Kolumne - Meinung ist billig, Meinung geht immer

Eine Meinungswelle rollt über das Land. Mit jedem Blog, jedem Facebook-Status, jedem Tweet schleift der Strom tausendhafter Meinungströpfchen das Flussbett glatt. Bis irgendwann nichts mehr an seinem Platz ist

Steinbrück, Brüderle, Augstein. Der Aufreger waren viele.
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Ich habe heute keine Meinung. Es gibt so Tage, da ist das alles irgendwie egal, da draußen. Wen zur Hölle interessiert es, ob in der Lasagne von Rewe Pferdefleisch ist. Wer kauft überhaupt Lasagne bei Rewe. Der ist doch selber schuld. In Russland ist ein Meteorit explodiert und hat über 400 Menschen verletzt, in Syrien sind in dieser Woche 10 Kinder gestorben als sie in einer Gasse Fußball spielten, in der eine Granate hoch ging. Manchmal fehlt einfach das Gleichgewicht, die Relationen verwischen, das rechte Gefühl für Wichtig- und Unwichtigkeit verschwindet.

Und dabei muss hier doch heute eine Kolumne entstehen. Ein flottes, persönliches meinungsstarkes Stückchen Text, das auf seine lockere Art dem Leser ein paar neue Gedanken und Erkenntnisse bringen soll. Kolumnen sind en vogue. Gefühlt gibt es jeden Tag eine neue zu entdecken. Da geht es um Kindererziehung, um Gewichtsabnahme, um Männer, Frauen, Geschlechtsteile, Soziales und Kochgewohnheiten. Kaum ein Themenkomplex, zu dem es keinen subjektiv erörternden Beitrag gäbe.

Diese journalistische Form ist ja auch geradezu dafür prädestiniert, die Themen des shitstormgeschüttelten Jahres 2013 abzubilden. Viele Online-Nachrichtenseiten haben im vergangenen Monat ein neues Allzeit-Hoch erreicht, die IVW – die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern – meldete gerade einen geradezu güldenen Januar: Steinbrücks Eskapaden, Brüderle und das Dirndl, Augstein und die Israelkritik, das N-Wort in Kinderbüchern und Claudia Roth, high-fivend mit einem iranischen Botschafter, dessen Regime die Menschenrechte mit Füßen tritt. Der Aufreger waren viele und wer sich nicht aufregen mochte, der konnte sich immerhin darüber aufregen, dass es die anderen taten.

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In jedem Fall ließen sich aus all dem zahlreiche Kolumnen stricken. Eine Meinungswelle rollt über das Land, reißend, vielfältig, auf allen Kanälen. Die Generation „Vielleichtsager“, die von der Frankfurter Allgemeinen Tageszeitung gerade ausgerufen wurde, scheint genau dem zum Opfer zu fallen: Mit jedem Blog, jedem Facebook-Status, jedem Tweet schleift der Strom tausendhafter Meinungströpfchen das Flussbett glatt. Bis irgendwann nichts mehr an seinem Platz ist, nichts mehr hält, niemand mehr steht.

Der Vegetarier muss sich plötzlich dafür rechtfertigen, dass für sein Sojaschnitzel der Regenwald abgeholzt wird, indische Frauen, die gegen Sexismus demonstrieren, werden dafür kritisiert, dass sie ihren Vergewaltigern den Tod wünschen. In einer Zeit der Relativierungen, in der Rechts und Links, Konservativ und Modern, Gut und Böse durcheinander geraten, kommen und gehen Meinungen, sie ändern sich, divergieren und finden wieder zusammen. Der Gefällt-Mir-Haken ist schnell gesetzt, ebenso schnell wieder steht der Status auf „Gefällt mir nicht mehr“.

Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum es Leser gibt, die an diesem Platz gerne eine meinungsstarke Kolumne lesen. Weil man sich an jemanden dran hängen kann, um sich nicht selber aufzuregen. Weil Journalisten dazu da sind, eine Ordnung herzustellen. Eine Meinung zu formulieren, Geschehnisse einzuordnen. Meinung ist schnell, Meinung ist billig, Meinung geht immer. Nur heute irgendwie nicht. Ich habe heute keine Ordnung. Gerade lese ich beim Freitag, Jürgen Fliege würde Rassismus vorgeworfen, weil er in einer Talkshow die katholische Kirche „türkenfrei“ nannte.

Tja… Nee.

Nächste Woche wieder.

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