Inklusion durch Exklusion

Warum wir Grenzen brauchen

Kolumne: Grauzone. Grenzüberwindung gilt als Zauberformel für eine emanzipierte, moderne Gesellschaft. Aber wir brauchen Grenzen. Sie spenden Schutz, sie definieren uns. Grenzen sind ein Menschenrecht

Die naive Illusion einer unbegrenzten Inklusion von allen und jedem in alles und jedes ist nicht einmal eine positive Utopie.
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Für die einen sind sie Teufelswerk. Sie trennen Völker, sind Relikt eines längst überwunden geglaubten Nationalismus, Sinnbild von Provinzialität, Borniertheit und Rückständigkeit. Für die anderen sind sie die Lösung aller Probleme, ein Bollwerk gegen die Wanderungsbewegungen dieser Welt: Grenzen.

Kein Schlagwort der aktuellen politischen Diskussion ruft vergleichbare Reflexe hervor. An kaum einem Begriff prallen die politischen Grundhaltungen, die zurzeit die Debatte bestimmen, dermaßen aufeinander.

Der Grund dafür liegt zunächst in der politkulturellen Bedeutung des Begriffs „Grenze“. Denn gerade im neubürgerlichen Milieu der sich progressiv, weltoffen und international Wähnenden sind Grenzen mehr als nur administrative Einrichtungen, die Verwaltungseinheiten voneinander trennen. Für sie sind Grenzen Symbole all dessen, was es zu überwinden gilt. Schließlich sind Grenzen Instrumente der Abschottung, sie stehen der Utopie einer globalen, in Brüder- und Schwesterlichkeit verbundenen Welt entgegen, sie sind hässlich und gestrig, sie zementieren Ungleichheit und Exklusion.

Als Feind der Postmoderne
 

Doch der Begriff „Grenze“ hat weit mehr als nur eine politische Bedeutung. In modernen Gesellschaften ist er eingebettet in ein alltagskulturelles Bedeutungscluster. Hier liegt seine eigentliche Sprengkraft, deshalb ruft er mitunter so heftige Abwehrreaktionen hervor. Denn Grenzen zu akzeptieren, sie auch nur zu denken, widerspricht dem Lebensgefühl jener, die sich emanzipiert, frei von Bindungen aller Art und auf eine diffuse Art modern vorkommen.

„Grenzen überwinden“, ist der Schlachtruf des postmodernen Individuums. Gemeint sind dabei tendenziell alle Grenzen: soziale, kulturelle, biologische, technische, geografische. Das Ideal ist die hochgradig flexible, plastische und durchlässige Gesellschaft, die keine Grenzen zieht und keinen auf etwas festlegt – nicht einmal auf sein Geschlecht.

Die Grenze ist der natürliche Feind des modernen Selbstverwirklichungsindividuums. Um zu zeigen, dass es für dieses Individuum keine gibt, bucht es Trekking-Urlaube durch Nepal, quält sich beim Ultramarathon oder stürzt sich im Wingsuit irgendeinen Abgrund hinunter.

Umgekehrt gilt jeder, der sich – auf welchem gesellschaftlichen Gebiet auch immer – für Begrenzungen einsetzt als gestrig, spießig und beschränkt. Offenheit und Entgrenzung heißen die Zauberworte. Grenzen, das lernt man bei jedem durchschnittlichen Psycho- oder Managementcoach, sind etwas für Verlierer.

Als Schutz vor Vereinnahmung
 

Diese allumfassende Entgrenzungsideologie übersieht, dass Grenzen schützen und Identität stiften. Zugleich sind sie Ausdruck von Respekt. Deshalb erzieht man Kinder auch dazu, Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Grenzen zu ignorieren ist nichts anderes als Übergriffigkeit.

Keiner hat das treffender auf den Punkt gebracht als der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist.“ Und wenig später: „Der Mensch, insofern er wirklich sein will, muss dasein, und zu dem Ende muss er sich begrenzen“.

Deshalb sind Grenzen ein Menschenrecht. Sie schützen das Individuum vor Vereinnahmung. Sie konstituieren Autonomie. Nicht in der Grenzüberwindung zeigt sich das Individuum, sondern in der frei gewählten Grenzsetzung.

Was für Einzelne gilt, gilt ebenso für Gruppen und Gemeinschaften. Eine Gruppe definiert sich über ihre Grenzen. Genauer: Dadurch, wer zur Gruppe gehört, wer nicht und wem unter Umständen der Beitritt zu Gruppe gestattet wird. Das ist bei jedem Kleingärtnerverein so und sollte bei Staaten nicht anders sein.

Als Bedingung für Willkommenskultur
 

Die naive Illusion einer unbegrenzten Inklusion von allen und jedem in alles und jedes ist nicht einmal eine positive Utopie – es wäre der Horror. Individuen, und die Gruppen die sie bilden, definieren sich über ein Wechselspiel von Zugehörigkeit und Ausschluss. Daraus beziehen sie ihre Identität, ihr Selbstverständnis und ihre Würde. Inklusion ist ohne Exklusion nicht zu haben.

Diese triviale Einsicht kollidiert erheblich mit dem Selbstbild des modernen Zeitgenossen, seinem Lebensgefühl und der Zauberformel von der vollkommenen Offenheit, die unsere Gesellschaft wie eine Monstranz vor sich herträgt. Und hier liegt ein Problem.

Denn Grenzen schützen, sie definieren und geben dadurch Gehalt. Sie bewahren uns vor Beliebigkeit und Gleichmacherei – ohne Grenzen gibt es nicht einmal eine Willkommenskultur.

Vor allem aber: Wer intellektuell oder mental nicht in der Lage ist, selbst Grenzen zu setzen, dem werden sie gesetzt – durch andere. Das gilt für Individuen, das ist bei Gemeinschaften nicht anders. Der Preis dafür ist der Verlust von Selbstbestimmung.

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