Die einen ziehen in den Prenzlauer Berg und wollen sich eine neue Heimat schaffen. Die anderen bleiben zu Hause, blenden aus und schönen sich ihre Bildbände. Warum ist es so schwierig, entspannt mit seiner Herkunft umzugehen?
Neulich stand ich in Ockstadt in der Wetterau, einem kleinen Dorf, an der Kelter. Wir machen dort Apfelwein. Der 16-jährige Sohn des Kelterwirts fragte mich, was eigentlich Heimat sei. Dieser Sohn ist in Ockstadt aufgewachsen und ganz und gar Wetterauer, näher gesagt Ockstädter, vom Scheitel bis zur Sohle und bis in die Tiefe seiner Seele hinein – freilich ohne es zu wissen. Ich sagte: Heimat ist das, was ständig verloren geht. Darauf er bloß: Hä?
Ich wies mit einer raumgreifenden Geste um mich, auf die umliegenden, alten Häuser, auf die Felder, und sagte: Was meinst du, was hiervon in 20, 30 Jahren noch übrig geblieben sein wird? Er schaute mich entgeistert an.
Heimat gibt es nicht. Sie ist eine Fiktion. Heimat ist so etwas wie unser erster Seelenzustand. Am Anfang ist alles um uns herum noch wie eine Ewigkeit. Eine Welt, als könne sie auf immer so bleiben wie sie ist. Heimat ist ein Sehnsuchtsraum. Wer konkret in einer Heimat lebt, erliegt einer Selbsttäuschung. Man kann an Vergangenem nur haften, wenn es verloren ist.
Bis in die „Heimat“-Bildbearbeitung durch die „Heimat“-Kundler geht die Heimatlüge (Heimatlüge: Herstellen eines nicht mehr existenten, vergangenen Zustands, als gäbe es ihn noch): Wenn ich den jüngsten Bildband über meine Heimatstadt Friedberg in der Wetterau aufschlage, sehe ich zuerst eine Perspektive von Osten, von dem Zuckerrübenfeld her, an dem ich aufgewachsen bin. Es ist natürlich genau die Perspektive, von der – einzig und allein – Friedberg noch in etwa so aussieht wie vor 150 Jahren. Man sieht die große Ringstraße nicht, die um die Burg gelegt wurde, man sieht die Neubausiedlungen nicht, und vor allem: Man sieht das riesige, inzwischen das Stadtpanorama beherrschende Industriegebiet im Süden nicht. Man sieht vielmehr: Alte Häuser, ein kleines Stadtbild, in der Mitte die Stadtkirche, davor blüht der Raps. Auf den nächsten Seiten erblickt man Detailansichten des Burgbergs, der Burgmauer, des Portals – was man nicht sieht, ist die B3 im Rücken des Fotografen. Wegen dieser B3 hat man jetzt eine Ortsumgehungsstraße gebaut und damit das halbe Feld zwischen Friedberg und Ockstadt (wo das obige Gespräch beim Keltern stattfand) wegplaniert. In jenem Bildband erscheinen die ersten Autos auf Seite 40 und kommen auch nur insgesamt drei Mal vor. Und zwar nur dort, wo es kameratechnisch unmöglich war, sie wegzulassen. Heimat, eine Ausblendung.
Heimatlüge, das ist ein hartes und schmerzhaftes Wort, und ich will es nicht einmal pejorativ gebrauchen. Und niemanden damit beleidigen. Dazu eine kleine Geschichte, nehmen wir sie auch als „Heimat“-Geschichte. In meiner Jugend war ich verliebt in die Tochter eines Buchhändlers. Jahrelang suchte ich die Buchhandlung, glaube ich, nur wegen ihr auf.
Vielleicht hätte ich ohne sie niemals all das gelesen, was ich damals gelesen habe. Ich holte sie an der Augustinerschule ab, dann spazierten wir am alten Landratsamt vorbei durch eine Gasse, die nicht mehr existiert, und liefen über das Feld nach Ockstadt, dem kleinen Kirschendorf im Westen Friedbergs. Auf dem Feld wies die Buchhändlertochter mit weiter Geste von Nord nach Süd und sagte, hier wollen die Wahnsinnigen eine riesige Straße hinbauen. Das war 1983, wir waren alle noch zu jung, um überhaupt nur einen Führerschein zu haben. Dieses Feld war für mich immer unser Feld. So wie diese Wetterauer Heimat immer meine Seelenlandschaft war, auch wenn ich niemals genauer schildern könnte, was das bedeutet.
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