artgerecht behandeln kann, sie aus Gründen der Ernährung aber trotzdem tötet oder in der Medizin für Versuche einsetzt, ist dem Fundamentalisten viel zu kompliziert.

Zusätzliches Versagen der Zivilgesellschaft
 

Um die Welt schön übersichtlich zu halten, wird eindimensional gedacht und alles säuberlich in Gut und Böse eingeteilt. Und das Böse muss radikal bekämpft werden. Das rechtfertigt es, Forscher zu bedrohen und zu beleidigen. 

Gerade diese Gewaltbereitschaft zeigt jedoch, dass es den Tierrechtsaktivisten nicht um Tiere geht, geschweige denn um irgendeine Moral. Ihr eigentlicher Antrieb ist eine tiefe Misanthropie, ein Hass auf alles Menschliche – wie übrigens bei allen Fundamentalisten.

Doch was bei all dem irritiert, sind vielleicht nicht einmal die Fanatiker. Wirklich nachdenklich macht das Mitläufertum, die Bereitschaft „normaler Bürger“, Mitarbeiter des Institutes nicht zu bedienen, sie auf der Straße anzufeinden und zu beschimpfen.

Und so liegt der eigentliche Skandal nicht bei ein paar Wirrköpfen, sondern in dem Totalversagen der so gerne beschworenen Zivilgesellschaft. Wo waren die Mitbürger, die sich schützend vor die bedrohten Wissenschaftler stellten? Wo bleibt der Boykott jener Geschäfte, die Mitarbeiter des MPIs nicht mehr bedienen? Wo waren (in einer Universitätsstadt!) die Demonstrationen für freie Forschung und Wissenschaft? Weitestgehend: Fehlanzeige.

Hier also liegt die eigentlich Herausforderung: Widerstand zu leisten gegen moralischen Fundamentalismus, gegen Verblendung und Borniertheit. Und gegen die Sympathisanten und das Unterstützermilieu, das überall dort gedeiht, wo Halbwissen herrscht und die Sehnsucht nach fester Orientierung groß ist.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

*
*
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
*