Geschlechterkorrekte Sprache

Bayerischer Rundfunk ächtet die männliche Endung

Kisslers Konter: Ratgeber für Journalisten wollen die Sprache geschlechtergerecht und migrantenfreundlich machen. Auch der Islamismus soll differenziert betrachtet werden. Letztlich entsteht so ein Gesinnungsdiktat der Wortwächter

Der Mann hat nicht mehr länger Vorfahrt: Die neue Sprache soll gendergerecht sein
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Na endlich: Auch der Bayerische Rundfunk will kreativ sein, „kreativ und fair“ sogar. Zu diesem Zweck hat er einen kleinen Leitfaden herausgegeben, bayrisch-blau und heiter-zitronig auf dem Titel, schwarz und blau auf Weiß im Innenteil, voll „praktischer Tipps“. Hinführen soll der Faden zu einem Ziel, das man gerne alternativlos nennte, wollte der BR als „modernes Unternehmen“ nicht künftig eine besonders „alltagstaugliche, gut lesbare und hörbare“ Sprache verwenden. Zugleich soll diese Sprache – und das ist das eigentliche Anliegen – „geschlechtergerecht“ sein, „denn wer nicht genannt wird, kommt nicht vor.“

Faktisch aber soll die männliche Endung künftig in allen Sendungen des Bayerischen Rundfunks nicht mehr vorkommen. Der Feldzug gegen diese wird als „sprachliche Gleichstellung“ verkauft. Es handelt sich um eine Ausmerzung. Weil der „Teilnehmer“ auf „–er“ endet, soll nur von der „Teilnahmegebühr“ die Rede sein. Aus „Feuerwehrmännern“ sollen „Einsatzkräfte der Feuerwehr“ werden, aus Experten Fachleute, die Medienpartnerschaft soll den Medienpartner, die Vertrauensperson den Vertrauensmann ersetzen. Es stört halt schon sehr, das Mannsbild.

„Keiner“ steckt voll Chauvinismus


Nichts mehr verloren hat laut der Broschüre „Faire Sprache“ darum zwischen Passau und Aschaffenburg auch der Antragsteller und der Herausgeber. Die Satzkonstruktion soll lauten „Wer einen Antrag stellt, der…“ und „herausgegeben von…“. Selbst dem harmlosen „Keiner“ geht es an den Kragen, nur „niemand“ ist gerecht. Und wer in seiner Reportage „so manchen“ in die Waagschale wirft, hat den bayerischen Schuss nicht gehört, „die eine oder der andere“ müssen es sein. Ob zur Not auch „der eine und die andere“ tolerabel wären? Oder lauert da der verteufelte Chauvinismus zwischen den Zeilen?

Die Münchner Sprachpolizisten und –innen sind in ihrem Reinheitswahn fortgeschritten, doch zur Meisterschaft fehlt ihnen einiges. Keine halben Sachen machen die „Neuen deutschen Medienmacher“ (NdM), ein eingetragener Verein aus Köln, 2008 gegründet. Deren neues „Glossar“ enthält auf immerhin 22 Seiten „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“. Und siehe da: Auch hier ist, frei nach Goethe, der falsche Weg so schwer zu meiden. Nur aus Fettnäpfchen scheint die deutsche Muttersprache zu bestehen. Immerhin hat sie Glück, keine Vatersprache zu sein, sonst würde es eng.

Keine Chance im Redaktionsalltag dürfen „illegale Migranten“ haben, es handele sich um „illegalisierte“ oder „irreguläre Migranten“. Auch das „Bleiberecht“ sei dünkelhaft, nur „Legalisierung“ korrekt. Das Hohelied der „multikulturellen Gesellschaft“ darf gesungen werden, der Hinweis auf eine „Parallelgesellschaft“ verbietet sich, denn „für Integration ist die gesamte Gesellschaft verantwortlich“. Deutsch-Türken und Deutsch-Griechen haben ausgedient, „Turko-Deutsche“ und „Greco-Deutsche“ frommen, komplett deutsch macht jeder Pass. „Arbeitseinwanderung“ wird empfohlen, von „Armutszuwanderung“ raten die Medienmacher ab. Wo eigentlich stecken die Macherinnen?

Islamismus ungleich Terrorismus?


Der „Ehrenmord“ soll zum „Mord im Namen einer vermeintlichen Ehre“ werden, die „Großfamilie“ zur „großen Familie“, um die Vermutung zu verhindern, „dass es in der Geschichte um Einwanderer geht“. Viel zu einfach macht es sich, wer nach einem Anschlag „mutmaßliche Islamisten“ ortet. Kompliziert, aber sensibel muss es heißen: „Die Polizei nahm einen mutmaßlichen Terrorverdächtigen fest. Die Behörden vermuten, er habe aus islamistischen/religiös begründeten Motiven gehandelt.“ Überhaupt begegne die Medienöffentlichkeit dem Islamismus gar zu undifferenziert. Islamismus, erfahren wir, sei „nicht gleichzusetzen mit Extremismus, Gewaltbereitschaft oder Terrorismus“. Aber nein! Eine islamistische Gesinnung sei nicht verboten, „sondern nur in Verbindung mit Gewalttaten strafbar“. In Islamistenkreisen liest man’s mit Freude.

Den neuen Fibeln und Glossaren aus München, Köln und anderswo werden bald Wörterbücher folgen müssen, Schulungsmaßnahmen und Sanktionsmechanismen. Wie will sich künftig der maximal korrekte Radiomensch, der die „Illegalisierten“ von den „Arbeitseinwanderern“ scheidet, verständlich machen mit den sonst klebrig umworbenen „Menschen da draußen“, die partout reden, wie der Schnabel ihnen wuchs? Werden Journalisten zu Volkspädagogen und Zurechtweisern, als die sie sich mitunter eh gerne sehen? Wo soll das offene, freie und riskante Gespräch gedeihen, wenn die Intuition fast immer falsch liegt und ein vorsorgendes Wortklempnertum nötig sein soll?

Sprache wird hier vom Abbild einer Wirklichkeit zum Siegel der richtigen Gesinnung. Nachrichten mutieren zu Mitgliedsmarken. Willkommen im Club der Guten! Der BR schreibt, Sprache ändere sich ständig, und „was heute noch sperrig oder seltsam klingt, kann morgen schon normal sein.“ Es kann aber auch, was heute normal sein soll, morgen nur noch seltsam tönen. Deren Sorgen möcht‘ ich haben – so wird der Stoßseufzer der Nachgeborenen lauten, wenn sie dereinst auf den Anfang des 21. Jahrhunderts zurückschauen. Und 2014 war es ganz besonders grauslig.

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