Kriegsmüde Nation

Die Doppelmoral des deutschen Pazifismus

Der marode Zustand der Bundeswehr hat auch mit der Kriegsphobie der Deutschen zu tun. Während andernorts Massenmörder durch die Lande ziehen, bejammert man hierzulande das Zuviel an Waffen auf der Welt und schwadroniert vom Dialog der Kulturen

Es könnte so einfach sein: Sag Nein zum Krieg!
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Gewalt ist hässlich. In jeder Form. Am besten wäre eine Welt ohne Gewalt. Besonders hässlich ist die organisierte Form von Gewalt zwischen Kollektiven und unter dem Einsatz militärischer Mittel, vulgo: der Krieg.

Kein Frage: Am schönsten wäre eine Welt ohne Krieg, ohne das Leid und das Elend, das er mit sich bringt. Und Krieg bringt immer Leid und Elend mit sich. Es ist eine leichtfertige Illusion zu glauben, man könne einen „sauberen“ Krieg führen. Allein die Vorstellung, dies sei möglich, ist nicht nur unredlich, sondern brandgefährlich.

Doch leider: Es kann der Friedlichste nicht in Frieden leben, wenn es dem unfriedlichen Nachbar nicht gefällt. Hier liegt das Problem. Wir kennen es schon vom Schulhof: Friedlich zu sein, ist eine schöne Sache. Aber was, wenn der Schläger aus der Nachbarklasse unbedingt eine Schlägerei will?

Die Sozialpädagogen unter uns kennen natürlich die Lösung: Deeskalieren, miteinander reden, Konflikte im Gespräch lösen. Feine Sache das. Im Prinzip. Dumm nur, wenn der böse Bube aus der Parallelklasse sich einfach schlagen möchte um des Schlagens willen.

Dann gibt es häufig nur eine Lösung: Das Ding muss ausgefochten werden. Es hilft alles nichts. Der Friedliche wird erst dann in Frieden leben, wenn er gezeigt hat, dass er der Stärkere ist. Dann ist erfahrungsgemäß Ruhe. Ansonsten droht Gewalt, Schikane, Mobbing und Terror. Mit dieser Einsicht gewinnt man keinen Preis im Ethikseminar, aber sie entspricht leider der menschlichen Realität.

Die Fabel über die friedlichen Kuscheldeutschen
 

Es sind diese einfachen und zugestandenermaßen einfältigen Kategorien von Gewalt, Gewaltandrohung und Gegengewalt, in denen die Deutschen verlernt haben zu denken – weil sie es verlernen wollten. Die Gründe dafür scheinen auf der Hand zu liegen. Deshalb erzählen fast alle Fachleute, gleichgültig ob Historiker oder Psychologe, auch dieselbe Geschichte.

Und die geht in aller Kürze so: Zwei Weltkriege hätten die Deutschen traumatisiert. Insbesondere der Zweite Weltkrieg, Bombennächte, Massensterben, Vertreibung und Flucht, hätte bei den Deutschen eine tiefe Aversion gegen jede Form militärischer Gewalt entstehen lassen.

Diese traumatisierenden Kriegserfahrungen seien noch verschärft worden durch die Einsicht in die eigene Schuld – nicht nur am Krieg selbst, sondern auch an der Shoa, die untrennbar mit ihm verbunden sei.

Im deutschen Bewusstsein sei daher die Forderung „Nie wieder Auschwitz“ mit dem Wunsch „Nie wieder Krieg“ amalgamiert. Die Alliierten hingegen, vor allem aber die Israelis, hätten aus dem Zweiten Weltkrieg die Lehre gezogen: „Wehret den Anfängen!“

Soweit die gute alte Fabel von der Entstehung der rundherum friedlichen Kuscheldeutschen. Doch ist sie wirklich plausibel?

Zweifel sind erlaubt. Dass die unmittelbare Kriegsgeneration nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen wollte – geschenkt und verständlich. Doch in der Zwischenzeit sind fast 70 Jahre vergangen. Das sind knapp drei Generationen. Die Befindlichkeiten moderner junger Deutscher mit den Kriegserlebnissen ihrer Urgroßeltern zu erklären, ist Psychohokuspokus der gehobenen Art – mehr nicht.

Nein, die Kriegsphobie der Gegenwartsdeutschen, ihr Unwillen, zur Not zur Waffe zu greifen oder genauer: greifen zu lassen, muss andere Gründe haben.

Nun könnte man natürlich argumentieren, der ganze Befund sei falsch. Natürlich seien die Deutschen in der Lage, ihre Werte und Interessen zu verteidigen. Nur sähen sie diese eben in Afghanistan genauso wenig bedroht wie in Syrien und im Irak. Ist die deutsche Kriegsunlust im Grunde nichts anderes als der Ausdruck eines knallharten Realismus? Schön wär’s.

Postheroische deutsche Wohlstandsbürger
 

Doch seltsam: Irgendwie hat man bei diesem Argument immer den Eindruck, dass es dem Kern des Problems ausweicht. Dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Nämlich darum, dass schon die Idee, dass es Werte oder deutsche Interessen geben könnte, die man mit militärischen Interessen verteidigen muss, an sich unvorstellbar ist. Man denke nur an den Shirtstorm, der einst über den armen Horst Köhler hereinbrach, weil er es wagte, Militäreinsätze auch zur Sicherung von Handelswegen in Erwägung zu ziehen – was für eine Handelsnation eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Seien wir ehrlich. Die deutschen Debatten um Sinn oder Unsinn kriegerischer Gewalt sind reine Scheindiskussionen. Sie dienen der Selbstberuhigung. Im Grunde herrscht in Deutschland ein unantastbarer Konsens darüber, dass der Einsatz militärischer Mittel unter allen Umständen zu vermeiden ist. Jede Wette: Im (zugegeben unrealistischen) Ernstfall fände sich nicht einmal eine Mehrheit für die Landesverteidigung.

Der postheroische deutsche Wohlstandsbürger ist weder willens noch mental in der Lage, seine unmittelbaren vitalen Interessen mit Waffengewalt zu verteidigen. Von dem Willen oder der Fähigkeit zur Nothilfe ganz zu schweigen.

Während nur 3.000 Kilometer entfernt Massenmörder Genozide veranstalten, ganze Kulturen auslöschen und Menschen bestialisch abschlachten, bejammert man hierzulande das Zuviel an Waffen auf der Welt, schwadroniert vom Dialog der Kulturen und geht erstmal auf die Wiesn – vermutlich weil man das eigene Geschwätz nüchtern kaum noch ertragen kann.

Besonders ausgeprägt ist diese Haltung in jenen Milieus, die im Zweifelsfall nicht schnell genug nach „Zivilcourage“ rufen können. Eine Zivilcourage allerdings, die nur dann mutig und entschlossen ist, wenn bierbäuchige Wirrköpfe mit der Reichkriegsflagge durch eine Straße latschen, ist keine Zivilcourage, sondern Moralwellness.

Wenn es allerdings ernst wird, wenn man es nicht mit ein paar grölenden Dumpfbacken zu tun hat, sondern mit Schlächtern, die vor keiner Grausamkeit zurückschrecken, dann wird erst einmal diskutiert: ob man sich da überhaupt einmischt und ob das moralisch vertretbar ist.

Der Hintergrund ist jedoch nicht Moral, sondern Bequemlichkeit und – hässliches Wort, aber man muss es einmal aussprechen – Feigheit. Die Welt ist schließlich so schön. Gerade jetzt im Spätsommer, mit all den Wein- und Bierfesten, den Erinnerungen an den Sommerurlaub, den Plänen für die Skiferien. Alles ist so harmonisch, behütet und sicher in unserer Welt sozialdemokratischer Rundumversorgung. Was soll da Blut, Tod und Elend? Das Leben ist doch so wunderbar.

Stimmt schon. Und irgendwie ist diese naive und wohlstandssatte Behaglichkeit nicht einmal unsympathisch. Besser als waffenklirrende Zackigkeit ist sie allemal. Doch der Weg von einer sicherheitsverliebten Gemütlichkeit zu blankem Zynismus und erbärmlicher Hasenfüßigkeit ist nicht weit.

Da wir aber in einer Demokratie leben, wollen Politiker wiedergewählt werden. Dazu brauchen sie Mehrheiten. Die bekommt man aber in Deutschland nicht mit höheren Militärausgaben und dem Ziel einer schlagkräftigen Armee. Brot und Spiele will die Sozialstaatsspaßgesellschaft.

Der marode Zustand der Bundeswehr ist lediglich das Spiegelbild deutscher Befindlichkeit und ihre logische Konsequenz. Die Frage ist nur, wie lange das gut geht. Denn schon die alten Römer wussten: „Si vis pacem para bellum.“ Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.

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