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 > Heimat ist wie nackt vor Gott zu stehen

Salon
Andreas Maier

Heimat ist wie nackt vor Gott zu stehen

von 
Andreas Maier
1. Februar 2012
picture alliance
Heimat, Andreas Meier
Heimat muss man zugeben können, meint Andreas Maier

Die einen ziehen in den Prenzlauer Berg und wollen sich eine neue Heimat schaffen. Die anderen bleiben zu Hause, blenden aus und schönen sich ihre Bildbände. Warum ist es so schwierig, entspannt mit seiner Herkunft umzugehen?

Seite 1 von 3

Neulich stand ich in Ockstadt in der Wetterau, einem kleinen Dorf, an der Kelter. Wir machen dort Apfelwein. Der 16-jährige Sohn des Kelterwirts fragte mich, was eigentlich Heimat sei. Dieser Sohn ist in Ockstadt aufgewachsen und ganz und gar Wetterauer, näher gesagt Ockstädter, vom Scheitel bis zur Sohle und bis in die Tiefe seiner Seele hinein – freilich ohne es zu wissen. Ich sagte: Heimat ist das, was ständig verloren geht. Darauf er bloß: Hä?

Ich wies mit einer raumgreifenden Geste um mich, auf die umliegenden, alten Häuser, auf die Felder, und sagte: Was meinst du, was hiervon in 20, 30 Jahren noch übrig geblieben sein wird? Er schaute mich entgeistert an.

Heimat gibt es nicht. Sie ist eine Fiktion. Heimat ist so etwas wie unser erster Seelenzustand. Am Anfang ist alles um uns herum noch wie eine Ewigkeit. Eine Welt, als könne sie auf immer so bleiben wie sie ist. Heimat ist ein Sehnsuchtsraum. Wer konkret in einer Heimat lebt, erliegt einer Selbsttäuschung. Man kann an Vergangenem nur haften, wenn es verloren ist.

Bis in die „Heimat“-Bildbearbeitung durch die „Heimat“-Kundler geht die Heimatlüge (Heimatlüge: Herstellen eines nicht mehr existenten, vergangenen Zustands, als gäbe es ihn noch): Wenn ich den jüngsten Bildband über meine Heimatstadt Friedberg in der Wetterau aufschlage, sehe ich zuerst eine Perspektive von Osten, von dem Zuckerrübenfeld her, an dem ich aufgewachsen bin. Es ist natürlich genau die Perspektive, von der – einzig und allein – Friedberg noch in etwa so aussieht wie vor 150 Jahren. Man sieht die große Ringstraße nicht, die um die Burg gelegt wurde, man sieht die Neubausiedlungen nicht, und vor allem: Man sieht das riesige, inzwischen das Stadtpanorama beherrschende Industriegebiet im Süden nicht. Man sieht vielmehr: Alte Häuser, ein kleines Stadtbild, in der Mitte die Stadtkirche, davor blüht der Raps. Auf den nächsten Seiten erblickt man Detailansichten des Burgbergs, der Burgmauer, des Portals – was man nicht sieht, ist die B3 im Rücken des Fotografen. Wegen dieser B3 hat man jetzt eine Ortsumgehungsstraße gebaut und damit das halbe Feld zwischen Friedberg und Ockstadt (wo das obige Gespräch beim Keltern stattfand) wegplaniert. In jenem Bildband erscheinen die ersten Autos auf Seite 40 und kommen auch nur insgesamt drei Mal vor. Und zwar nur dort, wo es kameratechnisch unmöglich war, sie wegzulassen. Heimat, eine Ausblendung.

Heimatlüge, das ist ein hartes und schmerzhaftes Wort, und ich will es nicht einmal pejorativ gebrauchen. Und niemanden damit beleidigen. Dazu eine kleine Geschichte, nehmen wir sie auch als „Heimat“-Geschichte. In meiner Jugend war ich verliebt in die Tochter eines Buchhändlers. Jahrelang suchte ich die Buchhandlung, glaube ich, nur wegen ihr auf.

Vielleicht hätte ich ohne sie niemals all das gelesen, was ich damals gelesen habe. Ich holte sie an der Augustinerschule ab, dann spazierten wir am alten Landratsamt vorbei durch eine Gasse, die nicht mehr existiert, und liefen über das Feld nach Ockstadt, dem kleinen Kirschendorf im Westen Friedbergs. Auf dem Feld wies die Buchhändlertochter mit weiter Geste von Nord nach Süd und sagte, hier wollen die Wahnsinnigen eine riesige Straße hinbauen. Das war 1983, wir waren alle noch zu jung, um überhaupt nur einen Führerschein zu haben. Dieses Feld war für mich immer unser Feld. So wie diese Wetterauer Heimat immer meine Seelenlandschaft war, auch wenn ich niemals genauer schildern könnte, was das bedeutet.

Nächste Seite: Heimatlüge, Heimatschmerz oder Heimatsehnsucht

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Heimat

Hier sind meine Wurzeln, hier sind meine Elter, meine Großeltern, meine Spiel- und Schulkameraden. Hier habe ich meine Kindheit und Jugendzeit verbracht, Hier war meine erste Liebe, hier ist jedes Haus eine Erinnerungen und hier kennt man mich, hiermit ist meine Idendität verbunden.

  • Antworten
Otmar Schütze01.02.2012 | 17:20 Uhr

Geht man nur vom Begriff

Geht man nur vom Begriff Heimat aus, ist klar , dass jeder Mensch irgendwo so etwas wie Heimat haben muss, auch wenn es da nicht unbedingt so idyllisch ausssieht. Andererseits gehört ja gerade dieser Begriff zu jenen, so spezifisch deutschen, Worten, die so schwierig in eine andere Sprache zu überzetzen sind.
Das liegt zum Großteil daran, dass gerade im Deutschen dieser Begriff - ähnlich wie "Nostalgie" - mit der Vorstellung von Verlust, von etwas Vergangenem, verbunden wird. Das Heimat auch der Ort ist, der lebt, mit dem man nicht nur Schönes verbindet, der sich verändert und sich in Zukunft auch verändern muss und wird, ist der "deutschen Seele" völlig fremd.
Da ist irgendwann die Vorstellung einer heimeligen Heile-Welt-Heimat entstanden, einer Welt, in der noch "alles in Ordnung" war (war es noch nie!), eine Art poetische "Utopie", ein Konzept, das von Kunst und Industrie begeistert aufgegriffen wurde und seit 200 Jahren unsäglichen Kitsch produziert (Literatur, Malerei, Film, Musik, usw.).
Da, wo in anderen Ländern "Heimat" Identität und Kreativitât prägt und fördert, ist er in Deutschland zu einem Samlungsbegriff für ein etwas spießiges, reaktionäres Selbstbefinden verkommen, Ausdruck einer Angst vor jeglicher Veränderung, die ausblendet, was stört.

  • Antworten
at.engel03.02.2012 | 13:04 Uhr

Andreas Maier - unser Heimatdichter

Ich frage mich, warum liest eigentlich keiner Andreas Maier. Er wird zwar allenthalben gelobt, mit Thomas Bernhard verglichen (dem Armen), in höchsten Tönen rezensiert und wohl auch gut verkauft - jedoch zu lesen scheint ihn keiner. Es genügte nämlich, diesen Maier-Artikel zu lesen, um nie wieder etwas von diesem Autor zu lesen. Der Mann scheint (s)ein Thema gefunden zu haben, jedenfalls eins, das gut geht: Heimat sells. Allein, er kann nicht schreiben. Die Ansammlung von schiefen Sprachbildern, Worthülsen und verrutschten Metaphern ist atemberaubend. Wenn dem Wittgensteindiktum zufolge die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind, dann sind die Grenzen von Maiers Welt sehr eng gezogen; mit Heimat hat das allerdings nichts zu tun.
Beispiele gefällig (alle aus dem 1. Viertel seines Artikels) Maier MACHT Apfelwein, dieser Demiurg und Pomologe aus der Wetterau in einer Person. Bei uns Normalsterblichen wird er gekeltert oder gewonnen...
Maier, der Heimat, nein-: der Weltenerklärer, der (Achtung Phrasenreihe) dem Ockstädter VOM SCHEITEL BIS ZUR SOHLE, BIS IN DIE TIEFE SEINER SEELE, die Äpfel von den Augen reißt und dem offenbar nicht sonderlich hellen 16-Jährigen die Vergänglichkeit der Heimat, "des SehnsuchtsRAUMES, der eben noch ein SeelenZUSTAND", und zwar der erste(!!!) war, sichtbar macht, mit einer RAUMGREIFENDEN GESTE. Letztere scheint er sich von seiner Buchhändlerfreundin aus früheren Tagen abgeguckt zu haben, denn auch die wusste (Jahre früher, aber nur wenige Maier-Zeilen später), mit WEITER Geste zu agieren. Der gemeine Wetterauer scheint zu solchen imposanten Gebärden zu neigen.
Oder, als letztes Beispiel: Die beiden, die Buchhändlerstochter und er, der weitausgreifende Wetterauer Bub, waren damals zu jung, um "überhaupt nur einen Führerschein" zu haben. Mag sein, dass das Wetterauer Sprachfärbung ist, Deutsch ist das jedenfalls nur dem Klange nach.
Genug gelesen. So wabert und wackelt es durch den Artikel. Man mag sich das, zwischen zwei Buchdeckel gepackt und auf mehrere hundert Seiten aufgeblasen, gar nicht ausmalen, wie da die die Wetterau, die Heimat, die Heimatsprache, die Literatur zerschrieben wird. Ich frage mich die ganze Zeit, was lesen Rezensenten eigentlich, wenn sie Maier lesen. Vielleicht heimlich doch nur die Rezensionen der lobenden Kollegen?

  • Antworten
elsast03.02.2012 | 15:49 Uhr

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