Lisa Kränzler - Apologetin der Körperlichkeit

Lisa Kränzler schreibt und malt nach dem Lustprinzip. Ein Atelierbesuch zwischen Bahngleisen 

Lisa Kränzler
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Jungen, Oliver

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Auf dem Boden liegt ein bunt geflecktes Papier, sechs Quadratmeter groß, ein gutes Drittel des Ateliers beanspruchend. Der Banause könnte eine Unterlage aus einer Autolackiererei vermuten. Und die Urheberin würde das vielleicht nicht einmal übel nehmen, denn nichts läge Lisa Kränzler ferner als die auratische Überhöhung des einzelnen Bildes. Es komme auf den Prozess an, sagt sie, auf das Fühlen und Arbeiten, die Komponenten seien austauschbar. Eine Fabrik nennt sie ihr Atelier. Sechs Tage die Woche von 9 bis 18 Uhr verschwindet sie in dem von Künstlern und Autonomen besiedelten Gebäude zwischen den Freiburger Bahngleisen und möchte nicht gestört werden, nicht einmal vom Postboten, der auf sensible Künstlerseelen freilich keine Rücksicht nimmt.

Überhaupt: diese vermaledeite Außenwelt. Dringe in alles ein. „Ich kann Menschen einfach nicht leiden. Jeder will was. Stets hofft man, es könnte etwas passieren, eine Lebendigkeit entstehen. Aber es läuft immer auf Enttäuschung hinaus. Oder?“ Die lächelnd angehängte Frage wirft den misanthropischen Gestus über den Haufen. Das ist nicht nur kokett, sondern charmant frech, schließlich ist man gerade samt Fotograf und einem Haufen idiotischer Journalistenfragen in ihr Atelier eingedrungen. Sofort wird klar: Lisa Kränzler, geboren 1983 in Ravensburg, gehört zu den Komplizierten. Zu schlau, zu schnell, zu uneitel für das abgeklärte Frage-Antwort-Spiel. Sie ist diejenige, auf die man zwischen all den Künstler-Darstellern zu treffen hofft.

Fragen nach dem autobiografischen Gehalt ihrer Werke liegen so nahe, wie sie überflüssig sind: „Woran sind nicht die Eltern schuld? Die vergiften alles.“ Privates gibt Lisa Kränzler nicht preis. Bis vor einem Jahr kannte man sie nur im Umfeld der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo sie von 2005 an Malerei studierte und 2010 ihren Abschluss machte. Im anschließenden Meisterschülerjahr schrieb sie den Debütroman „Export A“, in dem eine Sechzehnjährige während des Austauschjahrs in Kanada verzweifelt nach dem Leben greift, das ihr immer mehr entgleitet. Selten wohl wurde ein Coming-of-Age-Roman mit Erbsünden-Verdammnis kurzgeschlossen. Der Mord am Ende mochte grell anmuten, aber der Stil ließ aufhorchen: sprachmächtig, authentisch, souverän. Hier spielte jemand mit Klischees pubertärer Radikalität, ohne auf sie hereinzufallen.

Es folgte soeben der Roman „Nachhinein“ über das Scheitern der Freundschaft zweier ungleicher „Blutsschwestern“, missbraucht und arm die eine, reich und überheblich die andere. Wieder geht es um Isolation und um die Einsicht, dass nicht einmal die Sexualität ihr Vereinigungsversprechen hält. Grausamkeit aus Selbstsucht ist das Leitmotiv. Das sei nicht pessimistisch, sondern realistisch: „Das, was man am meisten hasst oder liebt oder fürchtet, damit bleibt man immer allein. Eigentlich kann man nicht kommunizieren.“ Für einen Auszug aus „Nachhinein“ erhielt Lisa Kränzler den 3sat-Preis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb. Der Roman selbst wurde für den bedeutenden Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Damit ist Lisa Kränzler in Rekordzeit im Literaturbetrieb angekommen, zu Recht, denn eine ganz eigene Stimme verschafft sich hier Gehör. Ihre präzisen Visualisierungen faszinieren, obwohl darin oft eisige Kälte herrscht: „Fahles Licht sickert ins Zimmer, mischt sich wie Deckweiß in Möbel-, Boden- und Wandfarbe, hellt auf und kühlt ab. Bläuliche Schatten erinnern an bibbernde Lippen.“ Dass sich diese „Kopfbilder“ mitunter zu Gebirgen auftürmen, ist der Autorin natürlich nicht entgangen. Sie kehrt die Kritik um: „Und wenn es noch viel mehr wären? Der Plot ginge verloren. Ich stelle mir das ähnlich vor wie den Übergang zur abstrakten Malerei.“

Im Atelier sieht man, wie eng Schreiben und Malen für Lisa Kränzler zusammenhängen. Unvermischt treffen etwa auf dem bunt gefleckten Bild Industrielacke aufeinander, bilden scharfe Kanten aus. Unheimliche Lust bereite es ihr, das Gelb hart auf das Rot treffen zu sehen: „Jede der Farben behauptet sich, beides ist ganz da, kein Wischiwaschi. Man kann auch ein braunes Ölbild malen, aber dazu habe ich gar keine Lust.“ Das ist die beste Kurzfassung ihrer Kontrast-Poetologie.

Dann gibt es die wild mit Textmarker und Strichen bearbeiteten Din-A4-Seiten, den Anfang von Wittgensteins „Tractatus“ etwa. Getippt sind diese „Kunsttexte“ – wie die Romane – auf der mitten im Gerümpel thronenden „Brother AX 110“. Lisa Kränzler schwört auf das Reale des Schreibmaschinenanschlags gegenüber dem digital Imaginären. Überhaupt ist sie eine Apologetin der Körperlichkeit. Sie unterläuft das Berechenbare der „erschreckend wenig subversiven Gegenwartskunst“ mit dem Lustprinzip.

Sie habe, erzählt sie, einmal eine Riesenschreibmaschine konstruieren wollen, bei der man von Taste zu Taste springt. Mit genau diesem körperlichen Elan schreibt sie Romane. Das nächste Manuskript – wieder in Mädchenperspektive – ist abgeschlossen. Für den folgenden Satz würde der Banause natürlich hochkant aus dem Atelier fliegen: Alles Bildkünstlerische von Wittgenstein bis Industrielack war bei ihr vielleicht nur Vorbereitung und findet eine Vollendung in der Literatur. Es ist der eine Schritt von der Fabrik ins Offene. 

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