„Meister des Todes“ im Bundestag

Waffenhandel als Gesprächsanlass

Daniel Harrichs investigatives Dokudrama „Meister des Todes“ hat am Mittwochabend TV-Premiere. Es erzählt von fragwürdigen deutschen Waffenlieferungen an Mexiko. Vorab wurde der Film im Bundestag gelobt – und zum Sujet für einen feinen, folgenlosen Plausch

Peter Zierler (Hanno Koffler) ist Mitarbeiter des Waffenherstellers HSW. Als ausgezeichneter Schütze stellt er Kunden das Sturmgewehr der Firma vor.
SWR/Diwa Film

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Christian Füller arbeitet als Fachjournalist für Bildung und Lernen im digitalen Zeitalter. Zuletzt erschien sein Buch "Die Revolution missbraucht ihre Kinder: Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen". Er bloggt unter pisa-versteher.com. Foto: Michael Gabel

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Die Geschichte ist nicht neu. Im Jahr 2010 recherchierte der Journalist Jürgen Grässlin ein Waffengeschäft mit Mexiko – und erstattete Anzeige. Denn die zehntausendfache Lieferung des Sturmgewehrs G36 in das von Drogenkriegen beherrschte Land war nicht legal. Freilich ließen die Waffen des Waffenherstellers Heckler & Koch die Öffentlichkeit damals weitgehend unberührt. Das wird jetzt wohl anders werden. Am Mittwochabend rollt der Film „Meister des Todes“ des jungen Regisseurs Daniel Harrich den Deal noch einmal auf. Jetzt können die Zuschauer zur besten Sendezeit mitverfolgen, wie man menschenrechtliche Bedenken beseitigen kann – mit Hilfe der Politik.

Veronica Ferres spielt die moralisierende Ehefrau, die ihre Bedenken in Alkohol ertränkt. Heiner Lauterbach stilisiert einen jungen Mann zum besten Freund, um ihn fürs Geschäft zu gewinnen. Hanno Koffler spielt den Part des Naiven, der glaubt, die mexikanische Polizei würde mit seinem Schnellfeuergewehr Drogenbosse verjagen. Bis er kapiert, dass sie damit auch Demonstranten erschießt. Nicht nur dieser Teil des Films hat sich wirklich zugetragen. Daniel Harrich und Diwa-Film haben sich darauf spezialisiert, politisch komplizierte Stoffe so zu personalisieren und zu dramatisieren, dass sie jeder versteht.

Film hat „super gut gefallen“


Ob auch die Politiker des drittgrößten Waffenexporteurs Deutschland die Harrich'sche Parabel von Menschenrechten und Waffenhandel verstehen werden?

Einen ersten Einblick konnte man gewinnen, als der Film am 9. September im Bundestag voraufgeführt wurde. Abgeordnete beklatschten das Stück – als filmisches Ereignis. Und machten daraus sogleich eine rhetorische Übungsstunde. Der Menschenrechtsexperte der Union, Frank Heinrich, wollte erst einmal „ganz kurz sagen, dass mir dieser Film super gut gefallen hat.“ Er sehe sich da ganz als Cineast, der die Momente genießt, „in denen man sich gepiekst fühlt. Das war bei dem Film öfter.“ Für die reale Politik mit Gewehren schränkte der CDU-Abgeordnete allerdings sogleich ein, dass „ein gewisses Maß an Austausch von Waffen wichtig ist“. Heinrich fand den Film „außerordentlich praktisch“ – als Kommunikationsmittel mit der Bevölkerung, um Politik gut zu denken. „Ich werde das posten in allen meinen möglichen Netzwerken“.

Rein waffentechnisch geht es in dem Film, der eine deutsche Starbesetzung mit unter anderen Axel Milberg, Veronica Ferres und Udo Wachtveitl aufbietet, um Kleinwaffen, also nicht Panzer oder Kanonen, sondern um Gewehre. Gerne heißt es, moderne Kriege seien heute Drohnenkriege, da vergisst man schnell die Bedeutung des ordinären Schießgewehrs, das zwei Drittel der Toten in Kriegen verursacht. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan hat Kleinwaffen als „die Massenvernichtungswaffen in Zeitlupe“ bezeichnet.

Harsche Kritik an Heckler & Koch


Mit solchen Fragen kennt sich Rainer Arnold wahrscheinlich besser aus als jeder andere im Bundestag. Arnold ist der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, seit mehr als zehn Jahren erklärt er die Kriege und Katastrophen der Bundeswehr. Arnold war begeistert von dem Film – aber sehr zerknirscht über deutsche Waffenfirmen. „Ich kenne kein Rüstungsunternehmen – und ich kenne alle –, das so grottenschlecht aufgestellt ist in der Kommunikation, der Transparenz und auch im Umgang mit der Politik wie Heckler & Koch“. Da ging ein Raunen durch die Reihen der Zuschauer, wie offen und hart der Verteidigungsstar der SPD die Waffenindustrie kritisierte. Aber da hatten die Gäste noch nicht verstanden, was Arnold genau meinte: Es geht dem SPD-Politiker nicht um die Waffen oder ihren Handel. Für ihn spielt die kommunikative Begleitmusik die wesentliche Rolle.

[video:Trailer: Meister des Todes]

Die Botschaft des Harrich-Films ist eine doppelte: Erstens, liefert keine Waffen in Regionen, in denen Krieg herrscht. Also zum Beispiel nicht nach Mexiko. Und zweitens, guckt den Waffenherstellern und der Politik auf die Finger, damit sie Waffengeschäfte mit Staaten wie Mexiko nicht wieder herbeitricksen kann. Der SPD-Waffenexperte Rainer Arnold hatte wenige Minuten nach dem Film eine ganz andere Botschaft parat. „Ich wäre für legale korrekte Waffenlieferungen nach Mexiko“, sagte Arnold. „Weil dieses Land in enger Partnerschaft zu Deutschland und Europa in einem schwierigen Kampf mit massivster Bandenkriminalität steht, der man nicht mit guten Worten begegnen kann.“ Seit dem Ausbruch des Drogenkrieges in Mexiko im Jahr 2006 sollen dort 80.000 Menschen umgekommen sein. Die Waffenlieferung aus Deutschland, um die es in dem Film geht, fand 2006 statt.

Daniel Harrich hat sich auf die Fahnen geschrieben, mit seinen Filmen Politik zu verändern. Er hat die Sendung „Tatort Internet“ produziert, die Pädokriminelle im Netz überführte und heute zum Repertoire der Justizbehörden zählt. „Der blinde Fleck“ über das Oktoberfest-Attentat hat neue Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ausgelöst – 30 Jahre nach der Bombenexplosion. Vielleicht ist die Politik diesmal besser auf ihn vorbereitet. Mit viel rhetorischem Teflon.

In der ARD läuft am Mittwoch, 23.9., ein Themenabend zu deutschen Waffenexporten. 20:15 Uhr: „Meister des Todes“; 21:45 Uhr: „Tödliche Exporte“

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